Gedichte

Einmal monatlich, jeweils zur Monatsmitte, wurde ab Juli 2014  auf dieser Seite ein Werk des 1868 in Bingen am Rhein geborenen Lyrikers Stefan George vorgestellt.

Mit Veröffentlichung des Gedichtes des Monats Oktober 2017 endete die Reihe. Die gesammelten Interpretationen werden 2018, leicht überarbeitet, zum 150. Geburtstag des bedeutenden europäischen Dichters aus Bingen in der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung, Mainz, erscheinen.

Wir bedanken uns bei der Stefan-George-Gesellschaft für die Auswahl der Passagen und Besprechung der Gedichte.


Archiv


Stefan George

Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten

Indes der drüben noch im lichte webt
Der mond auf seinen zarten grünen matten
Nur erst als kleine weisse wolke schwebt.

Die strassen weithin-deutend werden blasser
Den wandrern bietet ein gelispel halt
Ist es vom berg ein unsichtbares wasser
Ist es ein vogel der sein schlaflied lallt?

Der dunkelfalter zwei die sich verfrühten
Verfolgen sich von halm zu halm im scherz
Der rain bereitet aus gesträuch und blüten
Den duft des abends für gedämpften schmerz.

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IV, S. 107.


Ein melancholisches Sommergedicht, ein brillantes Beispiel für die Magie der Bilder und Klänge, mit denen George in den 1890er Jahren seine Leser und Hörer verführt. Niedergeschrieben wurde das Gedicht vermutlich 1895. Erlebnishintergrund mag die unglückliche Liebe zu Ida Coblenz, mögen gemeinsame Spaziergänge an Rhein oder Nahe gewesen sein, von denen sich das Gedicht aber ganz gelöst hat. So können Leser auch heute noch in dieses „wir“ mit eintreten, das Gedicht lesend nachvollziehen: schauend, hörend, riechend und vielleicht gar mit den Nachtschmetterlingen tanzend. Schließlich nahm George 1897 das Gedicht in den Zyklus ‚Traurige Tänze‘ auf und veröffentlichte es im berühmtesten seiner Gedichtbände, im ‚Jahr der Seele‘.
(Ute Oelmann)

JULI-SCHWERMUT

An Ernest Dowson

Blumen des sommers duftet ihr noch so reich:
Ackerwinde im herben saatgeruch
Du ziehst mich nach am dorrenden geländer
Mir ward der stolzen gärten sesam fremd.
Aus dem vergessen lockst du träume: das kind
Auf keuscher scholle rastend des ährengefilds
In ernte-gluten neben nackten schnittern
Bei blanker sichel und versiegtem krug.
Schläfrig schaukelten wespen im mittagslied
Und ihm träufelten auf die gerötete stirn
Durch schwachen schutz der halme-schatten
Des mohnes blätter: breite tropfen blut.
Nichts was mir je war raubt die vergänglichkeit.
Schmachtend wie damals lieg ich in schmachtender flur
Aus mattem munde murmelt es: wie bin ich
Der blumen müd • der schönen blumen müd!

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 67.


So kann der Sommer auch sein: Die Hitze steht förmlich über dem Land; die Luft flimmert; die Zeit scheint gar nicht zu vergehen. Schwer fällt es jetzt, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Aber Erinnerungen kommen dennoch, womöglich von weit her: an die fast schon vergessene Kindheit, an die sommerliche Erntezeit.

George kannte das Leben auf dem Land. Immer wieder bezieht er sich auf seine Erfahrungen mit der rheinischen Landschaft. George kannte auch die "Schwermut", dieses Gefühl etwa, dass die Kindheit mit solch intensiven Erfahrungen der hohen Mittagsstunde unwiederbringlich dahin ist. Mohn, Ernte, Sichel, Blut: Das sind Symbole der Melancholie und der "Vergänglichkeit". Doch in all der "Schwermut" bleibt die Sehnsucht nach dem einmal erfahrenen, ganzen, ungekünstelten, auch sperrigen und widerborstigen Leben. Die "Ackerwinde im herben saatgeruch", die den Sprecher dieses Gedichts 'nach sich zieht', ist alles andere als eine schöne Zierpflanze.

Immer wieder denkt George in seinen Gedichten über sein eigenes Schreiben nach. Die "schönen blumen", deren der Sprecher dieses Gedichtes (aus dem Band 'Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod' von 1899/1900) so "müd" ist, meinen auch sein eigenes lyrisches Werk der frühen Jahre, diese "stolzen gärten" mit ihrem etwas exotischen "sesam" und ihrem 'reichen' Duft, die doch das ganze Leben aussperren. George überblickt hier seine dichterische 'Ernte' selbstkritisch und wendet sich nun, nach der Jahrhundertwende, stärker den Freunden zu. Auch der Ton seiner Gedichte ändert sich. Einem früh verstorbenen englischen Dichter-Kollegen ist das Gedicht 'Juli-Schwermut' gewidmet.

(Prof. Wolfgang Braungart, Vorsitzender Stefan-George-Gesellschaft)

So ich traurig bin
Weiss ich nur ein ding:
Ich denke mich bei dir
Und singe dir ein lied.

Fast vernehm ich dann
Deiner stimme klang
Ferne sing sie nach
Und minder wird mein gram.

Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. III, S. 60.


Ist das Einfachste nicht immer das Schwierigste! Zu jeder Zeit, durch viele Jahrhunderte hindurch, konnte und kann sich ein Jeder, jeden Alters, an die Stelle dieses „Ich“ setzen und mit und durch den Dichter sprechen oder singen. Stefan George schrieb das Gedicht und brachte es der Binger Freundin Ida Coblenz. Sie erinnerte sich noch 1935: „Es war doch damals die Fülle der Erlebnisse und Gedichte. Jeden Moment weiß ich von jenem Abend, dem >Ich hätte gern den Turban des Korsaren< folgte. Und vor allem! >Wenn ich traurig bin< -- ich hörte das alles und unendlich viel anderes, wenn er sie, die eben geborenen, mir vortrug.“ (Brief an Sabine Lepsius, 3.9.1935). Das Gedicht gehört zu einer Gruppe kleiner Lieder, wohl 1893 entstanden, die George unter die Gesamtüberschrift „Sänge eines Fahrenden Spielmanns“ stellte.

(Ute Oelmann)

Komm in den totgesagten park und schau

Komm in den totgesagten park und schau
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade •
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb • das weiche grau
Von birken und von buchs • der wind ist lau •
Die späten rosen welkten noch nicht ganz •
Erlese küsse sie und flicht den kranz •

Vergiss auch diese lezten astern nicht •
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bear-beitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IV, S. 12.


Dieses Gedicht, das berühmteste Stefan Georges und sicher eines der schönsten Herbstgedichte deutscher Sprache, eröffnet den Gedichtband ‚Das Jahr der Seele‘ von 1897 und findet sich bis heute in vielen Lyrik-Sammlungen und Schulbüchern. In seiner verhaltenen Melancholie spricht es von dem einen, unwiederbringlichen Augenblick, in dem die herbstlich absterbende Parklandschaft noch einmal in ihrer vollen Schönheit erscheint. Sie zu ergreifen, also ganz zu erfassen, fordert sich selbst und genauso ‚dich‘ der lyrische Sprecher auf. Man darf im Schlusswort ‚Gesicht‘, das das ganze Gedicht auch als Vision der Schönheit bestimmt, zugleich ‚Gedicht‘ durchhören: Dieser einzigartig schöne Augenblick des ganzen Lebens kann nur im Gedicht bewahrt, gegen Sterben und Tod verteidigt und auch ertragen werden. ‚Verwinden‘ bedeutet ja: etwas verschmerzen, seelisch aushalten, sich vielleicht sogar davon freimachen. Herbstliche Parklandschaft und Landschaft der Seele durchdringen sich völlig.

(Wolfgang Braungart)

TAG-GESANG

III

An dem wasser das uns fern klagt
Wo die pappel sich lind wiegt
Sizt ein vogel der uns gern fragt
Der im laube sich dem wind schmiegt.

Und der vogel spielt leis auf:
Flur und garten sind vom blühn tot
Jedes weiss sich schön im kreislauf ..
Sieh die gipfel vor dir glühn rot!

Nur erinnrung lässt als traumsold
Der zu glücklichern seinen zug lenkt
Seiner hand entrieselt traumgold
Das er früh und nur im flug schenkt.

Heb das haupt das sich bang neigt
Ob aus tiefen ein gesicht winkt -
Und so warte bis mein sang schweigt
Und so bleibe bis das licht sinkt. (SW V, S. 81)

Quelle: Stefan George: Sämtliche Werke. Bd.V: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel, Stuttgart 1984, S. 81.


Das Gedicht steht als drittes unter dem Titel „Tag-Gesang“. Lied der Dämmerung und des Herbstes zugleich, leitet es über zu den folgenden drei „Nacht-Gesängen“. Es ist ein Gedicht in der Schwebe, zwischen Sang und Schweigen, Klage und Frage, tot und rot, Leben und Traum.

Die aufgerufenen Elemente einer Landschaft , alle im Singular stehend („wasser“, „pappel“, „vogel“, „laub“,“Flur“, „garten“), intensiv durch Vokalklänge verwoben, wiegen uns lesend in die Verse ein; diese schmiegen uns ein in ihren ungewöhnlichen Rhythmus, endet doch jeder Vers, seinem alternierenden Metrum entgegen, mit zwei schweren einsilbigen Wörtern: „fern klagt“, „lind wiegt“, „blühn tot“, „glühn rot“. „Erinnrung“ steht am Übergang des Tages in die Nacht und mit ihr auch das tröstliche Wissen um den „kreislauf“ der Natur, deren Teil wir sind.

(Ute Oelmann)

Die steine die in meiner strasse staken
Verschwanden alle in dem weichen schooss
Der in der ferne bis zum himmel schwillt ·
Die flocken weben noch am bleichen laken
Und treibt an meine wimper sie ein stoss
So zittert sie wie wenn die träne quillt..

Zu sternen schau ich führerlos hinan ·
Sie lassen mich mit grauser nacht allein.
Ich möchte langsam auf dem weissen plan
Mir selber unbewusst gebettet sein.

 Doch wenn die wirbel mich zum abgrund trügen ·
Ihr todeswinde mich gelinde träft:
Ich suchte noch einmal nach tor und dach.
Wie leicht dass hinter jenen höhenzügen
Verborgen eine junge hoffnung schläft!
Beim ersten lauen hauche wird sie wach.

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IV, S. 24.


Die Jahreszeiten können dem Leben eine zeitliche Struktur geben, besonders in einer bäuerlich geprägten Welt. In ihnen mag sich der Mensch auch symbolisch in seiner eigenen Zeitlichkeit selbst begegnen. Den jahreszeitlichen Rhythmus legen Literatur und Kunst deshalb seit jeher auch auf den großen Rhythmus des menschlichen Lebens hin aus. Stefan Georges Gedichtband ‚Das Jahr der Seele‘ (1897), dem unser Dezember-Gedicht entnommen ist, gestaltet seelische Zustände und Empfindungen in drei jahreszeitlichen Zyklen, deren zweiter ‚Waller im Schnee‘ übertitelt ist und durch dieses Winter-Gedicht eröffnet wird. ‚Waller‘ ist ein heute nicht mehr gebräuchliches, aus der religiösen Welt stammendes Wort für ‚Wallfahrer‘, ‚Pilger‘. So sieht sich der lyrische Sprecher dieses Gedichtes: als einer, der in der schneebedeckten Winterlandschaft (erste Strophe) auf Wanderschaft ist, aber ohne noch eine wirkliche Orientierung über sich zu haben („Zu sternen schau ich führerlos hinan“). In einer Winterlandschaft, die ihm zur Todeslandschaft geworden ist, hat ihn eine tiefe metaphysische Einsamkeit und Todessehnsucht erfasst (mittlere Strophe). Man darf sich hier auch an Schuberts große musikalische ‚Winterreise‘ erinnert fühlen. Doch fast trotzig wehrt sich der Sprecher dieses Gedichtes mit der letzten Strophe gegen den „wirbel“, der ihn in den „abgrund“ der Düsternis seiner Seele ziehen will. Vielleicht, dass…? Es könnte doch sein, dass „eine junge hoffnung“…? Irgendwo, später und jetzt noch „verborgen“? Den anderen Trost aber, für den das Weihnachtsfest steht, den versagt sich dieses Gedicht.

