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Oktober 2015

Flammende wälder am bergesgrat •
Schleppende ranken im gelbroten staat!
Vor ihrem schlummer in klärender haft
Hebst du die traube mit leuchtendem saft.

Lang eh sie quoll mit dem sonnigen seim
Brachtest du strauss und kranz mit heim
Und du begrüssest den lohnenden herbst
Da du von sommers schätzen erbst.

Ihm ward die frucht zum genuss nicht bestellt
Der sich nicht froh auch den knospen gesellt.
Fragst du ihn so sagt er dir: weil
Man mir nahm mein einzig heil ..

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 108.


Eines der weniger bekannten Herbst-Gedichte Stefan Georges. Entstanden ist es vermutlich 1895 und gehört in den Zyklus ‚Traurige Tänze‘, der den Gedichtband ‚Das Jahr der Seele‘ (1897) abschließt.

Von wem ist die Rede? Längst weiß man, dass vor allem die Liebesbeziehung zwischen Ida Coblenz und George, von der sich nicht gerade behaupten lässt, dass sie glücklich verlaufen sei, den biographischen Kontext dieses berühmtesten Gedichtbandes ausmacht. Einige Gedichte des Bandes scheinen sich direkt auf diese Begegnung zu beziehen; so etwa das unserem Oktober-Gedicht direkt vorausgehende „Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten“, das Ute Oelmann schon im Juli 2014 kurz vorgestellt hat.

Doch George selbst mahnt in der Vorrede zur zweiten Ausgabe zur Zurückhaltung: „Auch einige die sich dem sinn des verfassers genähert haben meinten es helfe zum tieferen verständnis wenn sie im Jahr der Seele bestimmte personen und örter ausfindig machten. möge man doch […] auch bei einer dichtung vermeiden sich unweise an das menschliche oder landschaftliche urbild zu kehren: es hat durch die kunst eine solche umformung erfahren dass es dem schöpfer selber unbedeutend wurde und ein wissen-darum für jeden andren eher verwirrt als löst.“

Dass es bei unserem Gedicht um hohe poetische Kunst geht, daran besteht kein Zweifel. Die dominierende metrische Einheit ist der Daktylus, also eine Silbengruppe, die aus einer betonten und zwei unbetonten Silben besteht („Flammende“; „Schleppende“), so dass das Gedicht tatsächlich, den Titel des Zyklus, dem es zugehört, aufnehmend, tänzerisch bewegt wirkt.

Die ersten beiden Verse umreißen ein herbstliches Bild, wie es sich konventionellerweise gehört: bunt gefärbte Wälder und Weinberge. Gut. Abgeschlossen wird das Bild mit dem einzigen Ausrufungszeichen des Gedichtes: So ist es gesetzt, und damit auch genug! Jetzt muss mehr kommen; und jetzt geht es um ein ‚Du‘, das sich zu dieser herbstlichen Natur in eine konkretere Beziehung bringt. Noch einmal: Wer ist das ‚Du‘? Die Lyrik verwendet bis in unsere Gegenwart hinein das Pronomen ‚Du‘ auch als Reflexionsform: Das poetische Ich tritt sich selbst gegenüber, beobachtet sich selbst, reflektiert sich selbst. Es geht hier also gerade nicht, wie George schon in der Vorrede abwehrt, um ein biographisch fassbares ‚Du‘. Dieses ‚Du‘ nimmt die Traube an der Rebe in die Hand, betrachtet sie im Hinblick auf das, was ihrem Saft nun widerfahren wird: Die Traube wird gekeltert werden, und der Saft wird sich im Fass klären. Das ist ihr Gesetz, dem sie zu folgen hat.

Dass George hier aber ein symbolisches Bild entwirft, das zeigt sich in der zweiten Strophe rasch. Aus der meditativen Betrachtung der Traube geht nun die Reflexion auf das eigene Leben hervor: Schon vor dieser Reife der Traube, durch die der „seim“, der süße, dickflüssige Traubensaft entsteht, „brachtest du strauss und kranz mit heim“. ‚Strauß‘ und ‚Kranz‘ sind alte Bilder für die Dichtkunst. Noch heute sprechen wir vom Liederkranz, von einem Strauß von Gedichten. Dieses ‚Dichter-Du‘ folgt also einem anderen, eigenen Gesetz; von seinen früher erworbenen ‚Schätzen’ kann es jetzt, wo ihm sein eigener produktiver Herbst bevorsteht, erben. Die melancholische Stimmung (‚Traurige Tänze‘, ‚Herbst‘) lähmt dieses ‚Du‘ nicht. Nein, sie ist ihm vielmehr sogar Bedingung einer neuen dichterischen Produktivität.

Die letzte Strophe macht nun noch viel entschiedener deutlich, dass dieses ‚Du‘, dieser Dichter sich unterscheidet: dass er einer anderen Lebenssphäre zugehört. Dieser Gedanke findet sich von früh an bei George; und er wählt auch stets den poetischen Ton der Unterscheidung. Das hat ihm den Ruf, elitär zu sein, eingebracht. Aber poetische Sprache ist keine Normal- und Alltagssprache. Der Dichter dieser letzten Strophe lebt nicht für den unmittelbaren sinnlichen „Genuss“; und er lebt nicht im ‚normalen‘ Rhythmus des Lebens. Schon den „knospen“, also der Jugend, hat er sich nicht „froh […] gesellt“; und er erlebt auch keine sommerliche Reife und keinen Herbst des Lebens, wie es die konventionelle Vorstellung vom Leben eben will.

Nun, mit den letzten beiden Versen, sind ‚wir‘ angesprochen, die eine solche betonte Abweichung vom ‚Normalleben‘ irritiert. Das ‚Du‘ bist jetzt du, der Leser. Aber der Dichter kann auf die Frage, warum sich sein Leben so unterscheide, keine einfache Antwort geben, die unser Bewusstsein, das immer kausal und empirisch denken will, befriedigen würde: „weil / Man mir nahm mein einzig heil…“ Was soll das nun sein, das „einzig heil“? Alles Biographische (oder Religiöse oder Soziale – wie auch immer) wäre eine banalisierende Erklärung, die natürlich nicht ausgeschlossen ist, aber doch nicht genügt. Diesem Dichter ist das Lebensglück von Anfang an nicht beschieden; vielmehr sind Einsamkeit und Trauer sein Lebensgeschick. So ist es. Hier, im vorletzten und letzten Vers haben wir einen ganz schroffen Zeilensprung nach der Konjunktion ‚weil‘. Mit dem letzten Vers reiht sich, von einer Ausnahme abgesehen („einzig“), die dadurch besonders hervorgehoben wird, hart ein einsilbiges Wort ans andere. Alles Tänzerische, Geschmeidige ist weg; unversöhnlich und kompromisslos steht Wort neben Wort. Gewiss, man kann sagen, der Dichter stilisiere sich sehr in die Pose der Einsamkeit hinein. Aber was soll das? Große Verskunst ist es dennoch, nicht Biographie: weil es poetisch vollzieht, wovon es spricht.

Wolfgang Braungart