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Dezember 2014

Die steine die in meiner strasse staken
Verschwanden alle in dem weichen schooss
Der in der ferne bis zum himmel schwillt ·
Die flocken weben noch am bleichen laken
Und treibt an meine wimper sie ein stoss
So zittert sie wie wenn die träne quillt..

Zu sternen schau ich führerlos hinan ·
Sie lassen mich mit grauser nacht allein.
Ich möchte langsam auf dem weissen plan
Mir selber unbewusst gebettet sein.

 Doch wenn die wirbel mich zum abgrund trügen ·
Ihr todeswinde mich gelinde träft:
Ich suchte noch einmal nach tor und dach.
Wie leicht dass hinter jenen höhenzügen
Verborgen eine junge hoffnung schläft!
Beim ersten lauen hauche wird sie wach.

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IV, S. 24.


Die Jahreszeiten können dem Leben eine zeitliche Struktur geben, besonders in einer bäuerlich geprägten Welt. In ihnen mag sich der Mensch auch symbolisch in seiner eigenen Zeitlichkeit selbst begegnen. Den jahreszeitlichen Rhythmus legen Literatur und Kunst deshalb seit jeher auch auf den großen Rhythmus des menschlichen Lebens hin aus. Stefan Georges Gedichtband ‚Das Jahr der Seele‘ (1897), dem unser Dezember-Gedicht entnommen ist, gestaltet seelische Zustände und Empfindungen in drei jahreszeitlichen Zyklen, deren zweiter ‚Waller im Schnee‘ übertitelt ist und durch dieses Winter-Gedicht eröffnet wird. ‚Waller‘ ist ein heute nicht mehr gebräuchliches, aus der religiösen Welt stammendes Wort für ‚Wallfahrer‘, ‚Pilger‘. So sieht sich der lyrische Sprecher dieses Gedichtes: als einer, der in der schneebedeckten Winterlandschaft (erste Strophe) auf Wanderschaft ist, aber ohne noch eine wirkliche Orientierung über sich zu haben („Zu sternen schau ich führerlos hinan“). In einer Winterlandschaft, die ihm zur Todeslandschaft geworden ist, hat ihn eine tiefe metaphysische Einsamkeit und Todessehnsucht erfasst (mittlere Strophe). Man darf sich hier auch an Schuberts große musikalische ‚Winterreise‘ erinnert fühlen. Doch fast trotzig wehrt sich der Sprecher dieses Gedichtes mit der letzten Strophe gegen den „wirbel“, der ihn in den „abgrund“ der Düsternis seiner Seele ziehen will. Vielleicht, dass…? Es könnte doch sein, dass „eine junge hoffnung“…? Irgendwo, später und jetzt noch „verborgen“? Den anderen Trost aber, für den das Weihnachtsfest steht, den versagt sich dieses Gedicht.

 (Wolfgang Braungart)