 (Wolfgang Braungart)

DIE BECHER

Sieh hier den becher golds
Voll von funkelndem wein –
Jedes hat einen schlurf!

Sieh dort den becher aus holz
Mit den drei würfeln aus stein –
Jedes hat einen wurf!

Dieser lässt ohne verdruss
Wissen was zu uns steht
Heben vorn tisch wir ihn bloss.

Jener bringt den beschluss
Den niemand vorsieht und dreht:
Wieviel Mein loos wieviel Dein loos.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S. 108.


Ein Gedicht wie für den Rheingau gemacht, beginnt es doch mit jenem „funkelnden wein“ im „becher“, der auch in zahlreichen Weinliedern vorkommt, wenngleich die Becher dort wohl eher nicht aus „gold“ sein dürften.

Ein Gedicht, das an die noch nicht weit zurück liegende Silvesternacht erinnern mag, in der so mancher – (aber)-gläubig gestimmt – versucht war, Zeichen zu deuten auf die eigene Zukunft hin: ob Blei ob Horoskop! Der zweite Becher im Gedicht ist „aus holz“, ein Würfelbecher, der den Lesern heute eher fremd geworden sein dürfte.

Weinbecher und Würfelbecher mögen eines Abends auf einem Tisch gestanden haben. Georges Gedicht spricht von all dem und zwar mit tiefem Ernst. Birgt der Becher Wein „wissen ohne verdruss“, so jener andere unser „loos“, und „jedes“, ein jeder, hat sein eigenes. Das weiß das Gedicht. Welches „loos“, das verrät es nicht, denn „niemand“ sieht solches voraus.

Das Gedicht dürfte während des Ersten Weltkriegs oder kurz danach entstanden sein. Zum ersten Mal publiziert wurde es 1919 in den ‚Blättern für die Kunst‘, und schließlich wurde es Teil jenes bewegend melancholischen Zyklus ‚Das Lied‘, mit dem Georges letzter Gedichtband ‚Das neue Reich‘ von 1928 endet.

(Ute Oelmann)

Die ersten wochen nach Erscheinung des Herrn hatten ausser den
fremdländischen gesichten der drei Weisen mit gold weihrauch und
mirren kaum andere erinnerungen als die schlittenfahrten über den
zugefrorenen strom • der mit der ebene eines geworden war. Um
Mariä Lichtmess hörten wir viel von der zunehmenden helligkeit und
der hoffnung auf winters ende. In der frühe gingen wir zur weihe des
wachses und empfingen tags drauf den segen der kerzen. Der
Fasching wo wir mit bunten und seltsamen kleidern einherzogen
brachte uns die schau einer umgekehrten welt • wo sich männer in
weiber und menschen in tiere verwandelten. Morgens noch als
es dunkelte • sagten kinder die auf hohen stangen aufgespiesste brote
trugen singend die Fastnacht an. Am Aschermittwoch traten wir zum
altar und der priester zeichnete unsre stirnen mit dem aschenkreuz.
[…]

Stefan George: Tage und Taten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. XVII, S. 14.


Nie hat Stefan George einen Zweifel daran gelassen, dass er vom Mittelrhein kommt; auf Bingen bleibt er sein Leben lang bezogen. Sehr genau und von Kindheit an kennt er auch die Welt des Katholizismus mit ihren Bräuchen und Ritualen. Am Kirchenjahr, von dem der ‚Kindliche Kalender‘ in einer sehr einfachen, klaren, eigentümlich zeitlos wirkenden Sprache redet, erfährt er, wie die religiös gegliederte Zeit zum Leben selbst gehört. Das religiöse und das profane Leben bilden eine Ganzheit wie der „zugefrorene […] strom • […] mit der ebene“.

Stefan George war in erster Linie Lyriker; er hat nur wenig, aber äußerst genaue, schöne Prosa geschrieben. Im Band ‚Tage und Taten‘ sind diese Texte versammelt. Der Titel spielt sehr deutlich und selbstbewusst auf das Lehrgedicht ‚Werke und Tage‘ des Hesiod an (um 700 v. Chr.), das ist der erste griechische Dichter, der als individuelle Person begriffen werden kann. In einer solchen ehrwürdigen, archaischen Tradition sieht sich George also. ‚Der Kindliche Kalender‘, dessen Anfang wir hier wiedergeben, ist nicht genau datierbar; George veröffentlichte ihn erstmals 1925.

(Wolfgang Braungart)

An baches ranft
Die einzigen frühen
Die hasel blühen.
Ein vogel pfeift
In kühler au.
Ein leuchten streift
Erwärmt uns sanft
Und zuckt und bleicht.
Das feld ist brach∙
Der baum noch grau ..
Blumen streut vielleicht
Der lenz uns nach.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S. 138.


Kann man ein Gedicht lieben, in dessen erstem Vers ein heute weitgehend unbekanntes Wort steht: „ranft“? Ich kann: weil man das Wort nicht im Duden nachschlagen muss, seine Bedeutung das Gedicht selbst vermittelt und weil man sich den Klängen dieses kühlen, aber leuchtenden Vorfrühlingsgedichtes, dem verschlungenen Reigen der Reime (abbcdcaefdef), die keinem vorgegebenen Schema entsprechen, und den auslautenden Pfeiftönen (Vers 4: „pfeift“) der ‚ft‘-Konsonanten, ergänzt durch die harten winterlichen ‚ch‘- und ‚cht‘-Laute, über-lassen kann. In diesem überaus einfachen und zugleich so kunstvollen „Lied“ findet sich ein einziger klingender weiblicher Paarreim: „frühen“ / „blühen“, mit ihm ist uns der Frühling, der „lenz“ des letzten Verses, verheißen und damit jene „Blumen“, denen der Dichter ein „viel-leicht“ nachschickt, als ob die Zeichen des Beginnens, die „einzigen“ weit und breit, nicht unbedingt verlässlich wären. Wissen wir Menschen doch, dass auf jeden Winter ein Frühling folgt.

Das Gedicht ist das dritte eines sechsteiligen Liederzyklus, den George 1907 im ‚Siebenten Ring‘, niemals aber zuvor in den ‚Blättern für die Kunst‘ veröffentlichte, von dem wir keine handschriftliche Überlieferung kennen, den wir nicht datieren können. Formal schließt er an eines jener berühmten Lieder aus dem ‚Buch der Hängenden Gärten‘ an, die 1894/95 Ida Coblenz als ihr zugehörig verstand: „Sprich nicht immer / Von dem laub / Windes raub / [...]“ (Bd. III, S. 89).

(Ute Oelmann)

Im windes-weben
War meine frage
Nur träumerei.
Nur lächeln war
Was du gegeben.
Aus nasser nacht
Ein glanz entfacht –
Nun drängt der mai
Nun muss ich gar
Um dein aug und haar
Alle tage
In sehnen leben.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S. 137.


Noch ein Frühlingsgedicht, wie schon unser März-Gedicht ‚An baches ranft‘, dem ‚Im windes-weben‘ unmittelbar vorausgeht. Und ein Liebesgedicht dazu. So gehört es sich, wird man sagen. Ja, so ist es konventionell. Zahllose Gedichte der Literaturgeschichte verbinden das Motiv des anbrechenden Frühjahrs mit dem der neuen Liebe. Aber hier? „Aus nasser nacht“ wollen der neue Mai und mit ihm das neue Leben ‚glänzend‘ und ‚drängend‘ hervorgehen. Im Bildlichen können wir uns das leicht vorstellen, diese oft heftigen, ‚nassen‘ nächtlichen Frühjahrstürme. Und doch ist das Bild symbolisch sogleich auf ‚dich‘ und ‚mich‘ beziehbar.

Wiederum gibt es hier keine wirklich dunklen und schwierigen Verse, keinen komplizierten Satzbau. Singbar wirkt das Gedicht geradezu. Darum ist es auch vertont worden (von Anton Webern). George hat eine solche, scheinbar ganz einfache poetische Sprache immer wieder gesucht. Nahe an die seltsamen Gedichte, die von der Ankunft des – von ihm freilich selbst geschaffenen – poetischen Gottes ‚Maximin‘ künden, rückt er in seinem Gedichtband ‚Der Siebente Ring‘ (1907) eine Folge von kurzen Gedichten heran, die er ‚Lieder‘ nennt. So, als sollten sie diesen neuen Mythos durch eine andere Sprache poetisch ergänzen, vielleicht sogar relativieren. Zu diesen ‚Liedern‘ zählt auch unser Gedicht, das es poetisch doch in sich hat. Man muss nur auf die kunstvolle, ganz eigentümliche Reimstruktur achten, die das Gedicht zusammenhält, ohne dabei gleich streng und ornamental zu wirken. Oder auf den Rhythmus, der durch wechselnde Silbenzahl und Spiel mit den Betonungen ganz anstrengungslos lebendig wirkt (besonders schön im drittletzten Vers, wo zwei einsilbige und unbetonte Wörter auf das betonte „aug“ hinführen). Im vorletzten Vers vollzieht sich dann ein deutlicher rhythmischer Wechsel: Nach fünf einsilbigen Wörtern im vorausgehenden Vers kommen jetzt zwei zweisilbige, die mit einer Betonung einsetzen („Alle tage“). Die Sehnsucht nach ‚dir‘ in ‚deiner‘ Schönheit, von der „dein aug und haar“ auf eine ganz unbestreitbare Weise künden, wird nie gestillt werden. Wie schon in ‚An baches ranft‘ mit feinsten poetischen Mitteln eine tiefe Nachdenklichkeit Gestalt gewinnt (Wird das Frühjahr uns tatsächlich „blumen“ bringen? Nein: Wird er sie uns nicht nur ‚nachstreuen‘, als seien wir selbst schon Vergangene?), so ist auch hier alle Frühlingssehnsucht voller Trauer und jede „frage“ an ‚dich‘ nur „träumerei“. Mehr als die Erinnerung an dein „lächeln“ bleibt nicht von jener „nacht“.

(Wolfgang Braungart)

Alles habend alles wissend seufzen sie:
>Karges leben! drang und hunger überall!
Fülle fehlt!<
Speicher weiss ich über jedem haus
Voll von korn das fliegt und neu sich häuft -
Keiner nimmt ..
Keller unter jedem hof wo siegt
Und im sand verströmt der edelwein -
Keiner trinkt ..
Tonnen puren golds verstreut im staub:
Volk in lumpen streift es mit dem saum -
Keiner sieht.

Stefan George: Der Stern des Bundes. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VIII, S. 29.


„Einfach liegt was wir teils erstrebten teils verewigten: eine kunst frei von jedem dienst.“ So rechtfertigte Stefan George 1896 sein Tun vor der eingeschränkten Öffentlichkeit einer „Gesellschaft der Blätter für die Kunst“, die keine Mitgliedschaft, nur „natürliche Angliederung“ kannte.

Das obige Gedicht aus dem „Ersten Buch“ des ‚Stern des Bundes‘, dessen Gedichte in der Mehrzahl vor 1910 entstanden, kennt ein solches „wir“ nicht. Hier setzt ein einzelnes Sprecher-Ich sich und sein Wissen mit allergrößtem Nachdruck einer Menge, einer Mehrheit und deren Allwissenheit und Allbesitz gegenüber: „Alles habend alles wissend seufzen sie“; es setzt „sie“, ihr Haben, Wissen und Klagen grundsätzlich durch Widerspruch ins Unrecht. Das Urteil lautet: sie sind alle blind!

Das ist Georges versifizierte Kritik an unsinniger Anhäufung von Reichtum und sozialer Verelendung. Wirksam, mit dem hämmerndem Rhythmus der Trochäen und dem angedeuteten Kehrreim, nimmt er das Gedicht in Dienst, seinerseits ebenfalls einer langen Tradition von Dichtung folgend, die nicht nur das Liebeslied, das Preislied und das Klagelied kannte, sondern auch Kritik, Verwerfung und Anklage.

Ute Oelmann

Das Wort

Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum

Und harrte bis die graue norn
Den namen fand in ihrem born -

Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark...

Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart

Sie suchte lang und gab mir kund:
>So schläft hier nichts auf tiefem grund<

Worauf es meiner hand entrann
Und nie mein land den schatz gewann...

So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S. 107.


