Oberbürgermeister Horst Gebauer (No 300)
Unseren 300. ArchivDingsTag-Beitrag widmen wir Dr. Horst Gebauer, der vor 50 Jahren, am 16. Juli 1976, in den Ruhestand verabschiedet wurde, nachdem er von 1952 bis 1976 die Geschicke der Stadt als Oberbürgermeister geleitet hatte. Er war einer von 96 Bewerbern, die sich 1952 für die Stelle des Oberbürgermeisters von Bingen bewarben. Der Rat wollte einen Kandidaten ohne Parteibuch und lud vier Kandidaten zur Vorstellung ein. Damals gab es noch keine Urwahl der Bürger. Der Oberbürgermeister wurde vom Stadtrat gewählt. Der damals 38-jährige Rechtsanwalt wurde 1913 in Breslau geboren und arbeitete in einer renommierten Heidelberger Anwaltskanzlei.
Ein Artikel der AZ vom 25. Juni 1976 beschreibt, dass niemand ahnte, „[…] in welchem Maß dieser damals 38jährige wirklich zum Binger werden und Bingen als neue Heimat akzeptieren würde. Dass Dr. Gebauer als Schlesier bis dahin keinen Weinkeller von innen gesehen hatte und hier zum ersten Mal mit der Fastnacht in Berührung kam, klingt aus heutiger Sicht völlig unglaubhaft, und doch war es so.“
Der Wunsch, etwas zu gestalten und am Wiederaufbau mitzuwirken, bewog ihn, sich für das Amt zu bewerben. Und hierzu hatte er in Bingen reichlich Gelegenheit. Bei seiner Amtsübernahme gab es noch keine leistungsfähige Verwaltung. Es gab nur wenige Beamte mit einer Verwaltungsprüfung. Keiner der städtischen Angestellten hatte eine Fachprüfung abgelegt. Die einzelnen Bereiche der Verwaltung waren über die ganze Stadt verstreut. Erst im Dezember 1952 konnten Hauptverwaltung, Kämmerei, Stadtbauamt und Rechnungsprüfungsamt wieder in die Burg Klopp einziehen. Sozialamt, Stadtkasse und weitere Bereiche blieben weiterhin ausgelagert.
Bereits im ersten Amtsmonat löste er in Verhandlungen mit dem Bundesverkehrsministerium und dem damaligen „Amt Blank“ das Dilemma der „Binger Klopplinie“. Damit endete der Plan einer innerstädtischen Umgehungsstraße, die am Kloppberg entlanggeführt werden sollte und eine Änderung der Bebauung zur Folge gehabt hätte. Der Baustopp für einen Teil der Schmittstraße und Gaustraße wurde aufgehoben, und die Besitzer der dortigen kriegszerstörten Häuser konnten mit dem Wiederaufbau beginnen. Stattdessen forcierte er neuere Planungen für eine Umgehungsstraße südlich des Rochusberges, den Bau einer linksrheinischen Autobahn (heutige A 61) sowie der schnellen Verbindung nach Frankfurt (heutige A 60).
Nach seiner 12jährigen Amtszeit wurde der parteilose Dr. Gebauer mit Mehrheit des Stadtrats wiedergewählt. Ihm zur Seite standen Bürgermeister Erich Naujack und der Beigeordnete Ludwig Lüning. Mit seiner Amtszeit verbunden sind unter anderem die Wiederherstellung vieler zerstörter Häuser, der Bau neuer Schulen und Kindergärten, der Neubau der Fachhochschule (heute TH) in Büdesheim, der Neubau der Stadtwerke in Dietersheim, der Neubau des Hospitals, die Kanalisierung der Straßen, der Bau des Sportzentrums Büdesheim, der Bau des Freibads und des Hallenbads in Büdesheim, der Beginn des Ausbaus der Fußgängerzone, eine bessere Ausstattung der Feuerwehren, die Einrichtung einer DRK-Rettungswache in Büdesheim und die Bemühungen, das damals zum militärischen Sperrgebiet der Marne-Kaserne gehörende Rhein-Nahe-Eck wieder öffentlich zugänglich zu machen.
Einen starken Fokus legte er auf die Ansiedlung von Firmen, um Bingen finanziell stärker aufzustellen.
Dr. Gebauer fühlte sich der Pflege europäischer Partnerschaften sehr verpflichtet. Auch die militärische Aussöhnung mit den Nachbarstaaten lag ihm unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs am Herzen. In seine Amtszeit fiel eine heute ungewöhnlich anmutende Tradition: Das Winzerfest begann mit dem „Großen Zapfenstreich“ auf der Terrasse des Burgaufgangs („Bel Etage“).
Bei seiner Verabschiedung im Ratssaal von Burg Klopp wurde er nicht nur zum Binger Ehrenbürger ernannt, sondern auch mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik sowie der Martinusmedaille des Bistums Mainz ausgezeichnet. Zu seiner großen Überraschung war zum Abschluss der Musikzug Bingen-Gaulsheim im Burghof angetreten und machte ihm die Freude, mit einem ganz persönlichen Großen Zapfenstreich in den Ruhestand gehen zu können.
Inzwischen trägt eine Straße im Neubaugebiet unterhalb des Rochusbergs seinen Namen.
#ArchivDingsTag, 18. August 2026