#NieWieder (no. 276)

Das Foto zeigt die neue Binger Synagoge in der Rochusstraße vor ihrer Zerstörung. Es wurde 1926 aufgenommen.„Synagogogenbrand fordert Sühne“ - unter dieser Überschrift berichtete ein AZ-Artikel im April 1946 über die Ereignisse des 9. und 10. November 1938.  Zum heutigen Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust zitieren wir daraus und erinnern an die Novemberpogrome, in der Synagogen brannten, jüdische Mitbürger Gewalt erlitten und es zu systematischen Zerstörungen kam.

Im Artikel wird das Binger Geschehen aus Zeitzeugensicht beschrieben. Damals – ein knappes Jahr nach dem offiziellen Ende der NS-Zeit im Mai 1945 - war die Erinnerung an das Geschehen jener Jahre noch frisch und präsent.

Die Chronologie der Binger Novemberpogroms, rekonstruiert von Birgit BernardIn Bingen begann der Novemberpogrom am Morgen des 10. November 1938 bis Mitternacht. Eine Sonderrolle an diesem Tag spielte ein Trupp Mob von 10-15 Mann der Ingelheimer SA.

In dem mit „-GA-“ signierten Artikel schreibt die AZ: „Am 10. November 1938 tobte eine wilde Horde durch die Straßen Bingens zur Synagoge, allen voran die Binger SA, SS, ein Teil der damaligen Studenten des Technikums, fremde SA-Führer und unter ihnen der SA-Sturmführer Matthes aus Ingelheim mit seinem Gefolge. Jüdische Wohnungen und Geschäfte wurden demoliert, aber das Hauptziel waren die beiden Synagogen in der Rochus- und Amtsstraße.“

„Bereits in der vorhergehenden Nacht [Anm.: die Nacht vom 9. auf den 10. November] versuchte man, die Synagoge in der Rochusstraße in Brand zu stecken. Die Bänke wurden mit Benzin übergossen und angesteckt, so daß ein Teil der Sakristei ausbrannte. Das Feuer wurde jedoch vom Hausmeister rechtzeitig bemerkt und so konnte es gelöscht werden, ehe es zu richtiger Entfaltung kam. Am Tage jedoch drangen Hunderte vom Menschen in die Synagoge, zerstörten die Inneneinrichtung, zerschlugen die Gebetstische, übergossen alles mit Teer und legten Feuer in das jüdische Gotteshaus. Selbst die wundervolle Orgel, ein Geschenk der Stadt Bingen an die jüdische Religionsgemeinschaft, blieb nicht verschont. Am Hauptportal wurden die Löwenköpfe zerschlagen, der blinde Hass der braunen Horden kannte keine Grenzen. Gegen 5 Uhr nachmittags brannte die Synagoge.“

Im Artikel wird weiterhin berichtet, dass man bei der Meldung nach Mainz dort zu hören bekam „Was bei Euch stehen die Synagogen noch? In Mainz sind keine mehr vorhanden“.

Auch die Synagoge der orthodoxen Israelitischen Kultusgesellschaft in der Amtsstraße wurde verheert. Deren Brandlegung konnte wegen der dortigen engen Bebauung und massiven Gefahr eines Übergriffs des Feuers auf die angrenzende Bebauung, durch einen Nachbarn abgewehrt werden.

Der Bericht schließt mit dem Hinweis, dass in Kürze die Strafprozesse gegen die damaligen Täter beginnen und die Voruntersuchungen der Kriminalabteilung Bingen kurz vor dem Abschluss stehen.

#ArchivDingsTag, 27. Januar 2026