Steinwall zum Mäuseturm (No 301)
In den letzten Wochen hat man angesichts des Niedrigwassers immer wieder Fotos sehen können, auf denen Menschen über einen Steinwall zur Mäuseturm-Insel gehen. Trotz Verbots lockte dieses Abenteuer ganz offensichtlich stärker als die große Gefahr, die damit verbunden war.
Dieser Wall aus Schottersteinen ist nicht zufällig entstanden oder vielleicht gar eine historische Überquerungshilfe. Er existiert seit 1968. Darunter verlaufen Versorgungsleitungen zur Insel für die Wahrschau zum Schiffsverkehr. Unser Foto zeigt die damaligen Arbeiten.
Nachdem 1825 zum ersten Mal ein Dampfschiff bei einer Bergfahrt nach Mainz das Binger Loch überwinden konnte, nahm in der Folge der Schiffsverkehr auf dem Rhein so stark zu, dass es unerlässlich wurde, diesen auf der schwierigen Strecke zwischen Bingen und St. Goar durch Wahrschauen sicherer zu machen. An besonders unübersichtlichen oder strömungsmäßig gefährlichen Flussstellen regelten sie den Schiffsverkehr. Seit Anfang der 1940er Jahre existiert bereits eine gemeinsame, einheitliche Polizei-Verordnung der damaligen Rheinuferstaaten für den Schiffsverkehr auf dem Rhein.
Eine Wahrschau ist der schifffahrtsübliche Begriff, durch Flaggen, Tafeln oder Zeichen nicht nur vor Gefahren zu warnen, sondern auch „freie Fahrt“ oder „Stopp“ anzuzeigen.
Zu Beginn der Regelungen, als die Zahl der Dampfschiffe noch deutlich geringer war, gab es den wandernden Wahrschauer. Dieser ging als Bote den Schiffen auf dem Leinpfad voraus. Er hatte die Aufgabe, durch eine Zeichengebung mit einer weit sichtbaren Signalflagge die Begegnung von Schiffen an den gefährlichen Engstellen, aber auch an den Flussbiegungen zu verhindern. Die Vorschriften regelten, wo in diesem Fall die betroffenen anderen Schiffe warten oder vor Anker gehen mussten. War auf dem betroffenen Abschnitt aber bereits ein Schiff unterwegs, hatte der wandernde Wahrschauer die Aufgabe, „sein“ Schiff sofort an der Weiterfahrt zu stoppen.
Seit 1850 existierten Wahrschau-Stationen am Mittelrhein. In Bingen war sie im Mäuseturm stationiert und hatte ab 1910 mit dem Vorposten Krausaue auch einen Nebelposten unterhalb des Binger Lochs.
Statt Flaggen wurden später Bälle, Scheiben und Körbe aufgezogen. 1961 wurden am Mäuseturm zusätzlich zu den Flaggensignalen testweise die ersten Lichtsignale in Betrieb genommen. 1970 erfolgte dann die Umstellung aller Wahrschaustationen auf Lichtsignale. 1972 wurden sie durch rote oder grüne Einzelsignale ergänzt.
Durch die Forcierung des Ausbaus des Rheins zwischen Bingen und St. Goar mit einer 120 m breiten und 1,90 m tiefen Fahrrinne – sowie begünstigt durch den zunehmenden Einsatz von Schiffsradar – wurden die Wahrschaustationen in der Folge schon nach wenigen Jahren überflüssig. Am 5. September 1974 erloschen die Signallichter auf dem Binger Mäuseturm.
#ArchivDingsTag, 25. August 2026