Unser Mai-Gedicht hat einen ganz anderen, gar nicht feinsinnigen George gezeigt, einen schroffen, harschen poetischen Kulturkritiker vielmehr. Worauf aber gründet sich seine Kritik? Auf welche Werte? Auf welchen normativen Horizont bezieht sie sich? Seit seinen Anfängen lässt George keinen Zweifel daran: die Sprach-Kunst selbst ist es, die Poesie. Gut, wird man sagen, ein Ästhetizist also. Aber muss uns das heute noch kümmern? Ja, es muss.

Denn hier, in diesem 1919 entstandenen und berühmt gewordenen Gedicht aus dem letzten Gedichtband ‚Das Neue Reich‘ nennt George einen ganz „tiefen grund“ für die Emphase, die der Sprach-Kunst gilt. Dieser „tiefe grund“ sind Rang und Würde der Sprache selbst. Die moderne Evolutionsforschung kann uns darüber belehren, dass die ungeheure Dynamik, die in die Entwicklung der Gattung ‚Mensch‘ vor vielen Tausend Jahren gekommen ist, höchstwahrscheinlich damit zusammenhängt, dass der Mensch zu sprechen begonnen hat, dass er zur Sprache gefunden hat. Jetzt kann er seine Erinnerungen auch ‚kommunizieren‘, also sprachliche Gemeinschaft mit anderen haben; jetzt kann er Zukunft planen; jetzt kann er Arbeit teilen; jetzt wird ihm Welt sprachlich zugänglich und damit ein symbolischer Kosmos.

Dieses Gedicht ‚Das Wort‘, das auch große philosophische Aufmerksamkeit gefunden hat, spricht von einem poetischen Ich, das aus der realen ‚Ferne‘ oder aus dem Reich der Phantasie, der inneren ‚Ferne‘ („traum“), „wunder“ mitbringt, Kostbarkeiten, welcher Art auch immer, die aber nun in Sprache gefasst werden müssen. Erst dann sind sie ‚greifbar‘ und können ihre Wirkung in der sozialen und kulturellen Welt entfalten. Diese Sprachfindung ist aber ein Geschenk des Schicksals, für das man bereit sein und auf das man warten können muss. Die „graue norn“ ist eine germanische Schicksalsgöttin. Sie findet den Namen – die Namengebung ist in allen Kulturen ein kultureller Akt von höchster Bedeutung – für die Dinge „in ihrem born“, im Brunnen also. Man darf hier wohl wohl sagen: im tiefen „Brunnen der Vergangenheit“ (Thomas Mann), der Kultur, in der Poesie selbst. Denn der Brunnen ist ein altes Symbol für die Poesie, das auch George immer wieder nutzt. Eine Kultur, so möchte ich jetzt schon etwas allgemeiner sagen, ist nach diesem ersten Teil des Gedichtes auf ihre ‚poetischen Quellen‘ angewiesen; aus ihnen muss sie schöpfen, sie muss sie wecken, wenn ihre „wunder“ wirksam werden, wenn sie ‘blühen und glänzen‘ sollen in unserer Gegenwart.

Nach dieser ersten Gruppe von drei zweizeiligen Kurzstrophen setzt das Gedicht mit einer weiteren Dreiergruppe neu ein. Wieder kehrt der lyrische Sprecher zurück; wieder bringt er etwas Besonderes mit, ein „kleinod reich und zart“. Doch diesmal misslingt die Sprachfindung. Und damit ‚gewinnt‘ der Gegenstand keinen sprachlichen Ausdruck und verflüchtigt sich. Diesen „schatz“ bekommt „mein land“ nicht; er kann also nicht geteilt werden und kann keine Gemeinschaft (‚communio‘) bilden.

Die Schluss-Strophe zieht dieses ‚traurige‘ Fazit: Wer die Sprache nicht hat, der hat auch keine Welt. Das gilt erst recht für die poetische Sprache, in der eine Kultur das feiert, was uns erst eigentlich hat zu Menschen werden lassen. Der Schlussvers ist jedoch mindestens doppeldeutig: So soll es nämlich auch sein („kein ding sei“): Wer die Sprache nicht hat, wer ihr Geschenk nicht zu würdigen weiß, der hat auch die ‚Kleinode‘ der Welt nicht verdient.

Wolfgang Braungart

     Mein kind kam heim.
Ihm weht der seewind noch im haar
     Noch wiegt sein tritt
Bestandne furcht und junge lust der fahrt.

     Vom salzigen sprühn
Entflammt noch seiner wange brauner schmelz:
     Frucht schnell gereift
In fremder sonnen wildem duft und brand.

     Sein blick ist schwer
Schon vom geheimnis das ich niemals weiss
     Und leicht umflort
Da er vom lenz in unsern winter traf.

     So offen quoll
Die knospe auf dass ich fast scheu sie sah
     Und mir verbot
Den mund der einen mund zum kuss schon kor.

     Mein arm umschliesst
Was unbewegt von mir zu andrer welt
     Erblüht und wuchs –
Mein eigentum und mir unendlich fern.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S. 143.


Ein Abschiedsgedicht, das ein seit Jahrtausenden vertrautes Erleben just im Augenblick der Erkenntnis, einer blitzartig erscheinenden Wirklichkeit erfasst: „Willkommen und Abschied“ fallen in eins. Doch verlässt kein Liebender am Morgen die Geliebte und reitet glücklich in die Welt hinaus.

Ein „kind kehrt heim“, einst war es noch „Mein“, obwohl es fern war, fern in einer südlichen Welt, die „kind“ wie „frucht“ schneller zur Reife bringt. Und der liebende Blick eines Erwachsenen, eines Älteren - Vater, Mutter, Freund – nimmt im Augenblick der Wiederbegegnung die Veränderung wahr: Zurück kam kein „kind“, sondern ein junger Mensch, der seine eigene Liebeswahl getroffen hat und den eigene Erfahrungen reif, erwachsen werden ließen. Nicht äußere Trennung –„Ich ging, du standst und sahst zur Erden“ – wie in Goethes Gedicht, steht am Ende von Georges „Lied“, sondern innere Einsicht und Verzicht, Akzeptanz von Veränderung. Und doch bleibt der unaufgelöste Widerspruch:

„Mein arm umschliesst / …/ Mein eigentum und mir unendlich fern.“

Das Gedicht ist das mittlere einer kleinen Gruppe von „Liedern I-III“ im „Siebenten Ring“ und wurde 1905 niedergeschrieben. George schickte im Oktober des Jahres je eine Abschrift an Sabine Lepsius und Friedrich Gundolf. In seinem Begleitbrief an die Freundin stellte er einen konkreten Bezug zwischen dem Gedicht und seinem Erleben her. 1907 veröffentlichte George das Gedicht und löste es damit und durch die Bezeichnung „Lied“ von seinem einstmaligen Erlebnis ab: Das „Lied“ gehört dem Volk, hier einer Gemeinschaft von Lesenden – jeder Einzelne ist frei, sich auf seine Weise dem Sprechenden „Ich“ zu verbinden.

Ute Oelmann

DER FREUND DER FLUREN

Kurz vor dem frührot sieht man in den fähren
Ihn schreiten • in der hand die blanke hippe
Und wägend greifen in die vollen ähren
Die gelben körner prüfend mit der lippe.

Dann sieht man zwischen reben ihn mit basten
Die losen binden an die starken schäfte
Die harten grünen herlinge betasten
Und brechen einer ranke überkräfte.

Er schüttelt dann ob er dem wetter trutze
Den jungen baum und misst der wolken schieben
Er gibt dem liebling einen pfahl zum schutze
Und lächelt ihm dem erste früchte trieben.

Er schöpft und giesst mit einem kürbisnapfe
Er beugt sich oft die quecken auszuharken
Und üppig blühen unter seinem stapfe
Und reifend schwellen um ihn die gemarken.

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 38.


Das Wort ‚Kultur‘, das inzwischen ziemlich inflationär verwendet wird, kommt von latein. ‚cultura‘. Das bedeutet einerseits ‚Bebauung‘, ‚Anbau‘ im Sinne der Landwirtschaft, andererseits ‚Ausbildung‘, ‚Veredelung‘ im Sinne des Geistigen. Baut man Getreide an (erste Strophe) oder Wein (zweite Strophe) oder Obst (dritte Strophe), dann verändert man das Land sichtbar (s. etwa: „fähren“), gestaltet es um und ordnet es vom Menschen aus und auf ihn hin. Die so entstehende Landschaft ist mehr als bloße Natur, die durch solche Kultur-Arbeit reicher wird und eine für den Menschen sinnvolle Struktur erhält.

Wer Natur kultiviert, braucht dazu geeignete Geräte („hippe“, ein Messer mit geschwungener Klinge); er braucht umfassende, einschlägige Kenntnisse des Wetters (dritte Strophe), braucht Erfahrung, welche Triebe am Weinstock ausgebrochen werden müssen oder wie die noch unreifen Trauben („herlinge“) zu beurteilen sind (zweite Strophe); und auch ein leibliches Gespür („die gelben körner prüfend mit der lippe“), also wirklich Geschmack, eine Fähigkeit zur sinnlichen Erkenntnis, auf die er sich verlassen kann.

Wer in diesem Sinne ‚Kultur‘ schafft und selbst Kultur hat, der muss ein ‚ganzer Mensch‘ sein, wie das 18. Jahrhundert sagen würde und wie es im 19. Jahrhundert zu einer zentralen Idee bürgerlicher Bildung geworden ist. Ein ganzer Mensch ist der, der selbst umfassend kultiviert ist. Dazu gehört zuallererst die richtige Einstellung, wie schon der Titel unseres Gedichtes sagt: Er selbst muss ein „Freund“ sein dessen, was er ‚zieht‘ und ‚kultiviert‘. Dann wächst und gedeiht es um ihn herum – und er selbst auch.

In einer archaisch anmutenden Sprache, die vielleicht sagen will, dass das, was hier angesprochen wird, schon immer für uns Menschen gilt und immer gelten sollte, redet das Gedicht Georges, dieses Kenners der rheinischen Landschaft und ihrer Kultur, auf einer ersten Ebene von einer Sommerlandschaft, die sich unter dem freundlichen, klugen, aber auch energischen, entschiedenen Zugriff des Menschen („die quecken auszuharken“) immer reicher und schöner entwickelt. Auf einer zweiten Ebene redet das Gedicht, das 1899 entstanden ist, vom Menschen selbst, von einem Erziehungsideal, das die umfassende kulturelle Selbsterziehung einschließen muss.

Wolfgang Braungart

Worte trügen • worte fliehen •
Nur das lied ergreift die seele •
Wenn ich dennoch dich verfehle
Sei mein mangel mir verziehen.

Lass mich wie das kind der wiesen
Wie das kind der dörfer singen •
Aus den sälen will ich dringen
Aus dem fabelreich der riesen.

Höhne meine sanfte plage!
Einmal muss ich doch gestehen
Dass ich dich im traum gesehen
Und seit dem im busen trage.

Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. III, S. 58.


Werden Gedichte nicht aus Worten gemacht? Sind Gedichte nicht wahr und ewig? Was ist das für ein Gedicht, das mit der allgemeingültigen Anspruch erhebenden Behauptung beginnt:  „Worte trügen ∙ worte fliehen“? Hebt das Gedicht sich nicht damit selbst auf, jeglichen Anspruch auf Wahrheit, Wirkung, Dauer?

Nein, denn dieses Gedicht ist ein „lied“, dieser Dichter ist ein Sänger, denn nur das „lied ergreift die seele“. Darum aber geht es diesem ganz bestimmten Lied und ganz bestimmten Sänger: Er will nicht Mond und Sterne, nicht Gott oder Natur besingen, sondern die „seele“ eines Duʼs ergreifen (Vers 3). Ist es bislang nicht gelungen –davon spricht die zweite Strophe – so muss das Lied noch schlichter, kindlicher, prunk- und fabelloser werden. Dieses gelungene Lied wird dann in nur vier Versen zum Zeugnis einer Einverleibung („busen“), einer selbst den Widerstand des angesprochenen Duʼs überwindenden Inkorporierung. Was bislang nur Traumgesicht war („traum gesehen“, Vers 11), ist nun mittels des Lieds ergriffen, die in Vers 3 durch ein „dennoch“ Getrennten („ich“ und „dich“) sind in Vers 11/12 trotz vorangegangener Ablehnung („höhne“) zusammengeführt: „ich dich“ / „im busen“.

