Wie erging es eigentlich unseren Großeltern und Urgroßeltern vor 100 Jahren in Bingen? (No 274)
1926 war zwar kein Krisenjahr, aber das Leben war auch nicht unbeschwert und ein gutes Stück entfernt von den oft zitierten „Goldenen 20er Jahren“ (1924-1929). Im Gegensatz zu Berlin oder anderen Großstädten im Reichsinnern, war die Situation in Bingen deutlich anders.
Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 war unsere Stadt Teil der französischen Besatzungszone, die im Januar 1923 in die alliierte Rheinlandbesetzung durch Frankreich, England und Belgien überging, weil das Deutsche Reich die im Versailler Vertrag festgelegten Reparationszahlungen nicht vollständig leisten konnte. Bingen gehörte weiterhin zum französisch besetzten Teil. Zwar gab es 1926 wieder eine gewisse Normalität und auch deutsche Behörden. Diese standen jedoch unter Aufsicht der Besatzungsmacht. Tanzveranstaltungen und Volksfeste durften wieder stattfinden und die Kinos waren geöffnet. Versammlungen unterlagen aber noch der Genehmigung. Politische Aktivitäten sowie die Presse wurden überwacht.
An der Grenze der Besatzungszone wurde scharf kontrolliert, auch wenn diese Kontrollen ab Mitte der 1920er Jahre nicht mehr ganz so drastisch waren. Züge, Autos, Fuhrwerke, Radfahrer, Fußgänger und Schiffe auf dem Rhein mussten stoppen. Die Grenzgänger wurden auf Identität, Zweck und Dauer ihres Aufenthalts kontrolliert. Da der Schmuggel ein großes Thema war, wurde auch das mitgeführte Gepäck genau geprüft.
Sonderabgaben und Handelshemmnisse belasteten die wirtschaftliche Entwicklung der Zone zusätzlich. Bingens Zeit als internationaler Touristenort und „Sehnsuchtsstadt“ der Rheinromantik hatte bereits mit dem Weltkriegsbeginn in 1914 ein abruptes Ende gefunden und konnte sich während der Besatzungszeit nicht erholen.
Die Top-Hotels waren requiriert und zu Kasernen umfunktioniert. Im „Victoria“ (Caserne Champagne) und „Weißes Ross“ (Caserne Le Cheval Blanc) und in den Hotels „Germania“, „Adler“, „Hessischer Hof“, dem „Badhaus“ sowie in der neu errichteten „Marne-Kaserne“ waren circa 700 französische Soldaten einquartiert. Überwiegend war es Soldaten aus Algerien, Marokko und Senegal sowie eine größere Abteilung Militärpolizei. Die Offiziere bevorzugten es hingegen, in den schönen Privathäusern gut situierter Binger Bürger Quartier zu nehmen. Die Ortskommandantur war im bisherigen Café Hilsdorf am Speisemarkt 10 untergebracht. Auf den öffentlichen Gebäuden wehte die französische Trikolore.
Zwar nutzten die Offiziere das gastronomische Angebot der Stadt und generierten willkommenen Umsatz. Zudem gab es einige Touristen aus Frankreich, doch konnten diese den früher blühenden internationalen Tourismus auch nicht ansatzweise ersetzen.
Im Jahr 1926 keimte auch die Hoffnung auf eine weitere Normalisierung. Diese begann mit dem Vertrag von Locarno im Oktober 1925, der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund am 8. September 1926 und mündete in die Neuverhandlung der Reparationsfrage. Am 7. Juni 1929 wurde der sogenannten „Young-Plan“ unterzeichnet und am 31. August 1929 entschieden, dass die Besatzungstruppen unser Gebiet bis Mitte 1930 räumen müssen.
#ArchivDingsTag, 13. Januar 2026