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Juli 2015

     Mein kind kam heim.
Ihm weht der seewind noch im haar
     Noch wiegt sein tritt
Bestandne furcht und junge lust der fahrt.

     Vom salzigen sprühn
Entflammt noch seiner wange brauner schmelz:
     Frucht schnell gereift
In fremder sonnen wildem duft und brand.

     Sein blick ist schwer
Schon vom geheimnis das ich niemals weiss
     Und leicht umflort
Da er vom lenz in unsern winter traf.

     So offen quoll
Die knospe auf dass ich fast scheu sie sah
     Und mir verbot
Den mund der einen mund zum kuss schon kor.

     Mein arm umschliesst
Was unbewegt von mir zu andrer welt
     Erblüht und wuchs –
Mein eigentum und mir unendlich fern.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S. 143.


Ein Abschiedsgedicht, das ein seit Jahrtausenden vertrautes Erleben just im Augenblick der Erkenntnis, einer blitzartig erscheinenden Wirklichkeit erfasst: „Willkommen und Abschied“ fallen in eins. Doch verlässt kein Liebender am Morgen die Geliebte und reitet glücklich in die Welt hinaus.

Ein „kind kehrt heim“, einst war es noch „Mein“, obwohl es fern war, fern in einer südlichen Welt, die „kind“ wie „frucht“ schneller zur Reife bringt. Und der liebende Blick eines Erwachsenen, eines Älteren - Vater, Mutter, Freund – nimmt im Augenblick der Wiederbegegnung die Veränderung wahr: Zurück kam kein „kind“, sondern ein junger Mensch, der seine eigene Liebeswahl getroffen hat und den eigene Erfahrungen reif, erwachsen werden ließen. Nicht äußere Trennung –„Ich ging, du standst und sahst zur Erden“ – wie in Goethes Gedicht, steht am Ende von Georges „Lied“, sondern innere Einsicht und Verzicht, Akzeptanz von Veränderung. Und doch bleibt der unaufgelöste Widerspruch:

„Mein arm umschliesst / …/ Mein eigentum und mir unendlich fern.“

Das Gedicht ist das mittlere einer kleinen Gruppe von „Liedern I-III“ im „Siebenten Ring“ und wurde 1905 niedergeschrieben. George schickte im Oktober des Jahres je eine Abschrift an Sabine Lepsius und Friedrich Gundolf. In seinem Begleitbrief an die Freundin stellte er einen konkreten Bezug zwischen dem Gedicht und seinem Erleben her. 1907 veröffentlichte George das Gedicht und löste es damit und durch die Bezeichnung „Lied“ von seinem einstmaligen Erlebnis ab: Das „Lied“ gehört dem Volk, hier einer Gemeinschaft von Lesenden – jeder Einzelne ist frei, sich auf seine Weise dem Sprechenden „Ich“ zu verbinden.

Ute Oelmann