Archivalien erzählen Geschichte(n)


Archivalien erzählen Geschichten.


März 2021 

Jüdisches Leben in Bingen

Vor wenigen Tagen fand in der Kölner Synagoge der Festakt zum Auftakt des Jubiläumsjahres 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland statt. Wie in vielen Städten entlang des Rheins ist auch in Bingen jüdisches Leben seit vielen Jahrhunderten präsent.

Ältestes Verwaltungsdokument der Neuzeit (ab 1800) datiert von 1826

Zurzeit lagern die Binger Akten der Zeit vor 1800 noch im Landesarchiv Speyer, darunter auch die mittelalterlichen Urkunden. Daher datiert das älteste Schriftstück zur jüdischen Geschichte im Binger Stadtarchiv aus der Zeit danach.

1826. Aus diesem Jahr ist das älteste Schriftstück zur jüdischen Geschichte im Binger Stadtarchiv Das Dokument ist Teil der Akte „Israelitische Schulen und Religionsunterricht“ (StA Bingen, Bestand 13, Nr. 295). Sie beinhaltet Verwaltungsgut aus der Zeit von 1826 bis 1921, vorwiegend aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Schriftstück von 1826 betrifft den „Unterricht der israelitischen Jugend“, wie in den ersten drei Zeilen am linken Rand dieses Stadtratsprotokolls vermerkt ist.


10 wichtige Ereignisse der jüdischen Geschichte Bingens

1160: älteste Überlieferung mit Erwähnung der jüdischen Gemeinde in Bingen durch den Reisenden Benjamin von Tudela

1254: älteste Überlieferung mit Erwähnung der Judengasse (heute Rathausstraße)

1368: älteste Erwähnung einer Judenschule in Bingen

1403: Bei einem Großbrand in der Stadt werden 75% der Häuser zerstört – die Judengasse ist betroffen (Auch weitere Großbrände – 1490 und 1540 – betreffen diese Straße)

1602: aus diesem Jahr ist der älteste Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Bingen

1689: älteste Erwähnung einer Synagoge in Bingen, die an der Stelle der früheren errichtet wurde: heutige Rheinstraße 4 (heute KUZ).

1789: Zerstörung der Synagoge durch einen Brand. Ein Relikt, der sogenannte Hochzeitsstein, befindet sich heute im Jerusalemer Israel-Museum. Wiederaufbau der Synagoge, die wir heute als alte Synagoge bezeichnen.  

1905: Bau einer zweiten Synagoge für die zweite, liberale jüdische Gemeinde in der Rochusstraße

1938: Zerstörung beider Synagogen am 10. November

1970: die Bruchstücke der zerstörten Synagoge in der Rochusstraße werden erst jetzt beseitigt.

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird:

Wieso gab es in Bingen zwei Synagogen?

Das Judentum kennt wie die anderen Religionen verschiedene Ausrichtungen, ähnlich der Konfessionen im christlichen Glauben. Darunter auch orthodox-gläubige und liberale. In Bingen gab es ab 1875 die Israelitische Religionsgesellschaft, die sich von der bestehenden Israelitischen Religionsgemeinde. abspaltete, da sie ihnen zu liberal in der Ausrichtung war: Einführung einer Orgel, stärkere Einbeziehung von Frauen und Predigten in deutscher Sprache. Diese Anpassung der jüdischen Kultur an die christliche Kultur Deutschlands begann in allen deutschen Ländern im Laufe des frühen 19. Jahrhunderts.

Es war die Zeit der Haskala und der Akkulturation der jüdischen Deutschen: Sie waren gläubige Juden und Deutsche gleichermaßen. Die alte Synagoge blieb bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das Bethaus der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft. Die Synagoge in der Rochusstraße wurde von der liberalen Israelitischen Religionsgemeinde errichtet.

Genau in diese Zeit fällt allerdings auch der Beginn des Antisemitismus‘: Während vor 1800 Gewalt gegen Juden vor allem aus christlichen Motiven geschah, war es nun das stärker aufkeimendes national-patriotisches Gedankengut. Vor 1800 war es die Periode des Antijudaismus: Juden wurde vorgeworfen, Christliches zu vergiften und zu entweihen. Ab 1800, getragen durch den beginnenden Nationalismus in Deutschland, mutierte es in einen Antisemitismus: Man verwehrte jüdisch gläubigen Deutschen die Zugehörigkeit zu ihrem Land, da sie sich gleichermaßen als jüdisches Volk bezeichnen. Diese exkludierende Haltung und die bewusste Verwischung von Religion und Nationalität durch das Wort Volk ist typisch für den Antisemitismus. Auch die aus der Rheinromantik bekannten Clemens Brentano und Achim von Arnim („Des Knaben Wunderhorn“) gehörten dazu. Von Arnim war Mitbegründer der „christlich-deutschen Tischgesellschaft“, der auch Brentano angehörte. Die Gruppe traf sich wöchentlich zum Biertrinken und hielt dabei Reden. Eine der bekanntesten Tischreden ist Arnims "Über die Kennzeichen des Judentums" von 1811, in der er gar die körperliche Stigmatisierung der Juden und "die Auflösung der Juden in ihre Bestandteile" forderte.

