Museum am Strom

Historisches Museum am Strom - Hildegard von Bingen

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Historisches Museum am Strom - Hildegard von Bingen

Museum am Strom

Der "Giraffenflügel"

Der Giraffenflügel - ein seltenes Hammerklavier (um 1815)

Im Sommer 1837 war der berühmte Felix Mendelssohn-Bartholdy auf der Flucht vor Umbauarbeiten an seinem Frankfurter Haus - und erwählte, weil herrliches Wetter zur Umsiedlung ins Grüne einlud, kurz entschlossen Bingen zum vorübergehenden Asyl. „Hier ists nun besser“, schreibt er am 13. Juli 1837 an seine Mutter, „heute habe ich endlich sogar ein Clavier und eine Bibel geliehen bekommen, beides war schwer aufzutreiben, erstlich weil sie unmusicalisch, dann weil sie katholisch in Bingen sind und von Clavier und Lutherscher Übersetzung nichts wissen wollten…“ 

Nun, wie es um die Bibelfestigkeit der Binger Anno 1837 stand, lässt sich heute kaum noch feststellen; mit der Klavierarmut in der angeblich unmusikalischen Stadt kann es aber nicht gar so schlimm gewesen sein: Zu den ältesten Beständen des ehemaligen Binger Heimatmuseums, heute in der Sammlung des Museums am Strom, zählt nämlich ein wertvoller Flügel aus der Anfangszeit des Klavierbaus. Das seltene Hammerklavier, aufgrund der (zeittypischen) aufrechten Anbringung von Saiten und Resonanzboden auch „Giraffenflügel“ genannt, dürfte um 1815 in der Werkstatt eines Wiener Meisters entstanden sein. Dass der Flügel schon zu Mendelssohns Zeiten am Rhein gespielt wurde, legt eine unscheinbare Bleistiftbeschriftung im Innern nahe. Ihr zufolge ist das gute Stück am 23. August 1861 in Rüdesheim renoviert worden; der beauftragte Klavierbauer hat sich so also ein verborgenes Denkmal gesetzt. Überhaupt ist das alte Instrument – wie so viele historische Museumsobjekte, wenn man nur Gelegenheit hat, sie intensiver zu erforschen – ein wahres Geschichtsbuch: Als im 2. Weltkrieg auch das Heimatmuseum auf Burg Klopp von Bomben in Mitleidenschaft gezogen wurde, hat ein Treffer die komplette Rückwand des Flügels zerstört. Als Ruine, nur mit Notabdeckung versehen, fristete das Stück seither sein Dasein. Bei der aufwändigen Restaurierung im Jahr 2001 fanden sich im Korpus aber noch die Granatsplitter von 1944 als stumme Zeugen der Katastrophe. Inzwischen ist das Stück endlich in neuem, altem Glanz erstrahlt und bildet ein echtes Highlight des „Salons der Goethezeit“ in der Rheinromantik-Ausstellung.