Heute vor 80 Jahren: "Die Amis kommen"

Nach dem Scheitern der Ardennenoffensive Ende Januar 1945 rücken die Alliierten rasch durch Eifel und Hunsrück vor.  Am 15. März 1945 marschierten deutsche Soldatenkolonnen à 15 bis 20 Männer Tag und Nacht durch die Straßen unserer Stadt zum Rheinufer, um auf die andere Seite zu gelangen. Soldaten, die müde, hungrig und durstig sind, sowie „armselige Gespanne“ mit erschöpften Pferden „die kaum noch den Kopf hochhalten können“, wird einem Zeitzeugen notiert.

Die Zerstörungen am Westflügel der Burg KIopp...Plötzlich ertönte eine laute Detonation. Das Gerücht „die Hindenburgbrücke wurde gesprengt“ machte die Runde und bestätigte sich schnell. Die deutschen Soldaten reagierten mit Wut auf die ihrer Meinung nach zu frühe Sprengung durch deutsche Sprengkommandos. Schließlich dauere es noch Stunden oder Tage bis die US-Amerikaner in Bingen wären, hieß es. Bis zur nächsten Rheinbrücke bei Mainz reichte oft der Treibstoff nicht.

... und im Burghof.Die deutschen Soldaten brachten zudem die Nachricht mit: „Die Amis sind in Kirchberg.“ Am nächsten Tag, dem 16. März 1945, folgten Berichte: „Die Amis sind in Stromberg, St. Goar und Kreuznach.“ Am Nachmittag des nächsten Tages erneute Detonationen. Die deutschen Sprengkommandos hatten die mittleren Bögen der Drususbrücke gesprengt, ebenso die Eisenbahnbrücke, die Herterbrücke. Deren Sprengladung war so heftig, dass Steine in einem weiten Umkreis alle bisher intakten Fenster und sogar Glasscheiben von Möbeln in den Häusern zerschmettern. Auch die Villa am Rupertsberg in Bingerbrück, die bis dahin wie durch ein Wunder unbeschädigt geblieben war, wurde dabei beschädigt. 

In den Familien wurde überlegt was man tun soll, wenn „die Amis kommen“. Was würde passieren? Fänden sie größeren Widerstand vor und käme es zu Kämpfen um Stadt und Vororte – was zu weiteren Gebäudeschäden führen würde. Man fieberte dem Eintreffen entgegen, doch diese nicht auf direktem Wege nach Bingen. Denn von Niederheimbach aus zogen die Einheiten nicht am Rhein nach Bingerbrück weiter.

Im Raum Bad Kreuznach wurden die US-Amerikaner bei Volxheim von einer deutschen Abteilung der Sturmartillerie in ein heftiges Gefecht verwickelt, dass einen ganzen Tag lang dauerte und als „Panzerschlacht vor Volxheim“ in manchen Annalen steht. Am Ende des Tages waren nicht nur die meisten deutschen Geschütze und einigen Sherman-Tanks zerstört, sondern leider auch ein Großteil der Gemeinde Volxheim. Danach stießen die US-Amerikaner erst einmal mit einem Trupp in Richtung Alzey vor, wo es zu diversen Kampfhandlungen mit versprengten deutschen Verbänden kam.

Am 18. März 1945, gegen 14 Uhr, erreichten die ersten US-amerikanischen Infanteristen von Weiler kommend Bingerbrück. Sie bezogen Stellung und erwiderten das aus der Innenstadt oder auch von der Rüdesheimer Rheinseite kommende Feuer. US-amerikanische Scharfschützen beobachteten die Bewegungen in der Stadt und nehmen diese unter Beschuss.

Ein Ein-Mann-Bunker am Naheufer.Obwohl die Amerikaner bereits in Bingerbrück waren, zündeten deutsche Sprengkommandos Ladungen, um auch noch den restlichen Teil der Eisenbahnbrücke auf der Binger Seite zum Einsturz zu bringen. Schließlich hatte die oberste NS-Führung den Kampf um die Rheinüberquerung zur „Schicksalsstunde Deutschlands“ erklärt und konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass die US-Pioniere genügend Ponton-Material zur Verfügung hatten, um überall dort, wo es nötig war, in kürzester Zeit neue Flussübergänge zu schaffen.

Bevor er sich mit einem Bott nach Rüdesheim absetze, richtet NS-Kreisleiter Zehfuß noch flammende Appelle und Durchhalteparolen an die Binger, die aber kein Gehör mehr fanden. In Bingen war man froh, dass die NS-“Bonzen“ das Weite suchten. Nun konnten sie beim Anrollen der US-Panzer weiße Tücher als Zeichen der Kapitulation aus den Fenstern hängen, ohne in die Gefahr zu geraten, standrechtlich erschossen oder erhängt zu werden.

Erst am 21. März näherten sich die US-Amerikaner über Gensingen und Büdesheim naheabwärts der Innenstadt. In der Schmittstraße versuchte sie ein deutscher Leutnant mit seiner kleinen Kampfgruppe aufzuhalten. Ansonsten kam es zu keiner ernsthaften Gegenwehr. Für Bingen war der Krieg zu Ende. Bingen war befreit. Im nächsten ArchivDings-Post lassen wir für euch eine Zeitzeugin und einen Zeitzeugen zu Wort kommen, wie sie den Einmarsch erlebt haben.

#ArchivDingsTag, 11. März 2025