Die Blütezeit jüdischen Lebens in Bingen

„Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Binger Juden auf ein halbes Jahrhundert stetigen Aufstiegs zurückblicken konnten. […] Die wirtschaftlichen Bedingungen in Bingen müssen in französischer Zeit [1793-1813] so gut gewesen sein, dass den jüdischen Händlern eine erhebliche Verbesserung ihrer materiellen Lage gelang. Allerdings konnten nicht nur sie von dieser Situation profitieren, auch die christlichen Händler verzeichneten mehrheitlich ein Anwachsen ihres Vermögens. Die weitere Entwicklung in hessischer Zeit zeigt zudem, dass für die Binger Juden aus konjunkturellen Gründen kein Grund bestand, ihr angestammtes Berufsfeld zu wechseln. Während sich im Handelssektor eine zunehmende Spezialisierung feststellen ließ, die vor allen bei den Wein- und Ellenwarenhändlern [Stoffhändlern] zu einer Zunahme führte, erhöhte sich dagegen die Zahl der jüdischen Handwerker nur unwesentlich.“.

Zu dieser Feststellung kam Matthias Rohde, der die jüdischen Gemeinden in Rheinhessen im frühen 19. Jahrhundert untersuchte (Quelle: Rohde, Matthias: „Tief unter den christlichen Staatsbürgern“? S. 27.)

Jürgen Krome untersuchte für den zweiten Stadtgeschichte-Band über die Binger Neuzeit unter anderem die jüdischen Gemeinden in Bingen und stellte fest, dass der Anteil von jüdischen Binger*innen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts recht konstant bei 7-8% und damit prozentual noch vor Mainz und Worms lag. bis 1905 ging der Anteil auf 2,5% zurück –und dennoch: Bingen war 1905 damit wahrscheinlich jene deutsche Kleinstadt mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil. Anfang des 20. Jahrhundert ging der Anteil nur leicht zurück – bis letztendlich die Nationalsozialisten mit ihrer systematischen Verfolgung und Ermordung dem jüdischen Leben in Bingen zunächst ein Ende setzten. #NieWieder

Aber es war kein Ende für immer: Heute leben wieder jüdisch gläubige Menschen in Bingen.

In Deutschland feiern wir dieses Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Mehr zum Jubiläumsjahr bietet die Homepage des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" und beispielsweise durch das gleichnamige Feature der Deutschen Welle.


Übrigens

Die Gemeindearchive der beiden jüdischen Gemeinden in Bingen sind im CAHJP (Central Archives for the History of the Jewish People) in Jerusalem überliefert (Link zur Homepage).


Neuere weiterführende Literatur zur jüdischen Binger Geschichte

Aus der Reihe Binger Stadtgeschichte, herausgegeben von der Stadtverwaltung Bingen

  • Ebeling, Dietrich: Bingen in der Geschichte des 19. Jahrhunderts (1815-1870/71). Vom Ende der napoleonischen Zeit bis zum Beginn des Kaiserreichs (= Bingen – Geschichte einer Stadt am Mittelrhein 3.1). Bad Kreuznach 2017.
  • Krome, Jürgen: Bingen 1871-1918. Kaiserreich, Gründerboom und Erster Weltkrieg (= Bingen – Geschichte einer Stadt am Mittelrhein 3.2). Bad Kreuznach 2019.
  • Bernard, Birgit: Bingen 1930-1945. Die Zeit des Nationalsozialismus und ihre Vorgeschichte (= Bingen – Geschichte einer Stadt am Mittelrhein 3.4). Bad Kreuznach 2021.

Aus den Binger Geschichtsblättern der Historischen Gesellschaft Bingen

  • Schmandt, Matthias (Hg.): Bingen im Nationalsozialismus (= Binger Geschichtsblätter 28). Bad Kreuznach 2018.

Aus der Buchreihe des Arbeitskreises Jüdisches Bingen

  • Giesbert, Brigitte/Goetz, Beate/Götten, Josef: Juden in Bingen – Beiträge zu ihrer Geschichte (= Buchreihe Arbeitskreis Jüdisches Bingen 1). 2. Auflage, Bingen 2015.
  • Schmandt, Matthias: Lebensbilder Binger Juden aus dem Mittelalter (= Arbeitskreis Jüdisches Bingen 4). Bingen 2014.
  • Rohde, Matthias: „Tief unter den christlichen Staatsbürgern“? Zur Geschichte der Binger Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (= Arbeitskreis Jüdisches Bingen 5). Bingen 2015.
  • Eyß, Hans-Josef von: Geschichte der Juden in Bingen von den Anfängen bis 1905. (= Arbeitskreis Jüdisches Bingen 3). 2. Auflage, Bingen 2017.

Ältere Geschichten

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