Stefan George bedient sich hier 1893 im ersten Gedicht des Zyklusʼ „Sänge eines Fahrenden Spielmanns“ einer mittelalterlichen Einkleidung, der des Minnesängers, genauer seines volkstümlichen Nachfahren, ohne störende Historisierung. Er ruft mit der Reihe Dichter-Spielmann-Sänger eine tausende Jahre alte Tradition auf und bleibt doch ganz schlicht und gegenwärtig.

Dieses Lied kann allein stehen, kann allein verstanden werden und weist doch subtil im Zyklus voraus, ist Teil eines Ganzen. Ja, es steht gar in geheimem Zusammenhang mit Georges „Das Lied“ betiteltem Gedicht im ‚Neuen Reich‘ (1928), mit jenem Sänger, dem nur noch die Kinder lauschen (SW IX, S.100f.).

Ute Oelmann

Flammende wälder am bergesgrat •
Schleppende ranken im gelbroten staat!
Vor ihrem schlummer in klärender haft
Hebst du die traube mit leuchtendem saft.

Lang eh sie quoll mit dem sonnigen seim
Brachtest du strauss und kranz mit heim
Und du begrüssest den lohnenden herbst
Da du von sommers schätzen erbst.

Ihm ward die frucht zum genuss nicht bestellt
Der sich nicht froh auch den knospen gesellt.
Fragst du ihn so sagt er dir: weil
Man mir nahm mein einzig heil ..

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 108.


Eines der weniger bekannten Herbst-Gedichte Stefan Georges. Entstanden ist es vermutlich 1895 und gehört in den Zyklus ‚Traurige Tänze‘, der den Gedichtband ‚Das Jahr der Seele‘ (1897) abschließt.

Von wem ist die Rede? Längst weiß man, dass vor allem die Liebesbeziehung zwischen Ida Coblenz und George, von der sich nicht gerade behaupten lässt, dass sie glücklich verlaufen sei, den biographischen Kontext dieses berühmtesten Gedichtbandes ausmacht. Einige Gedichte des Bandes scheinen sich direkt auf diese Begegnung zu beziehen; so etwa das unserem Oktober-Gedicht direkt vorausgehende „Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten“, das Ute Oelmann schon im Juli 2014 kurz vorgestellt hat.

Doch George selbst mahnt in der Vorrede zur zweiten Ausgabe zur Zurückhaltung: „Auch einige die sich dem sinn des verfassers genähert haben meinten es helfe zum tieferen verständnis wenn sie im Jahr der Seele bestimmte personen und örter ausfindig machten. möge man doch […] auch bei einer dichtung vermeiden sich unweise an das menschliche oder landschaftliche urbild zu kehren: es hat durch die kunst eine solche umformung erfahren dass es dem schöpfer selber unbedeutend wurde und ein wissen-darum für jeden andren eher verwirrt als löst.“

Dass es bei unserem Gedicht um hohe poetische Kunst geht, daran besteht kein Zweifel. Die dominierende metrische Einheit ist der Daktylus, also eine Silbengruppe, die aus einer betonten und zwei unbetonten Silben besteht („Flammende“; „Schleppende“), so dass das Gedicht tatsächlich, den Titel des Zyklus, dem es zugehört, aufnehmend, tänzerisch bewegt wirkt.

Die ersten beiden Verse umreißen ein herbstliches Bild, wie es sich konventionellerweise gehört: bunt gefärbte Wälder und Weinberge. Gut. Abgeschlossen wird das Bild mit dem einzigen Ausrufungszeichen des Gedichtes: So ist es gesetzt, und damit auch genug! Jetzt muss mehr kommen; und jetzt geht es um ein ‚Du‘, das sich zu dieser herbstlichen Natur in eine konkretere Beziehung bringt. Noch einmal: Wer ist das ‚Du‘? Die Lyrik verwendet bis in unsere Gegenwart hinein das Pronomen ‚Du‘ auch als Reflexionsform: Das poetische Ich tritt sich selbst gegenüber, beobachtet sich selbst, reflektiert sich selbst. Es geht hier also gerade nicht, wie George schon in der Vorrede abwehrt, um ein biographisch fassbares ‚Du‘. Dieses ‚Du‘ nimmt die Traube an der Rebe in die Hand, betrachtet sie im Hinblick auf das, was ihrem Saft nun widerfahren wird: Die Traube wird gekeltert werden, und der Saft wird sich im Fass klären. Das ist ihr Gesetz, dem sie zu folgen hat.

Dass George hier aber ein symbolisches Bild entwirft, das zeigt sich in der zweiten Strophe rasch. Aus der meditativen Betrachtung der Traube geht nun die Reflexion auf das eigene Leben hervor: Schon vor dieser Reife der Traube, durch die der „seim“, der süße, dickflüssige Traubensaft entsteht, „brachtest du strauss und kranz mit heim“. ‚Strauß‘ und ‚Kranz‘ sind alte Bilder für die Dichtkunst. Noch heute sprechen wir vom Liederkranz, von einem Strauß von Gedichten. Dieses ‚Dichter-Du‘ folgt also einem anderen, eigenen Gesetz; von seinen früher erworbenen ‚Schätzen’ kann es jetzt, wo ihm sein eigener produktiver Herbst bevorsteht, erben. Die melancholische Stimmung (‚Traurige Tänze‘, ‚Herbst‘) lähmt dieses ‚Du‘ nicht. Nein, sie ist ihm vielmehr sogar Bedingung einer neuen dichterischen Produktivität.

Die letzte Strophe macht nun noch viel entschiedener deutlich, dass dieses ‚Du‘, dieser Dichter sich unterscheidet: dass er einer anderen Lebenssphäre zugehört. Dieser Gedanke findet sich von früh an bei George; und er wählt auch stets den poetischen Ton der Unterscheidung. Das hat ihm den Ruf, elitär zu sein, eingebracht. Aber poetische Sprache ist keine Normal- und Alltagssprache. Der Dichter dieser letzten Strophe lebt nicht für den unmittelbaren sinnlichen „Genuss“; und er lebt nicht im ‚normalen‘ Rhythmus des Lebens. Schon den „knospen“, also der Jugend, hat er sich nicht „froh […] gesellt“; und er erlebt auch keine sommerliche Reife und keinen Herbst des Lebens, wie es die konventionelle Vorstellung vom Leben eben will.

Nun, mit den letzten beiden Versen, sind ‚wir‘ angesprochen, die eine solche betonte Abweichung vom ‚Normalleben‘ irritiert. Das ‚Du‘ bist jetzt du, der Leser. Aber der Dichter kann auf die Frage, warum sich sein Leben so unterscheide, keine einfache Antwort geben, die unser Bewusstsein, das immer kausal und empirisch denken will, befriedigen würde: „weil / Man mir nahm mein einzig heil…“ Was soll das nun sein, das „einzig heil“? Alles Biographische (oder Religiöse oder Soziale – wie auch immer) wäre eine banalisierende Erklärung, die natürlich nicht ausgeschlossen ist, aber doch nicht genügt. Diesem Dichter ist das Lebensglück von Anfang an nicht beschieden; vielmehr sind Einsamkeit und Trauer sein Lebensgeschick. So ist es. Hier, im vorletzten und letzten Vers haben wir einen ganz schroffen Zeilensprung nach der Konjunktion ‚weil‘. Mit dem letzten Vers reiht sich, von einer Ausnahme abgesehen („einzig“), die dadurch besonders hervorgehoben wird, hart ein einsilbiges Wort ans andere. Alles Tänzerische, Geschmeidige ist weg; unversöhnlich und kompromisslos steht Wort neben Wort. Gewiss, man kann sagen, der Dichter stilisiere sich sehr in die Pose der Einsamkeit hinein. Aber was soll das? Große Verskunst ist es dennoch, nicht Biographie: weil es poetisch vollzieht, wovon es spricht.

Wolfgang Braungart

Als wir hinter dem beblümten tore
Endlich nur das eigne hauchen spürten
Warden uns erdachte seligkeiten?
Ich erinnere dass wie schwache rohre
Beide stumm zu beben wir begannen
Wenn wir leis nur an uns rührten
Und das unsre augen rannen −
So verbliebest du mir lang zu seiten.

Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. III, S. 88.


Ein Liebesgedicht! Hier spricht ein Liebender ein geliebtes Du an, Erinnerung an die Erfüllung erotischen Begehrens wird Sprache und so Mitteilung an das im letzten Vers genannte geliebte Du.

Doch steht dieses titellose Gedicht nicht allein, es ist das elfte von fünfzehn Texten eines Zyklus, den Ida Coblenz Ende Dezember 1894 als „Semiramislieder“ bezeichnete und als ihr zugehörig empfand. Die kurzen, meist sieben oder acht Verse umfassenden Gedichte (allein die Schlussgedichte zählen 14 und 12 Verse) entwerfen eine orientalische Szenerie, in der erste Begegnung, steigendes Begehren, Erfüllung und Abschied zweier Liebender meist als gegenwärtiges Geschehen lebendig und für den Lesenden erfahrbar werden.

Das obige elfte Gedicht unterscheidet sich von allen anderen, weil hier nach dem Liebesvollzug das Erinnern und damit die Trennung beginnt; allein das Erinnern ist Gegenwart, Erregung und Intimität sind Vergangenheit:

  • Beide stumm zu beben wir begannen
  • Wenn wir leis nur an uns rührten

Ein leicht verständliches Gedicht, ein im klangvollen Hervorrufen des Erlebten sehr sinnliches Gedicht, das dennoch ein überraschendes Fragezeichen aufweist, welches das Erlebte, die Verwirklichung „erdachte[r] seligkeiten ?“ ins Reich des Traumes versetzen kann.

Arnold Schönberg hat 1908/09 diesen Zyklus aus den ‚Hängenden Gärten‘ vertont, an ihm eine neue musikalische Sprache entwickelt und erprobt, an Gedichten, deren neue Form und Sprache ihn faszinierte. Wort und Musik sind hier in meisterlicher und bis dahin unerhörter Weise eins geworden.

Ute Oelmann

SCHLUSSCHOR

GOTTES PFAD IST UNS GEWEITET
Gottes land ist uns bestimmt
Gottes krieg ist uns entzündet
Gottes kranz ist uns erkannt.
Gottes ruh in unseren herzen
Gottes kraft in unsrer brust
Gottes zorn auf unsren stirnen
Gottes brunst auf unsrem mund.
Gottes band hat uns umschlossen
Gottes blitz hat uns durchglüht
Gottes heil ist uns ergossen
Gottes glück ist uns erblüht.

Stefan George: Der Stern des Bundes. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VIII, S.114.


Mit diesem Gedicht beschließt George seinen bis heute sehr rätselhaften, noch kaum umfassend gedeuteten Gedichtband ‚Der Stern des Bundes‘, der 1914 in den schlimmsten „wirren der zeit“ erscheint (so in einem berühmten Gedicht Georges von 1928). George setzt dieses Gedicht von allen anderen des Bandes deutlich ab und nennt es ‚Schlusschor‘. Ein kollektives ‚Wir‘ proklamiert, dass durch einen Gott für „uns“ neue und unbezweifelbare Orientierung entstehe. Der Ton ist heilsgewiss, rhetorisch, nicht feinsinnig, nicht poetisch und zweifelnd-melancholisch. Die Verse sind alle parallel aufgebaut; der Rhythmus ist hart und entschieden. Eine innere Gliederung gibt es dennoch: Drei Versgruppen mit jeweils vier Versen kann man unterscheiden. Sie sprechen zunächst davon, wie sich dieser Gott „uns“ zeigt, dann davon, was er in „uns“ bewirkt, und schließlich davon, wie sich das kollektive ‚Wir‘ im Zeichen dieses Gottes und aus einem gemeinsamen Geist heraus so eint, dass für „uns“ ein neues „glück…erblüht“ – welcher Gestalt dieses „glück“ auch immer sein mag. Das lässt das Gedicht ganz offen.

Diesen Prozess, den das Gedicht durchläuft, kann man allein an den Versenden ablesen; sie arbeiten sich auf den Kreuzreim zu, der die letzte Versgruppe zusammenfasst: Jetzt ist die Einigung des Kollektivs auch in der poetischen Sprache vollzogen. Zuvor gibt es nur eine Bindung durch Gleichklang von Vokalen und Konsonanten. Wie sich diese Bindung im Verlauf des Gedichtes verstärkt, sieht man sehr schön an der zweiten Vierergruppe („herzen“/“stirnen“; „brust“/„mund“).

