Heute vor 80 Jahren: "Als die Amis kamen"

Auszug aus dem Tagebuch von Franz Herter, Bingerbrück. Zum Vergrößern bitte anklicken.Im Anschluss an den letzten ArchivDingsTag lassen wir heute die Zeitzeugen Rosel Brandt aus Büdesheim und Franz Herter aus Bingerbrück zu Wort kommen. Auszüge aus dem Tagebuch von Franz Herter könnt Ihr in dem Foto (rechts) nachlesen. Die Erlebnisse der beiden zeigen, dass die Befreiung der Stadtteile unterschiedlich abgelaufen ist.  

Rosel Brandt schrieb in ihrer Aufzeichnung vom immer lauter werdenden Grollen der Kanonen als Zeichen der nahenden Front. In Büdesheim wurde ein Volkssturm der über 50jährigen Männer und über 16jährigen Jugendlichen aufgestellt, der aber „Gott sei Dank“ nicht zum Einsatz kam und auf  em Gelände der heutigen evangelischen Kirche positionierte sich eine Gruppe deutscher Soldaten, die von SS-Männern befehligt wurden.

Furore machte ein „junger, übereifriger Leutnant, der sein Hauptquartier im Bereich der Deutschen Weinkellerei (DW)“ (heute denkmalgeschütztes, neugotisches Haus Hitchinstraße 36) aufgeschlagen hatte. „Unter anderem sauste er mit seinem Fahrrad durch das Ort, empfing und erteilte Befehle und was ihm sonst noch für unsinniges Zeug einfiel. […] Ein Teil unserer Soldaten war auch in der Schule stationiert, wo auch Gewehre und Munition deponiert waren. Das gleiche auch im Kindergarten. Als die Amerikaner [Anm. am 19. März 1944] eintrafen und dies alles vorfanden, sprengten sie die Schule in die Luft. […] Nur dem geistesgegenwärtigen Eingreifen der Nachbarschaft im Schießgraben war es zu verdanken, daß dem Kindergarten dieses Schicksal erspart blieb. Sie hatten vorher die Waffen entfernt. […] Zu dieser Zeit war unser Unterort (Siedlung) noch ziemlich unbebaut. So hatten wir von unserem Haus aus, der damaligen Roonstraße, heute Am Mühlteich, einen freien Blick in die Münsterer Weinberge. Wir sahen einen Panzer hin und her fahren, der Schüsse in Richtung Rüdesheim abfeuerte.“

Sehen konnte sie dies, weil sie – was eigentlich gefährlich war – den Schutz des DW-Kellers verlassen hatte, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen und die Hühner zu füttern.

„Vielleicht wäre alles viel friedlicher abgegangen, wenn unser übereifriger Leutnant nicht auf die unglückliche Idee gekommen wäre, vom Türmchen der „DW“ aus nach Münster Sarmsheim zu schießen. […] Die Amis erwiderten mit Artillerie. Unsere Siedlungshäuser bekamen einige Löcher ab.“

„Als sich die Schießerei beruhigt hatte, war auch unser Leutnant wieder auf der Straße zu sehen. Voller Zorn bemerkte er weiße Fahnen, die an einigen Häusern befestigt waren und wollte sie herunterreißen. Dem Herrn Grünewald in der Steinstraße drohte man sogar mit erschießen, wenn dieses weiße Tuch nicht auf der Stelle verschwinde.“

„ An der Altdeutschen Weinstube war eine Panzersperre, die von einigen Leuten, wie auch Lehrer Kraus, weggeräumt wurde“ und dies rechtzeitig bevor die US-Amerikaner aus Richtung Dietersheim einrückten.

