Weiße Woche 1926 (no. 279)

Heutzutage bringt man die Bezeichnung „Weiße Woche“ eher mit Wintersport in Verbindung. Der Ausdruck geht auf „Weißware“ oder auch „Weißzeug“ zurück und stammt aus der Kaufmannssprache.

Verkaufsstelle des genossenschaftlichen Konsumvereins Bingen im Sommer 1926.Während er sich heute auf elektrische Großhaushaltsgeräte bezieht, bezeichnete er vor hundert Jahren Artikel aus unbedruckten, weißen Leinen- oder Baumwollstoffen, die als besonders hygienisch und hochwertig galten, wie Unter- und Nachtwäsche, Bett- und Tischwäsche, Handtücher, Schürzen etc. Weiß symbolisierte Reinheit, Sauberkeit und Wohlstand. Gerade im Bürgertum spielte ein gut gefüllter Wäscheschrank eine große Rolle.

Auch die sogenannte Aussteuer – also die textile Grundausstattung für die Ehe – bestand zu einem erheblichen Teil aus „Weißzeug“. Ein gut geführter Wäscheschrank war Zeichen von Fleiß und vorausschauender Haushaltsführung der Hausfrau.

Vor 100 Jahren war die „Weiße Woche“ für unsere Großmütter und Urgroßmütter nicht nur ein Einkaufereignis. Die Tage hatten auch eine soziale Funktion, traf man doch in der Regel Verwandte und Bekannte aus anderen Gemeinden oder auch Schulkameradinnen, die in andere Orte geheiratet hatten. In einer Zeit, in der private Telefonanschlüsse noch sehr selten waren, war dies eine willkommene Gelegenheit zum „Wie-geht-es“-Austausch. Auch ein neugieriger Blick in die jeweils andere Einkaufstüte gehörte gern dazu. Was hatte sich die andere bereits „geleistet“, wonach war man beiderseits noch auf der Suche?

Auch damals spielte das günstige Einkaufen eine große Rolle. Zwar hatte sich 1926 die wirtschaftliche Lage nach der Hyperinflation und Währungsreform von 1923 wieder einigermaßen stabilisiert, doch Geld war immer noch recht knapp. Damit beginnt auch der Text des Zeitungsberichts.

Eines weiteres Foto aus der Verkaufsstelle des genossenschaftlichen Konsumvereins Bingen im Sommer 1926„Es gibt heute wohl wenige Menschen, die nicht über die schlechten Zeiten und über die teuren Waren klagen. Jeder sucht eine günstige Gelegenheit, seinen Bedarf an Kleidungsstücken und Wäsche billig zu decken. Die Inventurausverkäufe [im Januar] mit ihren Massenangeboten von Waren kamen diesen Wünschen sehr entgegen.“

Mit der nachfolgenden bildhaften Beschreibung kann man sich gut vorstellen, wie es im Februar 1926 in den Binger Straßen mit den damals noch deutlich kleineren Geschäften und deren schmalen Schaufenstern aussah.

„Kaum sind jedoch die Inventurausverkaufsplakate von den Schaufenstern verschwunden, und schon künden noch größere die Weiße Woche an. Da die Schaufenster für die ungeheuren Lettern nicht genügend Platz boten, macht man die Fassaden den Reklamezwecken dienstbar, und in einer Lichterfülle getaucht, strahlen uns am Abend die riesigen W. W. entgegen. Noch mehr Gelegenheit zu staunen hat man, wenn man die Schaufenster betrachtet. Wäsche für Damen, Herrn und Kinder sind zu Bergen aufgetürmt, aus Taschentüchern sind Schiffe, Bäume und Clowns von eifrigen Dekorateuren kunstvoll zusammengestellt.“

„Jedoch nicht nur die Wäschebranche hat ihre Weiße Woche, sondern auch die fernerliegenden Branchen haben alles, was weiß ist, in delikater Art zusammengestellt. Hier sieht man Küchengeschirre, Emaillewaren und Porzellan in nicht minder künstlerischer Dekoration zum Mitnehmen einladen. So bieten also alle Geschäftshäuser eine schöne Harmonie in weiß und wenn man die vielen Menschen vor den Schaufenstern sieht, so darf man glauben, dass der Absatz weißer Waren in dieser Woche nicht unbedeutend sein wird.“

Fotos: Ein Foto aus der „Weißen Woche“ ist leider nicht archiviert. Die beiden Fotos sind im Sommer 1926 aufgenommen und zeigen die Verkaufsstelle des genossenschaftlichen Konsumvereins Bingen. Leider ist der Standort des Ladens unbekannt. Auf dem großen Plakat auf Foto 1 wird für die 75-Jahr-Feier des MGV Concordia 1851 vom 3.-12.8.1926 geworben.

#ArchivDingsTag, 17. Februar 2026