Samen Gerock (No 304)

Samen Gerock, vermutlich 1960er Jahre.Vor 50 Jahren endete in Bingen eine Institution des Binger Einzelhandels der Nachkriegszeit. Damals hatte die Selbstversorgung noch einen hohen Stellenwert. Wer ein Stück Garten zur Verfügung hatte, nutzte es in der Regel vor allem für den Anbau von Gemüse. Bei etwas mehr Platz fanden auch Beerensträucher, ein Obstbaum oder Kartoffeln ihren Platz.

Gartenmärkte gab es noch nicht. Wer Gemüse anbaute, zog es meist selbst aus Samen. Das war nicht nur günstiger, sondern bot auch die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, was und wann ausgesät wurde. Die Auswahl an Sorten bei den einzelnen Gemüsen war allerdings längst nicht so groß wie heute und vieles hatte sein bestimmtes Zeitfenster. Mehrmals während der Saison wurde ausgesät: Die frühen Sorten waren für den baldigen Verzehr gedacht, die mittleren versorgten die Familie den Sommer über mit frischem Gemüse. Die späten Sorten wurden eingelagert und lieferten bei richtiger Lagerung bis weit in den Winter hinein Nachschub.

Das Geschäft in der Basilika, 1976, kurz vor der Schließung.Gekauft wurden in der Regel allenfalls Jungpflanzen und Sommerflor wie beispielsweise Geranien. Diese waren auch gefragt, um zu den Prozessionen im Jahresverlauf die Häuser zu schmücken. Jungpflanzen konnte man zu bestimmten Zeiten in den kleinen örtlichen Gärtnereien oder bei Gerock in der Kirchstraße, der heutigen Basilikastraße, erwerben. 

Anfangs gab es bei „Samen Gerock“ noch keine Selbstbedienung. Nach und nach fanden jedoch immer mehr Artikel in Ständern und Regalen ihren Platz, die nun von den Kunden selbst gesichtet und ausgewählt werden konnten – was diese auch mit Begeisterung taten. Der Laden war gerade im Sommer immer gut besucht. Oft war sogar die Eingangstür weit geöffnet und Ständer nach draußen geschoben, damit alle Besucher Platz fanden. Im Angebot waren Samentütchen für Gemüse und Blumen in Hülle und Fülle, aber auch Dahlienknollen, Blumenzwiebeln und Setzkartoffeln. Und natürlich alles, was für gutes Gedeihen im Garten gebraucht wurde, darunter verschiedene Dünger und Pflanzenschutzmittel. Die Jungpflanzen zog Karl Gerock in seinem „Zuchtgarten“ selbst heran. Besonders geschätzt wurde von den Kunden auch die gute Beratung im Geschäft.

Wenn sich Bekannte trafen, tauschte man sich gerne darüber aus, wer bereits welche Sorten ausgesät hatte oder welche Jungpflanzen es gerade bei Gerock zu kaufen gab.

Anzeigen von Samen Gerock, die 1974 und 1976 in der Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden.Mit der Zeit wurde auch das Zooangebot immer größer. Neben Vögeln, Kleintieren und Zierfischen wurde das Sortiment für den Tierbedarf stetig erweitert.

1955 berichtete Karl Gerock (* 28.03.1909), dass ihm die Arbeit im Laden und im Geschäft eigentlich schon ausreichend Bewegung verschaffe. Dennoch suche er einen Ausgleich „in der Turnerei und im Kegelsport“. Woche für Woche freue er sich auf den Kegelabend. „Die wirkliche kegelsportliche Betätigung ist mir fast zur Leidenschaft geworden“, erzählte der damals 46-jährige Inhaber.

Dass seine Frau schwer erkrankte († September 1976), hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass sich Karl Gerock zur Geschäftsaufgabe entschloss. Zum 1. Februar 1976 übergab er an die Firma ZOGA, Mannheim.

Diese firmierte unter dem Namen „Samen Gerock Nachf.“ und zog im April 1976 in einen Laden in der Salzstraße um. Dort konzentrierte man sich zunehmend stärker auf das Zoosortiment, bevor es schließlich (ca. Ende der 1990er Jahre) zur Geschäftsaufgabe kam.