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September 2016

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An Sabine

Das farbenlaub umschlang die sage
Von manchem weh des sommerbrands
Als eine reife süsse klage ..
Und unsre wünsche pochten minder
Bei glück und träne schöner kinder –
So waren alle diese tage
Von blum und frucht ein duftiger kranz.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S.168.


Stefan George schrieb in den langen Jahren zwischen 1886 und 1933 vielerlei unterschiedliche Gedichte, nicht nur in aufeinanderfolgenden Werkepochen, sondern häufig auch in rascher Folge zu gleicher Zeit. Das kleine Gedicht aus dem Großen Siebenten Ring mit seinen ‚Zeitgedichten‘ und ‚Liedern‘, um nur zwei Gattungen zu nennen, vertritt einen Typus, der sich fast von Beginn an in seinen Werkbänden findet: das Widmungsgedicht. Selbst diesen Typus hat George vielfältig variiert. Es gibt Gedichte, die ich lieber als Personengedichte bezeichnen würde: manche tragen antike Namen (‚An Antinous‘) andere nur Initialen als Titel und beide sind dem fernstehenden Leser nicht oder nur kaum aufschlüsselbar gewesen. Wieder andere sind dann im engeren Sinn Widmungsgedichte, so im Teppich des Lebens, wo sie neben Titeln wie ‚Blaue Stunde‘ Widmungen tragen wie „An Reinhold und Sabine Lepsius“ (SWV, S. 62). Unser Gedicht wiederum verschließt sich scheinbar dem Leser, da es nur einen Vornamen nennt: ‚An Sabine‘. Allen aufgeführten Gedichttypen und ihren Varianten ist aber eines gemeinsam: sie stehen gegen das Vergessen, für die Erinnerung. 1897 machte dies George dem Leser noch ausdrücklich deutlich, indem er die mit Initialen überschriebenen Gedichte einem Zyklentitel unterstellte: Verstattet dies Spiel: eure flüchtig / geschnittenen Schatten zum Schmuck / für meiner Angedenken Saal. Und er spricht – wiederum etwas preziös anmutend – in seinen Hugo von Hofmannsthal ansprechenden Versen ‚H.H.‘ vom Gedicht als „meine dächtnistafel“ (SWIV, S. 69 u. 75).

Just daraus gewinnt er fast 10 Jahre später den Zyklentitel für eine große Anzahl kleiner Gedichte im Siebenten Ring, darunter auch ‚An Sabine‘. Nur noch Tafeln lautet jetzt der übergreifende Titel. Dieser öffnet einen weiten Vorstellungsraum, von den antiken Steintafeln mit ihren Inschriften bis zu den Schreibtafeln der Kinder: Schreiben, Lesen, Erinnern!

Wen aber erinnert George in unserem Gedicht? Und was erinnert er? Heute ist die Angesprochene längst identifiziert, ihre Erinnerungen liegen gedruckt vor, Briefe, ja wir kennen selbst jenes Exemplar von Georges Tage und Taten, in welches er das Gedicht als Widmung eintrug, dort datiert „Zum October 1903“. Müssen wir nun heute diese Verse biographisch lesen, um zu verstehen, sozusagen im Wissen um das dahinter angeblich oder vermutlich verborgene Erlebnis, das die kommentierenden Sämtlichen Werke Georges bereithalten? Durch Sabine Lepsius vermittelt, wissen wir von einem Herbstspaziergang des Jahres 1902, den sie mit George und ihren Kindern machte.

Nein; denn es handelt sich bei den sieben reimenden Versen mit ihren je vier Hebungen um ein Kunstwerk, durchkomponiert mit größter Sorgfalt. Der Akteur „farbenlaub“ und die Aktion „umschlang“ sind nicht nur ungewöhnlich gefügt, allein schon ihre Lautabfolge bezaubert den Leser, umfängt, ja umschlingt ihn wie der Reim von Vers 2 und Vers 7 („brands“ / „kranz“), in dessen Mitte der auffällige weibliche Paarreim („minder“ /“kinder“) steht. Das Gedicht ist so komplex gebaut und gefügt, strukturell, lautlich und syntaktisch, dass ich es jedem Leser überlassen muss, dem lustvoll nachzuspüren. Eine kleine Spur solcher Arbeit des Dichters verrät der Vergleich von Handschrift und späterem Druck. Der erste Vers lautete 1902: „Im farben-laub verrann die sage“ und mit diesem Vers begann sozusagen ein anderes Gedicht, „verrinnen“ notiert Vergänglichkeit. Nur das die „sage“ umschlingende „farbenlaub“ entspricht dem „kranz“ der „tage“, bewahrt Gedächtnis im Gedicht.

Was soll uns angesichts solcher Kunst die Geschichte vom gemeinsamen Gang des Dichters mit Freundin und Kindern, bei welchem sich Freund und Freundin in seltener Vertrautheit von Leidenschaften ihrer Jugendtage erzählten?

Ute Oelmann