Salzstraße 11, Allgemeiner Konsum-Verein (no. 280)

Erfolgreiche Spurensuche. Ein Bild bekommt eine Adresse.

Wir freuen uns immer, wenn es uns gelingt, eines der namenlosen Fotos im Stadtarchiv zuzuordnen. Bei der Abbildung des letzten ArchivDingsTag-Posts Nr. 279 („Weiße Woche“) vom 17. Februar 2026 konnten wir anhand der Schaufensterwerbung erkennen, dass es sich um die Verkaufsstelle des Allgemeinen Konsum-Vereins Bingen handelt. Unklar blieb, wo sich diese in Bingen befand. Das Bild trug lediglich den Vermerk „1926“. Den Link zum Foto findet ihr im ersten Kommentar des Originalbeitrags.

Warteschlangen vor dem Haus Salzstraße 11, wahrscheinlich aufgenommen 1917 oder 1918.Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung stießen wir im Zuge einer anderen Recherche auf ein Foto im Buch „Geschichte der Juden in Bingen – Teil II“ von Dr. Hans-Josef von Eyß, das die Zeit von 1914 bis 1933 beschreibt. Eine Aufnahme auf Seite 15 weckte unsere Neugier: Sie zeigt die Salzstraße mit dem Hinweis „Warteschlange vor einem Lebensmittelgeschäft in der Salzstraße 11“. Doch um welchen Laden handelt es sich? Und warum bildete sich dort eine Schlange?

Bei starker Vergrößerung ist auf der Fassade die Aufschrift „ALLGEMEINER KONSUM-VEREIN“ zu erkennen. Das war ein besonderer Moment – Heureka! Tatsächlich hatten wir kurz nach der Veröffentlichung das fehlende Puzzlestück gefunden und können nun ergänzen, dass sich die Verkaufsstelle des Allgemeinen Konsum-Vereins in der Salzstraße 11 befand.

Von Eyß führt für das Jahr 1927 auf, dass in der Salzstraße 11 das Butter-, Eier- und Exportgeschäft der Gebrüder Schneider eingetragen ist. Ob die Familie Schneider den Laden des Konsum-Vereins führte oder erst ein Jahr später dort ihr Geschäft hatte, bedarf weiterer Recherchen.

Unser heutiges Foto entstand vermutlich 1917 oder 1918, mitten im Ersten Weltkrieg. Einer Zeit, in der Lebensmittel in Bingen knapp waren. In fünf, zeitweise sogar sechs Lazaretten mussten täglich nicht nur Hunderte Verwundete versorgt werden; auch einquartierte Soldaten sowie jene, die auf dem militärisch wichtigen Verschiebebahnhof Bingerbrück eingesetzt waren, mussten verpflegt werden.



Durch die zunehmenden Einberufungen fehlten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Zudem war Deutschland bei der Fleischversorgung auf Futtermittellieferungen aus dem Ausland angewiesen, die jedoch ins Stocken gerieten. So kam es zu einer spürbaren Verknappung landwirtschaftlicher Produkte und insbesondere von Fleisch, das schließlich fast nur noch über Zuteilungen erhältlich und schnell vergriffen war. Vor den Geschäften bildeten sich lange Schlangen in der Hoffnung, noch Fleisch oder Wurst zu bekommen, bevor alles ausverkauft war.




Am 9. November 1918 dankte Kaiser Wilhelm II. als deutscher Kaiser und preußischer König ab. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags am 11. November 1918 im Salonwagen des französischen Marschalls Ferdinand Foch im Wald von Compiègne endeten die Kampfhandlungen. 194 Soldaten aus dem damaligen Binger Stadtgebiet, darunter 24 jüdischen Glaubens, waren gefallen.




Ende November 1918 war die Versorgungssituation in Bingen besonders dramatisch. Die Stadt wurde von zurückkehrenden Frontsoldaten, die alle versorgt werden mussten, regelrecht überflutet. Am 30. November 1918 waren in Bingen und seinen damaligen Stadtteilen Gaulsheim und Kempten rund 9.000 Soldaten mit etwa 400 Pferden einquartiert.


Anfang Dezember 1918 wurde Bingen durch französische Truppen besetzt. Die Besetzung dauerte bis zum 21. Mai 1930.

#ArchivDingsTag, 17. März 2026