Aber wer ist nun dieser Gott, dessen Ankunft und Wirksamkeit hier so heilsgewiss verkündet wird? Das ist die Frage, die sich im Monat Dezember besonders drängend stellt. Ist es ein Konkurrenzgott zum christlichen Gott, der auf die armseligste, elendste, gar nicht triumphale Weise Mensch geworden ist und der uns, so sagt es die christliche Tradition, in jedem Menschen begegnet, gerade im armseligsten und elendsten? Dass sich diese Frage so drängend stellt, ist die eigentliche Provokation dieses so selbstgewissen, sich so unangefochten gebenden Gedichtes.

Wolfgang Braungart

Kahl reckt der baum
Im winterdunst
Sein frierend leben∙
Lass Deinen traum
Auf stiller reise
Vor ihm sich heben!
Er dehnt die arme –
Bedenk ihn oft
Mit dieser gunst
Dass er im harme
Dass er im eise
Noch frühling hofft!

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S.140.


„Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ Keine Frage, ein Ausruf, und die Begründung folgt auf dem Fuße des nächsten Verses: „Wie gut, daß sie am Sterben teilhaben!“ ‚Ende eines Sommers‘ lautet der Titel des Gedichts, das mit diesen Versen beginnt und, nein, es ist nicht von Stefan George, es ist ein Gedicht von Günter Eich. Erschienen 1955, setzt es ein vielstimmiges „Gespräch über Bäume“ fort, welches zuvor ein heute noch recht bekanntes Gedicht infrage gestellt hatte, Bertolt Brechts ‚An die Nachgeborenen‘, 1939 veröffentlicht mit den verstörenden Versen „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“. Es waren die Zeiten der Diktatur der Nationalsozialisten, Zeiten von Vertreibung, Mord und Exil. Und ein anderer, ein deutscher jüdischer Dichter nach Auschwitz, antwortete ebenfalls mit verzweifelten Versen darauf:

Ein Blatt, baumlos,
für Bertolt Brecht:
Was sind das für Zeiten,
wo ein Gespräch
beinah ein Verbrechen ist,
weil es so viel Gesagtes
mit einschließt? (‚Schneepart‘, 1971)

Stefan Georges Baumgedicht aber, zwei Weltkriege vor jenem Paul Celans geschrieben, stellt uns Lesern ein bekanntes Bild vor Augen: einen winterkahlen Baum. Trotz winterlicher Starre der Natur ist es ein erstaunlich lebendiges Bild: der Baum „reckt“ (Vers 1) seine „arme“ (Vers 7), er friert, aber er lebt (Vers 3). Hier ist von einem ganz anderen „Trost“ die Rede als bei Eich, der Baum teilt nicht menschliches Sterben, sondern wir Menschen wissen um den Kreislauf der Natur, wir, als Schauende, wissen, dass er lebt, das mag uns Hoffnung geben auf eigene Erneuerung, auf eigenen „frühling“. So endet ja Georges Gedicht: „Dass er im eise / Noch frühling hofft!“ Aber solche Hoffnung für den Betrachter findet sich nicht in diesem kleinen, durch wunderbare Reime eng verwobenen Kunstwerk: der Schauende, der Sprechende ist es, der seinen „traum“ dem „baum“ als „gunst“ gewährt, vielfach, denn, so ist zu schließen, der Baum ist ohne Wissen um seine Frühlingsauferstehung, und deswegen ist er „im harme“. Eine erstaunliche Umkehrung Stefan Georges, gegen jede Tradition!

Das kleine titellose Gedicht gehört in die Reihe jener zugleich höchst kunstvollen und schlichten ‚Lieder I-VI‘, die 1907 als Teil des ‚Siebenten Rings’ erschienen, über deren Entstehung wir nichts wissen, da keine Handschriften überliefert sind, auch kein früherer Druck.

Ute Oelmann

Februar 2016

TIMON
(vor seiner Hütte)

Wie lieblich liegt ihr da im morgenlicht
Ihr glücklichen gefilde die die woge
Des heiligen stroms bewässert. Goldne Sonne
Du lächelst in dem heitren himmelsblau
Du öffnest aller blumen duftige kelche ..
O könntest du Natur den frieden
Den du den dingen gibst - auch mir verleihn!
Den kleinen gram vermagst du wol zu scheuchen
Jedoch die brust die grossen kummer birgt
Fühlt umso tiefer ihn und deutlicher
Je zartre süssere lüfte sie umziehn.

Stefan George: Schlussband. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. XVIII, S. 8.


Nur dieser kurze, betrachtende Monolog Timons bildet die „erste Stufe“ des Dramas ‚Manuel‘, das in drei ‚Stufen‘ zwischen 1886 bis 1894 entstanden ist. Es ist ein Jugendwerk noch, wenigstens in den ersten beiden Teilen, das George aber nicht verleugnet hat und selbst für den ‚Schlussband‘ seiner Werkausgabe vorsah.

Man kann diesen Monolog auch als Frühlingsgedicht lesen. „Strom“ und „Sonne“ werden angesprochen und mit diesen elementaren Kräften die ganze „Natur“. Im anbrechenden Frühling wird Natur als ein großer All-Zusammenhang erfahrbar, der das weite „heitre himmelsblau“ genauso wie „aller blumen duftige kelche“ umfasst, also Makrokosmos wie Mikrokosmos. Nur einer fühlt sich ausgeschlossen: der poetische Sprecher selbst. Gerade dann, wenn sich der neue Morgen der wieder erwachenden Natur zeigt, spürt der Sprecher hier seine „exzentrische Positionalität“, wie der Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner die Stellung des Menschen in der Welt wirkungsmächtig charakterisiert hat. Der Sprecher unseres Februargedichtes gehört nicht dazu. Er steht außerhalb des All-Zusammenhangs der Natur. Aber eben deshalb kann er, was er sieht und spürt, beschreiben. Differenz, seit dem 18. Jahrhundert sagt man dafür auch Entfremdung, ist die Bedingung poetischer Wahrnehmung und Reflexion.

Noch klingen diese Verse des jungen George sehr epigonal; an Goethe (‚Mailied‘) oder Hölderlin (‚Abendphantasie‘) mögen sie ein wenig erinnern. Noch sind sie schematisch, hölzern, wenig geschmeidig, gerade im zweiten Teil des Monologs. Aber die Melancholie, die für Georges ganzes Werk einen wichtigen Grundton abgibt und in poetische Produktivität gewendet wird: sie äußert sich schon hier.

Wolfgang Braungart

März 2016

Lilie der auen!
Herrin im rosenhag!
Gib dass ich mich freue •
Dass ich mich erneue
An deinem gnadenreichen krönungstag.

Mutter du vom licht •
Milde frau der frauen •
Weise deine güte
Kindlichem gemüte
Das mit geäst und moos dein bild umflicht.

Frau vom guten rat!
Wenn ich voll vertrauen
Wenn ich ohne sünde
Deine macht verkünde:
Schenkst du mir worum ich lange bat?

Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. III, S. 67.

Der dieses Lied als 25jähriger verfasste, wuchs nicht nur im Schatten der katholischen St. Martins-Kirche von Bingen auf, als Messdiener war er mit der Liturgie der Marienfeste ebenso vertraut wie mit zahlreichen Marienliedern und -gebeten. Ein Marienlied des Dichters, der mit 18 Jahren seinen Kinderglauben verloren hatte, ist allein schon bemerkenswert; dieses Marienlied fasziniert und befremdet zugleich bei der ersten Lektüre. Dabei ist es ein schönes Gedicht, wie es viele Marienlieder sind, schön in den Zuschreibungen Mariens, schön in seiner Lautgestalt, den verschlungenen Reimen über 15 Verse und 3 Strophen hinweg. Aber ist es überhaupt, was es zu sein scheint?

Überschriftslos konkretisiert vielleicht erst der zweite Vers die Angerufene, lässt vor Augen das Bild ‚Mariens im Rosenhag‘ von Stephan Lochner entstehen, mag auch die Anrede „Herrin“ erst einmal leicht irritieren. Rückwirkend lässt das berühmte Bildmotiv auch die Anrufung des ersten Verses „Lilie der auen“ als Marienpreis vertraut erscheinen: Lieder klingen an, in denen Maria als „Lilie ohnegleichen“ angesprochen wird, als „die Süße, die Lilie auserwählt“. Auch steht die Lilie als Symbol der Reinheit und Jungfräulichkeit im Bildvordergrund vieler Darstellungen der ‚Verkündigung‘. George hatte bei seinen Aufenthalten in Europas Hauptstädten viele Mariengemälde gesehen, darunter auch die berühmte ‚Krönung Mariens‘ von Fra Angelico in Paris. Auf diese Krönung, auf Maria als Königin, spielt nicht nur Vers 5 unseres Liedes an, sondern auch das frühere Gedicht ‚Ein Angelico‘(‚Hymnen‘ 1890). Als „Königin“, „erhabne Frau und Herrscherin“ wird die „Mutter“ Gottes in einem der bekanntesten Marienlieder gegrüßt, sie ist „Leuchte und Trost“, „unsere Hoffnung“ und „der Sünder Zuflucht“. All diese Zuschreibungen kennt und umspielt George, leichte Verschiebungen der Attribute vornehmend, so auch in Vers 11, der wohl am wenigsten bekannten Zuschreibung „Frau vom guten rat“. Und eben sie führt zurück zu Georges Bilderfahrungen (vgl. Vers 10 „dein bild“). Das Gnadenbild der ‚Maria del Buon Consiglio‘ befand sich damals schon seit langem in der Kirche von Genazzano bei Rom, und Tausende Kopien waren verbreitet, auch in deutschen Landen, eine befand sich sicher auch in Niederrad bei Frankfurt. Dort war am 15.8.1873 die Gemeindekirche ‚Maria, Mutter vom guten Rat‘ geweiht worden, die der 25jährige durchaus kennen mochte.

Nicht die Varianz der Zuschreibungen aber irritiert den Leser, es sind die Bitten des sprechenden Ichs (Freude und Erneuerung), vor allem aber die ketzerische Verkehrung: dieses Ich bittet nicht um Sündenvergebung, sondern bezeichnet sich selbst gegen jedes christliche Dogma als „ohne sünde“, maßt sich an, was für den Gläubigen nur auf Maria, die Angerufene zutrifft. Und schließlich ist, ebenso ketzerisch, die menschliche Verkündigung von göttlicher Macht (Vers 14) Voraussetzung für eine Erfüllung jener menschlichen Bitte um Erneuerung. Wer aber spricht hier? Der Sprecher des Gedichts, der Sänger des Liedes, und dieser ist nach Auskunft des Zyklentitels, unter welchem der „Sang“ steht, ein „fahrender Spielmann“, eine mittelalterliche Verkleidung des Dichters. Ist dann die Frage nicht naheliegend, ob diese nie beim Namen genannte “Frau“ nicht auch eine Gestalt der ‚Muse‘ ist?

Ute Oelmann

DAS LIED

Es fuhr ein knecht hinaus zum wald
Sein bart war noch nicht flück
Er lief sich irr im wunderwald
Er kam nicht mehr zurück.

Das ganze dorf zog nach ihm aus
Vom früh- zum abendrot
Doch fand man nirgends seine spur
Da gab man ihn für tot.

So flossen sieben jahr dahin
Und eines morgens stand
Auf einmal wieder er vorm dorf
Und ging zum brunnenrand.

Sie fragten wer er wär und sahn
Ihm fremd ins angesicht •
Der vater starb die mutter starb
Ein andrer kannt ihn nicht.

Vor tagen hab ich mich verirrt
Ich war im wunderwald
Dort kam ich recht zu einem fest
Doch heim trieb man mich bald.

Die leute tragen güldnes haar
Und eine haut wie schnee ..
So heissen sie dort sonn und mond
So berg und tal und see.

Da lachten all: in dieser früh
Ist er nicht weines voll.
Sie gaben ihm das vieh zur hut
Und sagten er ist toll.

So trieb er täglich in das feld
Und sass auf einem stein
Und sang bis in die tiefe nacht
Und niemand sorgte sein.

Nur kinder horchten seinem lied
Und sassen oft zur seit ..
Sie sangenʼs als er lang schon tot
Bis in die spätste zeit.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S. 100.


