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Januar 2015

DIE BECHER

Sieh hier den becher golds
Voll von funkelndem wein –
Jedes hat einen schlurf!

Sieh dort den becher aus holz
Mit den drei würfeln aus stein –
Jedes hat einen wurf!

Dieser lässt ohne verdruss
Wissen was zu uns steht
Heben vorn tisch wir ihn bloss.

Jener bringt den beschluss
Den niemand vorsieht und dreht:
Wieviel Mein loos wieviel Dein loos.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S. 108.


Ein Gedicht wie für den Rheingau gemacht, beginnt es doch mit jenem „funkelnden wein“ im „becher“, der auch in zahlreichen Weinliedern vorkommt, wenngleich die Becher dort wohl eher nicht aus „gold“ sein dürften.

Ein Gedicht, das an die noch nicht weit zurück liegende Silvesternacht erinnern mag, in der so mancher – (aber)-gläubig gestimmt – versucht war, Zeichen zu deuten auf die eigene Zukunft hin: ob Blei ob Horoskop! Der zweite Becher im Gedicht ist „aus holz“, ein Würfelbecher, der den Lesern heute eher fremd geworden sein dürfte.

Weinbecher und Würfelbecher mögen eines Abends auf einem Tisch gestanden haben. Georges Gedicht spricht von all dem und zwar mit tiefem Ernst. Birgt der Becher Wein „wissen ohne verdruss“, so jener andere unser „loos“, und „jedes“, ein jeder, hat sein eigenes. Das weiß das Gedicht. Welches „loos“, das verrät es nicht, denn „niemand“ sieht solches voraus.

Das Gedicht dürfte während des Ersten Weltkriegs oder kurz danach entstanden sein. Zum ersten Mal publiziert wurde es 1919 in den ‚Blättern für die Kunst‘, und schließlich wurde es Teil jenes bewegend melancholischen Zyklus ‚Das Lied‘, mit dem Georges letzter Gedichtband ‚Das neue Reich‘ von 1928 endet.

(Ute Oelmann)