Vor 80 Jahren: Der Kampf ums Überleben (No 273)

Als der Krieg endlich beendet war und das linke Rheinufer zunächst von amerikanischen, später von französischen Truppen besetzt wurde, verschlechterte sich die Versorgungslage deutlich und nahm insbesondere in den Wintermonaten sehr ernste Ausmaße an.

Der Mangel an Lebensmitteln und Brennstoffen setzte der Bevölkerung in Bingen und Bingerbrück besonders zu. Ein Zeitzeuge berichtete, dass es, zumindest in Bingerbrück, weder Gas noch Strom noch fließendes Wasser gab. Zu kaufen war nichts. Zudem waren sämtliche Produktionsgüter durch die französische Besatzungsmacht beschlagnahmt worden. Als schließlich auch die vorhandenen Kohlevorräte zur Neige gingen, wurde die Situation dramatisch. Schließlich kochte und heizte man mit Kohle und Koks. In den folgenden Monaten steigerte sich die Notlage weiter und erreichte im sogenannten „Hungerwinter“ 1946/47 mit eisigen Temperaturen sowie Eisbildung auf Rhein und Nahe ihren Höhepunkt.

Als auf der Rheinstrecke wieder mit Kohle beladene Güterzüge verkehrten, die überwiegend für die Versorgung der französischen Bevölkerung und deren Firmen bestimmt waren, versuchten viele Menschen, ihre Not durch sogenannten „Kohlenklau“ zu lindern. Diese Aufgabe übernahmen vor allem jüngere Familienmitglieder, da das Vorgehen äußerst gefährlich war. Neben zahlreichen Unfällen gingen auch die schwer bewaffneten Soldaten mit Ertappten sehr hart um, zudem drohten empfindliche Strafen. An Streckenabschnitten, an denen die Züge langsamer fuhren, sprang man auf die Waggons, füllte ein mitgebrachtes Säckchen mit Kohle, warf es ab und sammelte es nach dem Absprung wieder ein.

Im Bahnhof Bingerbrück waren nachts immer wieder Waggons auf Verschiebegleisen abgestellt. Diese und die Tender von Lokomotiven die gerade mit Wasser versorgt wurden, waren das Ziel. Es galt, im Schutz der Dunkelheit unbemerkt auf Waggons oder Tender zu gelangen. Wurde das Herannahen einer Wache entdeckt, ergriffen alle sofort die Flucht – mit oder ohne Beute.

Verfolgt von der Bahnpolizei oder von Soldaten, die auch scharf schossen, versteckte man sich in den Kribben oder floh hinauf in den Wald, um anschließend durch die Kreuzbachklamm zurückzukehren. Auf der Flucht wurden zahlreiche Personen gefasst und später verurteilt. Besonders hart trafen die Strafen Eisenbahner: Als abschreckende Beispiele wurden einige bereits für einen einmaligen Diebstahl zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Schwieriger gestaltete sich die Situation auf der Binger Seite, da dort nur gelegentlich über Nacht Kohlewaggons am Hafen abgestellt waren. Zudem bestand keine direkte Fußgängerverbindung über die Nahe zur Bingerbrücker Seite, abgesehen von der abseits gelegenen Drususbrücke. Als im Winter 1946/47 die Nahe zeitweise zugefroren war, versuchte man auch diesen Weg zu nutzen. Überlieferungen zufolge brachen dabei Jugendliche im Eis ein. Da der Wasserstand jedoch nicht sehr hoch war, konnten sie sich retten.

Der Kohlenklau war zwar ungesetzlich, wurde von der Bevölkerung jedoch vielfach als eine Form des Mundraubs angesehen. Nach einer später berühmt gewordenen Predigt des Kölner Kardinals Frings, in der er Verständnis für den Notdiebstahl äußerte und hierfür eine Art Generalabsolution erteilte, formte sich für diese Art des Diebstahls der Begriff „fringsen“.

In zeitgenössischen Notizen heißt es: „Der Kohlenraub war aber nicht nur wichtig zum Heizen, sondern es entwickelte sich damit auch ein regelrechter Handel“. So brachte man Kohle zum Bäcker und erhielt dafür Brot oder tauschte sie bei Bauern gegen Eier oder Kartoffeln, die diese vor der Requirierung durch die Besatzung „in Sicherheit“ bringen konnten. In der regionalen Mundart nannte man dieses Tauschen „koddeln“. Auf diese Weise wurde auch das eine oder andere Schmuckstück „gekoddelt“ und wechselte gegen Lebensmittel oder Kleidung den Besitzer.

Auch schlug man sich und dazu gehörten auch die Bauern, durch den Binger Wald zu abgelegen liegenden Mühlen und tauschte dort Kohlen oder Lebensmittel gegen Mehl oder grob geschrotete Haferflocken. Ebenso durch den Binger Wald zu abgelegen liegenden Mühlen. Ein Weg, den auch Bauern nutzten. Dort tauschte man Kohle oder Lebensmittel wie Eier und Kartoffeln gegen Mehl oder grob geschrotete Haferflocken.

Erst mit der Währungsreform im Juni 1948 fand der ständige Mangel ein Ende. Nun war es wieder möglich, den täglichen Bedarf regelmäßig zu decken und mit dem Kauf von Baumaterial an die Beseitigung der Bombenschäden zu gehen.

#ArchivDingsTag, 6. Januar 2026