Schon immer gibt es in der Geschichte der Lyrik zwei unterschiedliche Traditionslinien: Der einen, der dunklen, schwierigen, artifiziellen, die den Unterschied zur Normalsprache besonders betont und zeigt, verdankt die ganze Gattung, dass man ihr oft mit großen Vorbehalten begegnet. Erst recht heute, wo man Sprache vor allem als ein bloß funktionales Medium der Kommunikation und Information versteht. Die andere Linie aber setzt auf den einfachen, zugänglichen, manchmal sogar liedhaften Ausdruck. Immer wieder gibt es Phasen in der Geschichte der Lyrik, in denen sie durch das Einfache und Liedhafte neue Impulse bekommt. So gingen zum Beispiel von Luthers Kirchenlied, dem Kirchenlied überhaupt und dem Volkslied solche Impulse aus. Man kann das im 18. Jahrhundert z. B. beim jungen Goethe und in der Romantik beobachten.

Stefan George beherrschte beide Traditionslinien. Noch im Spätwerk wandte er sich, wie in unserem Gedicht, das um 1910 entstanden ist, dem einfachen und liedhaften Ton zu.

‚Das Lied‘ – dieser Titel will auch sagen: Das ist einfach nur ein Lied; so soll ein Lied sein; so verstehe ich, Stefan George, diese Gattung. Goethe hat, ganz ähnlich, ein Gedicht einfach nur ‚Ballade‘ genannt.

‚Das Lied‘ Stefan Georges verwendet viele Formeln und Wiederholungen, wie man es in mündlicher Sprache tut und wie wir es aus der Volksliteratur kennen. Es will nicht kunstvoll und schwierig wirken. Es erzählt eine ergreifende Geschichte von einem ‚Knecht‘, einem noch jungen Mann vielleicht. Vielleicht ist es auch einer, der einer großen Aufgabe dient. Er zieht hinaus, um seine eigenen Erfahrungen zu machen und zu begreifen, was er von seinem Leben will. Die erste Strophe versetzt uns sofort in eine märchenhafte Welt. Im Märchen ist der Wald oft Symbol des Geheimnisvollen und Gefährlichen. Derjenige, der sich auf den Wald einlässt, wird durch ihn besonders herausgefordert. So ist es auch hier. Der Knecht kommt erst zurück, als seine Zeit der Bewährung und Neuorientierung um ist („sieben jahr“). Am Dorfbrunnen, dem alten symbolischen Ort der Gemeinschaft, der Erneuerung und auch der Poesie, trifft man ihn wieder. Er hat sich durch seine Zeit im „wunderwald“, in der Fremde so sehr verändert, dass ihn niemand mehr kennt. Die, die ihn kennen müssten, die Eltern – sie sind tot.

Die Geschichte, die der Knecht nun erzählt, ist so seltsam, dass man ihn für verrückt erklärt und zum Viehhirten macht: Das wird er wohl noch können! Sicher spielt George hier auf die uralte Hirtenpoesie im mythisch-idealen Land Arkadien an. Denn der Knecht, der wirklich verrückt ist, aus allen konventionellen Ordnungen und Bezügen herausgefallen, singt nun sein Lied. Er ist ein Sänger, ein Dichter, für den die Dorfbewohner, die sich für so normal halten, nur Spott übrig haben. Wer weiß, ob George in diesem Sänger nicht auch seine eigene Rolle reflektiert hat? Auch er ist ausgezogen in die europäischen Länder und Kulturen; er hat viel gesehen und erfahren; auch er hat sich verändert. Ob ihn seine Heimatstadt damals schon und heute noch verstehen würde, käme er zurück? Hätte man nur Spott für ihn übrig?

Die Kinder aber verstehen den Dichter; sie hören ihm gerne zu und singen sein Lied weiter. ‚Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…‘ Das hat schon einmal einer gesagt. Man könnte hier hinzufügen: ‚Dann versteht ihr die Dichtkunst nicht.‘ Mit ihrer kindlichen Aufgeschlossenheit und Unbefangenheit müsst ihr hören und nicht alles, was befremdlich erscheint, gleich für verrückt erklären.

Versuchen Sie es einmal: Lesen Sie dieses Gedicht Kindern vor; die werden es verstehen. Ich verspreche es Ihnen!

Wolfgang Braungart

Dies ist ein lied
Für dich allein:
Von kindischem wähnen
Von frommen tränen ..
Durch morgengärten klingt es
Ein leichtbeschwingtes.
Nur dir allein
Möcht es ein lied
Das rühre sein.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Ste-fan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stutt-gart 1982ff., Bd. VI/VII, S.136.


Kann ein Gedicht einfacher daherkommen als dieses? Bedarf es einer Erklärung? Kann nicht jeder von uns ein solches kleines „lied“ schreiben?

Dass es sich um ein Lied handelt, das behauptet der erste Vers, nicht mehr als dies, und erst der folgende zweite Vers präzisiert, indem er den Adressaten nennt: „ein lied für dich allein“. Die letzten drei Verse nehmen dann nicht nur die Reime der Eingangsverse wieder auf, sondern betonen noch einmal die Alleinstellung des angesprochenen Du und benennen die durchs Lied erhoffte Wirkung bei diesem anderen: es möge rühren. Nun ist Rührung heutzutage eine heruntergekommene Emotion, verweist auf Sentimentalität, vielleicht gar auf falsche Tränen. Zwei Attribute im mittleren Teil des Gedichtes, umklammert von den wirkmächtigen identischen Reimen „lied“ / „allein“ und dem Reimendklang „sein“, scheinen diesen Verdacht auch zu bestätigen: „kindisch“ und „fromm“. Ersteres ist schon immer in Absetzung von ‚kindlich‘ negativ verstanden worden, das andere mag für gar manchen heute auch einen fragwürdigen Beiklang haben.

Die Substantive, die mittels der Attribute qualifiziert werden, verstärken das noch. Hier finden sich die zuvor schon vermuteten „tränen“, und das „wähnen“ kommt doch dem Wahn und Wahnsinn recht nahe. Die exakte Parallelität der beiden Verse gibt ihnen zusammen mit dem weiblichen Reim Schwere und Nachdruck, und doch gleitet der syntaktisch noch gänzlich unbestimmte Doppelvers über zum nächsten Verspaar, in dem sich Klang und Bewegtheit, Heiterkeit und Leichtigkeit dem „lied“ mitteilen. Wie anders ist dieser Doppelreim „klingt es“ / „schwingt es“, semantisch und lautlich, beides voneinander untrennbar.

Im Zentrum des kleinen Liedes (4+1+4 Verse) steht das in seiner Zusammensetzung von Zeit und Raum ungewöhnliche Wort „morgengärten“, das ganz allein die Atmosphäre von Helligkeit und Heiterkeit, Schönheit und Beschwingtheit beim Lesenden oder Hörenden aufruft, die letztlich in dem kleinen „lied“ triumphiert. Der leise ironische Unter- oder Oberton aber, häufig Georges Werk abgesprochen, bleibt.

Das kleine Gedicht steht aber nicht nur für sich selbst, es ist das erste Gedicht der ‚Lieder I-VI‘ im Siebenten Ring und als solches setzt es auch den Ton für die folgenden fünf.

Ute Oelmann

Paul Verlaine, Romances sans paroles
IV

Il faut, voyez-vous, nous pardonner les choses:
De cette façon nous serons bien heureuses
Et si notre vie a des instants moroses
Du moins nous serons, n'est-ce pas, deux pleureuses.

O que nous mêlions, âmes soeurs que nous sommes,
A nos voeux confus la douceur puérile
De cheminer loin des femmes et des hommes,
Dans le frais oubli de ce qui nous exile !

Soyons deux enfants, soyons deux jeunes filles
Eprises de rien et de tout étonnées
Qui s'en vont pâlir sous les chastes charmilles
Sans même savoir qu'elles sont pardonnées

Vergessene Weisen
IV

Wir müssen – siehst du – uns versöhnlich einen:
So können wir noch beide glücklich werden •
Und trifft auch manches trübe uns auf erden:
Sind wir doch immer – nicht wahr? zwei die weinen.

Vermischen wir mit unsren wirren drängen •
Verschwistert herz • das kindische belieben
Uns fern zu halten von der menschen gängen
Und frisch vergessen was uns weggetrieben.

Wir wollen kindern • jungen mädchen gleichen •
Den herzen die um nichts verwundert pochen •
Die unter keuschem blätterdache bleichen
Und wissen sich nicht einmal losgesprochen.

Stefan George: Zeitgenössische Dichter. Zweiter Teil. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. XVI, S. 20.


Stefan George war nicht nur Lyriker; er war auch ein großartiger Übersetzer europäischer Literatur. Durch seine Übertragungen hat er entscheidend dazu beigetragen, dass sich die deutsche Lyrik der Jahrhundertwende dem europäischen Symbolismus geöffnet hat. Wie intensiv ihn die europäische Lyrik seiner Zeit beschäftigt hat, zeigen die beiden Bände ‚Zeitgenössische Dichter. Übertragungen‘ (SW XV und XVI). Im Kreis um Stephane Mallarmé (1842 – 1899), zu dem er schon 1889 als ganz junger Mann Zugang gefunden hat, lernte er auch Paul Verlaine (1844 – 1896) kennen und mit ihm eine zuweilen liedhafte, melancholisch inszenierte Lyrik, deren Parlando-Ton ihn anzog und beeinflusste. Man sieht das besonders gut im ‚Jahr der Seele‘ oder in den ‚Liedern von Traum und Tod‘.

Das Gedicht, das wir hier vorstellen, stammt aus Verlaines Zyklus ‚Vergessene Weisen‘ (‚Ariette oubliées‘) im Gedichtband ‚Lieder ohne Worte‘ (‚Romances sans Paroles‘) von 1887. George übersetzt es vermutlich in 1892; er folgt dabei nicht sklavisch dem französischen Wortlaut, sondern eignet sich Verlaines Gedicht an und integriert es in seine eigene Sprachwelt. Ein schönes Beispiel ist der Schlussvers, in dem aus ‚pardonner‘ das Partizip ‚losgesprochen‘ wird. In der ersten Strophe wird dasselbe Verb dagegen noch aktiv übertragen: „Wir müssen – sieht du – uns versöhnlich einen“. Daraus wird am Ende ein rituell-sakraler Akt („losgesprochen“).

Das Gedicht lässt sich aber auch auf gesprächshafte, mündliche und durchaus zweifelnde Töne ein; „siehst du“ heißt es in der ersten Strophe und „nicht wahr“ (frz. „voyez-vous”, „n'est-ce pas”).

Ida Dehmel hat das Gedicht später auf ihre Begegnung mit Stefan George bezogen. Aber die Hoffnung, es könnte je wieder ein unschuldiges, kindlich-geschwisterliches Verhältnis zwischen „uns“ beiden möglich sein, „wir“ könnten doch noch einmal „frisch vergessen was uns weggetrieben“, ist in Wahrheit längst verloren. Man vergleiche Georges Übertragung einmal mit Mörikes wunderbarem Gedicht ‚Erinnerung. An C.N.‘: Auch dies ein Gedicht voller Sehnsucht nach Unschuld und Ganzheit der Kinderliebe im Wissen, dass sie unwiederbringlich dahin sind.

Wolfgang Braungart

Südliche Bucht
An Ludwig von Hofmann

An grünen klippen laden selige gärten
Wo blumen sich mit blauen wogen mengen
Und frühe winde zart und glühend sprengen
Um den Gebunden die metallnen härten.

In lila-himmel streuen berge funken –
Hier lockt die dämmerung der saffirgrotte
Dort in verklärte fernen zieht die flotte ..
Ihn hat ein schauer jung geküsst und trunken

Dass er berührt vom spiel gewiegter hüfte
Den einen namen seufze sage singe ..
Und starker odem in dem zauberringe
Wie wein und honig meer und tempelgrüfte

Hat ihm in traumes ruhe-reich verholfen ..
Wo er in lied und segen der zipresse
Sein kaltes land und steiles werk vergesse
Langsam sich lösend vor den purpurgolfen.

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 69.


