Vor 70 Jahren: Speisemarkt verändert seine Optik
1955 veränderte der Speisemarkt sein Gesicht. Der Krieg war zwar schon zehn Jahre zu Ende, doch im Stadtbild waren die Bombenschäden vielerorts weiterhin sichtbar und auch in den Köpfen der Menschen wie im politischen Alltag noch allgegenwärtig. Zugleich wuchs eine vorsichtige Aufbruchsstimmung, verbunden mit dem Wunsch, Altes abzustreifen, neuen Entwicklungen Raum zu geben und dies auch im Erscheinungsbild der Städte sichtbar werden zu lassen. Moderne Bauten, mehr Wohnkomfort und großzügigere Verkaufsflächen waren daher nicht nur Leitlinien der Stadtplaner, sondern entsprachen auch durchaus den Wünschen eines großen Teils der Bevölkerung. In diesen Konsens fällt auch der Neubau Speisemarkt 9.
„800 Quadratmeter Verkaufsfläche für Mode, Stoffe und Accessoires. Das harte wirtschaftliche Muß der Nachkriegszeit verlangte auch in Bingen unternehmerischen Optimismus und Wagemut […] veränderte ein Textilhaus im Großstadtformat das Gesicht des Speisemarktes in der Binger Innenstadt“, ist in einem Rückblick auf das damalige Geschehen vor 70 Jahren in der AZ vom 9.8.1994 zu lesen.
„Die Neugestaltung des alteingesessenen Kaufhauses Sinn sorgte in den 50er für Aufsehen. Und auch heute noch wird dieses Gebäude von manchen als eine der baulichen Fremdkörper in der Innenstadt empfunden. Das riesige Baugerüst und der große Bauzaun machten damals sogar dem Winzerfest seinen Platz streitig. Es wurde in den Innenhof der alten Bauschule verlegt. […] Bauherr Fred Immele besänftigte die Weinfreunde durch den Kauf einer neuen Weinburg.“
„Selbst die Stadtbusse wurde in der Bauphase umgeleitet und fuhren danach nie mehr wieder über den Speisemarkt.“
Nach dem Hinweis auf die Vorgaben zur Einhaltung von Baulinien und den funktionalen Vorgaben für den neuen Bau heißt es „Der auf einfachen geometrischen Grundformen aufgebaute wohlproportioniert Entwurf zeigte alle Merkmale der 50er-Jahre-Architektur: gradlinige Konturen, glatte Flächen, große Fenster.“
Im Text weiter zu lesen: „Die vertikal gegliederten Skelettkonstruktionen aus Stahlbeton wurden durch ‚Stelzen‘ vom Boden abgehoben. Die Stützen des Baukörpers waren zurückgesetzt, die Fensterfront in gitterartiger Struktur als Formelement vorgehängt. Dadurch erzielte [Architekt] Mosler eine beeindruckende optische Leichtigkeit. Avantgardistische Züge trug die begehbare doppelseitige Schaufensterpassage. Treppen und Aufzüge verbanden die verschiedenen Verkaufsebenen in dem dreigeschossigen Geschäftshaus. Die Verkaufsflächen waren diagonal gegliedert und sollten die räumliche Tiefe betonen.“
„Anfang der sechziger Jahre wurde die Fassade von Sinn mit dem Mosaik ‚grüne Eidechse‘ verkleidet. […..] Erst mit dem vom absoluten Funktionalismus geprägten Umbau des unteren Gebäudes durch die Kreissparkasse in den Siebzigern, wurde der gesamte Baustil unterbrochen.“
Der Hinweis bezieht sich auf die Einrichtung einer Filiale der damaligen Kreissparkasse Bingen im Erdgeschoss des Hauses, nachdem das Unternehmen Sinn in den Strudel der damaligen Wirtschaftskrise (Anm.: sog. Ölkrise) geraten war und unter anderem seine Niederlassung in Bingen aufgegeben musste.
Das Foto zeigt im oberen Teil das alte Sinn-Gebäude. Im unteren Teil hat Architekt Mosler seinen Entwurf für den Neubau eingezeichnet.
#ArchivDingsTag, 2. Dezember 2025