Von Josef Breckheimer hat sie folgendes Erlebnis erzählt bekommen, nachdem dieser sich aus dem Keller herausgewagt hatte. „Vater öffnete die Fensterläden. Ein amerikanischer Soldat stand vor dem Haus, drehte sich sofort wieder um und fragte. „Was sind das für Haafe?“ [Anmerkung: Haufen]. Was meint denn der? […] Er meinte die gehäufelten Spargelfelder. Auf die verwunderte Frage, woher er so gut deutsch sprechen könne, sagte er nur: Meine Eltern sind in den 30er Jahren von Frankfurt aus nach Amerika ausgewandert, und ich spreche nur Frankfurter Deutsch.“ Auch berichtete ihr Breckheimer einige Zeit später von den ellenlangen Weißbroten der US-Feldküche in der altdeutschen Weinstube, die er dort gesehen habe.

Ein einschneidendes Ereignis war die Beschlagnahmung ihres Hauses und weiterer Häuser.  „Innerhalb einer Stunde hatten wir unsere Wohnungen zu verlassen. […] Wir fanden Aufnahme bei Familie Danger, Keppsmühlstraße. Einige unserer Nachbarn im Ort bei Verwandten oder Freunden. Dabei muß ich das echt menschliche Verhalten der Frau Wink (Spedition) lobend hervorheben. Sie nahm alle auf, die nicht wussten wo hin. Es könnten 8 Wochen gewesen sein, in denen wir ausquartiert waren. In dieser Zeit kam mein Vater und Bruder Fritz aus der Gefangenschaft heim. Da sie nach der Kapitulation festgenommen wurden, waren sie „entwaffnete Deutsche.“

Das Foto soll den US-Beschuss der Innenstadt beim Heranrücken der US-Armee festhalten.Bei den eintreffenden US-Soldaten war auch ein Panzerspähwagen dabei, gefüllt mit Kisten voller Schokolade die an die Kinder verteilt wurden. Und auch die vielen schwarzen US-Soldaten waren etwas Neues und manche fürchteten sich vor ihnen. Als einer „baumlanger schwarzer Soldat“ bei der Wäscherin Frau Wendel eintrat, schrie diese erst einmal voller Angst um Hilfe. Der Soldat konnte sie aber schnell beruhigen. Es war ein Militärgeistlicher mit einem Kreuz auf der Brust, der ihr verständlich machte, dass er nur gerne seine Wäsche von ihr gewaschen haben wolle. Wäschereidienste leisteten dann auch weitere Frau im Stadtteil. Entlohnt wurden sie mit begehrter Seife, Schokolade, Erdnussbutter u.s.w.

„So froh wir waren, daß der Krieg für uns zu Ende war, so skeptisch stand man doch den fremden Eindringlingen gegenüber. Sie kamen aus einer anderen Welt und sprachen eine andere Sprache.“ Und auch hierzu hat sie Episoden notiert. Zum Beispiel von den Soldaten, die zu Herrn Krauss kamen und „fünf Gack“ wollten. Gemeint waren übrigens Eier, die er aber nicht hatte, da die Hühner mangels guter Nahrung kaum Eier legten. Oder von Friseur Fritz im Salon Wohlfahrt, der einem US-Soldaten die Haare schnitt und fand, dass dieser auch eine Rasur nötig hätte. So fragt er im Büdesheimer Dialekt „soll ich you den Bart abschärfe [rasieren]?“ Der Amerikaner stutzte, strich über sein Gesicht und sagte dann „yes, schärfe, schärfe“.
Oder von jenem Nachbarn, der in seinem Garten einen Schutzbunker angelegt hatte. Die US-Soldaten befürchteten dort aber ein Widerstandsnest und „erstürmten“ den Bunker mit einer stabsmäßigen Militäraktion – zur leichten Erheiterung der Nachbarn, die natürlich wussten, dass es ein rein familiärer Schutzraum war.

In Büdesheim war der Krieg vorbei. Doch nachts hörte man noch eine ganze Zeit lang den Kanonendonner und das Maschinengewehrfeuer von der Front. Dort war der Krieg noch nicht zu Ende und das Sterben hielt an.

#ArchivDingsTag, 18. Juni 2025