Gar mancher Lesende wird sich allein schon vom Titel des Gedichts angezogen und „sehnenvoll“ eingestimmt fühlen: ‚Südliche Bucht‘. Nein, wir denken auch 2016 nicht zuerst an von Chemie und Plastikabfällen verseuchte Strände, auch nicht an die zerstörten Schlauchboote von Flüchtlingen in der Ägeis oder gar an angeschwemmte Kinderleichen. Wir sind auch heute noch „Stets-wandrer“ und „seelenvoll des heitren südens preiser“ – so nannte George in einem anderen Gedicht des Jahres 1898 seine Landsleute und den deutschen Dichter Jean Paul (SW V, S. 53) – und als solche treten wir, mit dem ersten Vers beginnend, in eine Landschaft ein aus „klippen“, „gärten“, „wogen“, „himmel“, „berge[n]“, „grotte“, „meer“ und „golfen“, eine Welt intensiver Farben (grün, blau, lila, saphirblau, rot, purpur), von Bewegtheit („winde“) und Genuss („wein“, „honig“). Vielleicht gleichen wir auch jenem „Gebundnen“, dessen „metallne härten“ wie Eisenketten vom „winde zart“ gesprengt werden, vielleicht locken auch uns unterm leuchtenden Himmel die „nahe dämmerung“ einer „grotte“ sowie, die „bucht“ entgrenzend, „verklärte fernen“? Wer kennt nicht den Sehnsuchtsblick, der sich von der rauschhaften Fülle südlicher Vegetation auf das Meer hinaus wendet und den Schiffen bis an den Horizont folgt.

Aber diesem Entbundenen des Gedichts geschieht mehr, ihm geschieht Besonderes: ihn ergreift der Eros („schauer“), der Anblick eines oder einer Tanzenden („gewiegter hüfte“) und sogleich der drängende Wunsch, den einen geliebten „namen“ Laut werden zu lassen. Verjüngung, Trunkenheit, Sehnsucht und Bezauberung geschehen, ja „wein“, „honig“ und „tempel“ sakralisieren, heiligen gar das Erlebnis. Und „ihm“, der aus dem „kalte[n] land“ kam und gefesselt war durch den hohen Anspruch seines „werk[s]“, ihm wird Vergessen und Lösung gewährt. Schon die griechische Dichterin Sappho hatte den „gliederlösenden Eros“ gepriesen.

Nicht nur die Üppigkeit der Farben fällt auf an diesem Gedicht Georges aus dem Jahr 1898, auffällt vor allem auch die Üppigkeit der Sprache, die Vielzahl der Attribute und Adverbien, der Bewegungsverben, der Reihungen wie „seufze sage singe“. Das Gedicht ruft nicht nur eine südliche Landschaft herauf, sondern löst auch einen großen Reichtum von Gefühlen aus, auch beim Lesenden. Folgen wir ihm, Vers um Vers, so kommen auch wir in „traumes ruhereich“ an, jener „südliche[n] bucht“, die George während seines Romaufenthaltes im April 1898 vielleicht − und gerade so − erlebte, oder aber wir sind mit ihm angekommen in einer jener arkadischen Landschaften, einer jener südlichen Buchten, die der Darmstädter Jugendstilmaler Ludwig von Hofmann (1861-1945) häufig malte. Ihm ist das Gedicht gewidmet, mit ihm hatte sich George in Rom angefreundet. Vielleicht hatte er dort auch Bilder wie „Tanzende am Meer“ gesehen?

Ute Oelmann

Das lied des zwergen

I

Ganz kleine vögel singen ·
Ganz kleine blumen springen ·
Ihre glocken klingen.
Auf hellblauen heiden
Ganz kleine lämmer weiden ·
Ihr fliess ist weiss und seiden.
Ganz kleine kinder neigen
Und drehen sich laut im reigen –
Darf der zwerg sich zeigen?

II

Ich komme vom palaste
Zu eurer kinder tanz
In ihrem frohen kranz
Will eines mich zu gaste?
Der ich mich scheu verberge
Ich habe kron und thron ·
Ich bin der feien sohn
Ich bin der fürst der zwerge.

III

Dir ein schloss · dir ein schrein –
Fülle aller schätze und ihr glanz sei dein!
Dir ein schwert · dir ein speer –
Zarter gunst der schönen sei dein weg nie leer.
Dir kein ruhm · dir kein sold –
Dir allein im liede liebe und gold.

Stefan George: Die Bücher der Hirten und Preisgedichte, Der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten. In: Ders.: Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff. Bd. III, S. 64f.


Nach dem Algabal-Zyklus geriet Stefan George, wie er selbst eingestand, in eine tiefe Krise. Er sah, dass er einen Weg finden musste, seine Dichtkunst weiterzuentwickeln und aus ihrem kühlen und prächtigen Ästhetizismus herauszuführen. Das Ergebnis ist der Gedichtband der ‚Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten‘, der 1895 erschien.

Was macht man in einer seelischen und schöpferischen Krise? Vielleicht dies: Man versucht, sich auf das Wesentliche zu besinnen und allzu große Komplexität abzubauen. So halten wir es selbst; und so auch George nun in seiner neuen Dichtkunst. Man erinnert sich an das, was man hat, aus welchen Traditionen man kommt und was sie einem geben könnten. Georges poetische Sprache erneuert sich, indem sie sich auf die „drei großen bildungswelten“, wie er selbst sagt, der Antike (‚Hirten- und Preisgedichte‘), des Mittelalters (‚Sagen und Sänge‘) und des Orients (‚Hängende Gärten‘) besinnt. In solchen Erinnerungen spürt und vergewissert sich die „Seele“ ihrer selbst; sie bildet und formt sich. Es geht also gerade nicht darum, geschichtliches Wissen wie Schätze einzusammeln. George leitet den ganzen Gedichtband mit einer entsprechenden Vorbemerkung ein: Diese drei Gedichtzyklen „enthalten die spiegelungen einer seele die vorübergehend in andere zeiten und örtlichkeiten geflohen ist und sich dort gewiegt hat“.

Aus dem dritten Zyklus der ‚Sänge eines fahrenden Spielmanns‘ stammen die drei kleinen Gedichte des ‚Lieds des Zwergen‘, die seinerzeit auch sogleich vertont wurden. Man braucht sie kaum genauer zu erläutern. In jugendstilhafter Manier inszenieren sie zunächst kindliche Naivität und kindliche Sprache – und man darf hier gewiss daran denken, dass schon die Antike dem Kind (und dem Greis) besondere Weisheit zugesprochen hat und dass auch Jesus im Neuen Testament fordert, wieder zu werden „wie die Kinder“, sonst kann man „ins Himmelreich nicht eingehen“. Seit dem 18. Jahrhundert sehnt sich die anbrechende Moderne nach dem Einfachen und Naiven.

Erst in dieser kindlichen, „ganz kleinen“ und überschaubaren Welt kann die Frage überhaupt gestellt werden: „Darf der zwerg sich zeigen?“ (Erstes Lied) Und nun tritt er auf; unsicher einerseits, weil er nicht weiß, ob ihn überhaupt „eines [der Kinder] zu gaste“ haben möchte; selbstsicher andererseits, ist er doch ein Herrscher in seinem Reich, ein Sohn der Feen, ja sogar „der fürst der zwerge“. (Zweites Lied)

Und er verteilt seine Gaben. (Drittes Lied) Die bemerkenswerteste davon wird im letzten Zweizeiler genannt; auf diese Gabe läuft der ganze kleine Zyklus zu und vollendet seinen Dreischritt: „Dir kein ruhm · dir kein sold – / Dir allein im liede liebe und gold.“ Das „Lied des Zwergen“ ist das Geschenk an ‚dich‘, den Leser und genauso an ‚dich‘, den Dichter. Wer der Dichtkunst genügen will, kann nicht mit Ansehen und Reichtum rechnen; er bekommt alles „allein im liede“. Hier deutet sich ein kulturkritisches Konzept von Dichtkunst an, das für George bestimmend bleiben wird. Nicht „ruhm“ und „sold“: nein, die Kunst des einfachen, gar nicht prunkvollen Liedes selbst ist alles und enthält alles.

Prof. Wolfgang Braungart, Vorsitzender der Stefan-George-Gesellschaft

September 2016

An Sabine

Das farbenlaub umschlang die sage
Von manchem weh des sommerbrands
Als eine reife süsse klage ..
Und unsre wünsche pochten minder
Bei glück und träne schöner kinder –
So waren alle diese tage
Von blum und frucht ein duftiger kranz.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S.168.


Stefan George schrieb in den langen Jahren zwischen 1886 und 1933 vielerlei unterschiedliche Gedichte, nicht nur in aufeinanderfolgenden Werkepochen, sondern häufig auch in rascher Folge zu gleicher Zeit. Das kleine Gedicht aus dem Großen Siebenten Ring mit seinen ‚Zeitgedichten‘ und ‚Liedern‘, um nur zwei Gattungen zu nennen, vertritt einen Typus, der sich fast von Beginn an in seinen Werkbänden findet: das Widmungsgedicht. Selbst diesen Typus hat George vielfältig variiert. Es gibt Gedichte, die ich lieber als Personengedichte bezeichnen würde: manche tragen antike Namen (‚An Antinous‘) andere nur Initialen als Titel und beide sind dem fernstehenden Leser nicht oder nur kaum aufschlüsselbar gewesen. Wieder andere sind dann im engeren Sinn Widmungsgedichte, so im Teppich des Lebens, wo sie neben Titeln wie ‚Blaue Stunde‘ Widmungen tragen wie „An Reinhold und Sabine Lepsius“ (SWV, S. 62). Unser Gedicht wiederum verschließt sich scheinbar dem Leser, da es nur einen Vornamen nennt: ‚An Sabine‘. Allen aufgeführten Gedichttypen und ihren Varianten ist aber eines gemeinsam: sie stehen gegen das Vergessen, für die Erinnerung. 1897 machte dies George dem Leser noch ausdrücklich deutlich, indem er die mit Initialen überschriebenen Gedichte einem Zyklentitel unterstellte: Verstattet dies Spiel: eure flüchtig / geschnittenen Schatten zum Schmuck / für meiner Angedenken Saal. Und er spricht – wiederum etwas preziös anmutend – in seinen Hugo von Hofmannsthal ansprechenden Versen ‚H.H.‘ vom Gedicht als „meine dächtnistafel“ (SWIV, S. 69 u. 75).

Just daraus gewinnt er fast 10 Jahre später den Zyklentitel für eine große Anzahl kleiner Gedichte im Siebenten Ring, darunter auch ‚An Sabine‘. Nur noch Tafeln lautet jetzt der übergreifende Titel. Dieser öffnet einen weiten Vorstellungsraum, von den antiken Steintafeln mit ihren Inschriften bis zu den Schreibtafeln der Kinder: Schreiben, Lesen, Erinnern!

Wen aber erinnert George in unserem Gedicht? Und was erinnert er? Heute ist die Angesprochene längst identifiziert, ihre Erinnerungen liegen gedruckt vor, Briefe, ja wir kennen selbst jenes Exemplar von Georges Tage und Taten, in welches er das Gedicht als Widmung eintrug, dort datiert „Zum October 1903“. Müssen wir nun heute diese Verse biographisch lesen, um zu verstehen, sozusagen im Wissen um das dahinter angeblich oder vermutlich verborgene Erlebnis, das die kommentierenden Sämtlichen Werke Georges bereithalten? Durch Sabine Lepsius vermittelt, wissen wir von einem Herbstspaziergang des Jahres 1902, den sie mit George und ihren Kindern machte.

Nein; denn es handelt sich bei den sieben reimenden Versen mit ihren je vier Hebungen um ein Kunstwerk, durchkomponiert mit größter Sorgfalt. Der Akteur „farbenlaub“ und die Aktion „umschlang“ sind nicht nur ungewöhnlich gefügt, allein schon ihre Lautabfolge bezaubert den Leser, umfängt, ja umschlingt ihn wie der Reim von Vers 2 und Vers 7 („brands“ / „kranz“), in dessen Mitte der auffällige weibliche Paarreim („minder“ /“kinder“) steht. Das Gedicht ist so komplex gebaut und gefügt, strukturell, lautlich und syntaktisch, dass ich es jedem Leser überlassen muss, dem lustvoll nachzuspüren. Eine kleine Spur solcher Arbeit des Dichters verrät der Vergleich von Handschrift und späterem Druck. Der erste Vers lautete 1902: „Im farben-laub verrann die sage“ und mit diesem Vers begann sozusagen ein anderes Gedicht, „verrinnen“ notiert Vergänglichkeit. Nur das die „sage“ umschlingende „farbenlaub“ entspricht dem „kranz“ der „tage“, bewahrt Gedächtnis im Gedicht.

Was soll uns angesichts solcher Kunst die Geschichte vom gemeinsamen Gang des Dichters mit Freundin und Kindern, bei welchem sich Freund und Freundin in seltener Vertrautheit von Leidenschaften ihrer Jugendtage erzählten?

Ute Oelmann

Oktober 2016

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S.111.


Dies ist das letzte Gedicht in Georges letztem Gedichtband "Das Neue Reich" von 1928. Entstanden ist es schon zehn Jahre zuvor. Aber biographische Umstände tun hier gar nichts zur Sache; das Gedicht ist vollständig von ihnen gereinigt. Es lässt sich wie ein poetisches Vermächtnis lesen, weil sich hier viele Eigentümlichkeiten von Georges lyrischem Sprechen konzentrieren. Feierlich, ernst, emphatisch ist es, mit einem Anflug von Melancholie. Wir verstehen diese Sprache leicht, und doch ist sie ganz fern von jeder gewöhnlichen Sprechweise.

Offenkundig handelt es sich bei diesem vierstrophigen, kreuzgereimten, konsequent gebauten Gedicht um ein Liebesgedicht. Aber wer ist das Ich, wer das Du? Nichts lädt dazu ein, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Verse der ersten Strophe wiederholen sich in der letzten; sie werden nur umgestellt. Das Gedicht ist also ein kleiner Zyklus, ein kleiner geschlossener Kreis. Es wirkt dabei aber, dank des Schlussverses, nicht hart und abschließend, sondern behutsam, weich, hell, atmosphärisch: „Du wie der morgen zart und licht.“ Die beiden mittleren Strophen sprechen davon, was das geliebte Du dem poetischen Ich bedeutet: Du und ich und nichts sonst. Alle Verse beginnen mit diesen beiden Pronomina "du" und "ich", nur die zweite Strophe ist davon ausgenommen. Das Ich konstituiert sich ganz aus dem Bezug auf das Du, das für den poetischen Sprecher geradezu lebensnotwendig ist (atmen, trinken, küssen; dritte Strophe). Wir kennen das aus der religiösen Lyrik. In der Tat mutet das Gedicht gebetshaft, liturgisch an, ernst und feierlich.

Immer wieder haben wir früher schon in unseren kurzen Interpretationen betont, wie oft es George gelingt, durch kleine sprachlich-rhythmische Veränderungen, die poetische Sprache vor Starrheit und Mechanik zu bewahren. So ist es auch hier in der zweiten Strophe: Jetzt leiten die Prädikate "begleiten", "umschauern"‚ "erleuchten" (all dies kann man auch vom Heiligen sagen) die Verse ein. "Du" bist für mich alles; du bist, wie Nikolaus von Kues von der unendlichen Ganzheit, Einheit und Größe Gottes gesagt hat, die coincidentia oppositorum. In dir fallen alle Gegensätze in eins zusammen: „Du kühler wind du heißer hauch“. Freilich will das Gedicht keineswegs konsequent religiös gedeutet werden. Von einem Gegenüber, dem sich die religiöse Verehrung zuwendet, würde man wohl kaum sagen: „Du schlank und…“. Es ist, wie gesagt, ein Liebesgedicht. Dass aber das geliebte Du geradezu geheiligt werden kann, das kennen wir aus der Liebesdichtung seit der Antike. In der deutschen Literatur ist Goethes "Werther" dafür ein prominenter Beleg.

Wie sehr dieser Bezug auf das Du das Ich berührt und lebendig macht, spürt man besonders schön im ersten Vers der zweiten Strophe, wo der ansonsten ganz konsequente Wechsel von betonten und unbetonten Silben ein einziges Mal durchbrochen und der Rhythmus selbst lebendig wird: „Begleitest mich auf sonnigen matten“. Es ist nicht zufällig gerade dieses Attribut, das mit dem abschließenden „licht“ korrespondiert. Mit dir, der du so ausgezeichnet bist und unterschieden von allen andern („Du blühend reis von edlem stamme“), so unerschöpflich und unergründbar („Du wie ein quell geheim und schlicht“) und den ich so liebe und verehre, wird alles neu (vgl. Offenb 21,5).

Wolfgang Braungart

November 2016

Fenster wo ich einst mit dir
Abends in die landschaft sah
Sind nun hell mit fremdem licht.

Pfad noch läuft vom tor wo du
Standest ohne umzuschaun
Dann ins tal hinunterbogst.

Bei der kehr warf nochmals auf
Mond dein bleiches angesicht ..
Doch es war zu spät zum ruf.

Dunkel – schweigen – starre luft
Sinkt wie damals um das haus.
Alle freude nahmst du mit.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S.151.


Ein helles „Fenster“ im „Dunkel“, Verheißung von „licht“, Wärme und menschlicher Gemeinschaft, von Angesprochensein für denjenigen, der „fremd“ vorübergeht, Wirklichkeit aber für denjenigen, der dort beheimatet ist, der aus der Geborgenheit des Innenraumes in die Weite einer abendlichen Landschaft schaut. Von beiden Erfahrungen spricht dieses Gedicht aus dem ‚Siebenten Ring‘ im Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit.

Gemeinschaft von „ich“ und „du“ waren „einst“, Verbundenheit, Licht und Sprache, hinter jenem „Fenster“, nicht einmalig, nein, „abends“, immer einmal wieder. Bis zur Mitte des dritten Verses, einem stark betonten „hell“, könnte sich das „einst“ im „nun“ wiederholen, könnte Heimkehr stattfinden, könnten „ich“ und „du“ sich wiederfinden. Doch ein einziges Wort, das Attribut „fremd“, verändert die Erwartung: aus Verheißung wird Abweisung. Schuberts Winterreisenden und vielen Rückkehrenden aller Zeiten erging es so, Gedichte und Lieder sprechen und singen davon.

Nicht alles ist verändert, „pfad“ und „tor“ sind noch vorhanden, rufen „nun“ die Abschiedsszene dem Erinnernden vor Augen: dort stand sie, drehte sich nicht „nochmals“ um, ging hinab, und da der „pfad“ sich „bog“, gab es eine „kehr“, letzte Möglichkeit einer Richtungsänderung vor dem endgültigen Verschwinden. „nochmals“, in diesem kurzen Augenblick, wäre Umkehr, wäre Kontakt möglich gewesen, ein anderes Licht , der „Mond“, machte ein „angesicht“ kenntlich. „Doch es war zu spät“, zu spät auch für eine Stimme, Kontakt herzustellen („ruf“). Endgültigkeit evoziert der Vers, mit dem das Schlussterzett einsetzt, bewegungs- da verblos: „Dunkel – schweigen – starre luft“. Das ist nicht das schweigende „Dunkel“ einer alles umhüllenden, bergenden Nacht. Schwer, von materieller Dichte und Undurchdringlichkeit sinkt es herab im Heute des Rückgekehrten „wie damals“, am Abend der Trennung.

Das wäre ein mögliches Gedichtende, die Reihe der au-Laute in Reimstellung „schaun“, „auf“ mit „haus“ abschließend. Aber George vervollständigt das vierte Terzett und zwar mit einem so einfachen, gar einfältig wirkenden Vers, der in seiner Lakonie den ganzen Schmerz und die Endgültigkeit der Trennung ausdrückt: „Alle freude nahmst du mit“.

Ist das große Poesie? Ein alltäglicher, ein banaler Satz? Diese einsilbigen Wörter wie „hell, licht, pfad, tor, kehr“, letzteres noch um das übliche Endungs-e verkürzt und maskulin gebraucht? Substantive ohne Artikel wie „Mond“, die schwer den Versanfang belasten? Und nicht zuletzt ein grammatikalisch falscher, wenn auch häufig umgangssprachlich verwendeter syntaktischer Anschluss: „Fenster wo“? Eben diese radikale Einfachheit und Knappheit, die schwere der Einsilber, sie erzeugen Unausweichlichkeit und – Poesie.

Das Erlebnis, die Erfahrung, von der das Gedicht spricht, teilen wir wohl alle, in diesem Gedicht können wir sie kathartisch, das heißt läuternd, wiedererleben und uns zugleich am gelungenen Kunstwerk freuen.

Ute Oelmann

Dezember 2016

Der Weisheitslehrer

Seit dreissig jahren hast du gepredigt vor scharen
Wer steht nun hinter dir? >kein einzelner – die welt.<
O lehrer dann hieltest du besser die türen geschlossen
Du hast für nichts gewirkt als für ein blosses wort.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982 ff., Bd. IX, 2001, S. 87.


Harsche Worte, das muss man sagen. Harsche Worte – von dem, der „das wort“ so sehr achtet und ihm eine geradezu weltschaffende Kraft zuspricht (s. unsere Interpretation des Gedichtes gleichen Titels, Juni 2015). „Weisheitslehrer“: das ist eine Übersetzung des aus dem Griechischen kommenden Begriffes ‚Philosoph‘ (‚sophia‘ – Weisheit). Aber der Philosoph muss, wie der Begriff sagt, die Weisheit auch lieben, nicht nur lehren wollen. Wörter, die mit ‚Philo-‘ gebildet werden, bezeichnen einen Freund, einen Liebhaber von etwas. Wer die Weisheit nur lehrt, aber nicht liebt, verfehlt sie gerade dadurch und insofern auch sein Amt, seine Aufgabe.

Was aber würde es bedeuten, die Weisheit lehrend zu lieben? Sie muss sich auf den ‚Einzelnen‘ richten, auf das Individuum. Sie muss An-Sprache und Hin-Sprache sein. Sie darf nicht nur vage „die welt“ meinen, also auf Erfolg, Ruhm, Ansehen „vor scharen“ schielen, die dann „hinter“ einem stehen. Was „du“, „o lehrer“, sagst, kann seine verändernde Kraft nur am Einzelnen zeigen. Das ist der Prüfstein für die Wahrheit des Wortes. Das gilt auch und besonders für das poetische Wort.

Das kurze, spruchhafte Gedicht, 1914 geschrieben und in Stefan Georges letztem Gedichtband ‚Das neue Reich‘ veröffentlicht, steht in einer ganzen Reihe spruchhaf-ter und weisheitlicher Gedichte (etwa: ‚Erzieher‘ und ‚Belehrung‘, Sämtliche Werke IX, ebenfalls S. 87), die nun die Jüngeren im Kreis direkt ansprechen (so zum Bei-spiel Berthold von Stauffenberg). Schon in der Antike nimmt sich Lyrik die Freiheit, auch weisheitlich und belehrend zu reden. Goethe ist wohl der größte poetische ‚Weisheitslehrer‘ deutscher Sprache. Georges Gedicht setzt nicht auf poetische Rätselhaftigkeit, auf herausfordernde Metaphern und geheimnisvolle Symbole. Es will deutlich etwas zu sagen haben; es ist aufgebaut aus Rede und Gegenrede; es ist rhetorisch. Aber es deutet doch auch das eigene Recht der poetischen Sprache an; dies vor allem mit dem dritten Vers, der konsequent rhythmisiert ist (ein Auftakt, dann fünf Daktylen – also jeweils eine betonte mit zwei weniger betonten Silben – , der letzte Daktylus um eine Silbe verkürzt). Der Weisheitslehrer muss auch die Sprache selbst lieben, nicht nur die rhetorische Wirkung.

Längst ist George, als er dieses Gedicht schreibt, über Ästhetizismus und Symbolismus hinaus; sein Kreis hat sich gebildet; viel wird über ihn in der Öffentlichkeit gemunkelt. George nimmt nun selbst immer stärker eine erzieherische Haltung ein: vor allem in persönlichen Gesprächen, weniger stark in seinen Briefen. Aber eben auch, wie man sieht, in seinen Gedichten. Fast mag es einem heute vorkommen, als ermahne er sich mit diesen spruchhaften Versen sogar selbst: Zuallererst hast du das Individuum anzusprechen. Und du darfst dabei das Poetische nicht vergessen. So schützt sich die Kunst vor unbestimmter und leerer Allgemeinheit und, aus dem Rückblick auf ein Jahrhundert dürfen wir das wohl sagen, vor rhetorischer Demagogie.

Wolfgang Braungart