Mit dem Auto über eine Eisenbahnbrücke?

Wie konnte es sein, dass vor 100 Jahren auf der Binger Rheinbrücke auch Autos fuhren, obwohl die Hindenburgbrücke eine Eisenbahnbrücke war?

Collage mit Fotos und Billet der HindenburgbrückeZu Beginn war das keineswegs möglich, wie die Geschichte zeigt. Im Jahr 1900 schlug der preußische Minister Karl von Thielen den Bau einer Brücke bei Bingen vor, um das bisherige Trajekt (Eisenbahn-Fährschiff) zu ersetzen. Dieses transportierte vom Bingerbrücker Hafen aus Güterwaggons, aber auch Fuhrwerke und Passagiere auf die andere Rheinseite und war mit der Binger Nebenbahn und deren Gleise durch die Rheinanlagen mit dem Binger Hafen verbunden.

Mit der Eröffnung der Kaiser-Wilhelm-Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden im Jahr 1904 wurden die Güterzüge dorthin umgeleitet. Das Trajekt verkehrte fortan nur noch als Personen- bzw. Fuhrwerk-/Kraftwagenfähre.

Die stetig wachsende militärische Bedeutung des Eisenbahnknotens Bingerbrück, sowie die Anbindung der Nahe- und Glantalbahn an das nach dem Krieg von 1870/71 annektierte Elsass-Lothringen, ließen den Plan weiter reifen. Wegen der starken Strömung bei Bingerbrück wählte man einen Standort weiter westlich, auf Höhe der Rüdesheimer Aue. 1913 genehmigte der Reichstag die Finanzierung des Bauwerks, das zu 75 Prozent vom Deutschen Reich finanziert wurde. Die restlichen Mittel stellten Preußen und das Großherzogtum Hessen(-Darmstadt) bereit.

Vor 110 Jahren, am 16. August 1915 – mitten im 1. Weltkrieg (1914-1918) – war die Eröffnung. Mit der Strecke nach Münster-Sarmsheim und der Gleisverbindung zum Bahnhof Ockenheim an die Linie Mainz-Bad Kreuznach wurde zwei zusätzliche Zufahrtstrecken geschaffen.

Am 15. Juni 1918 wurde ihr von Kaiser Wilhelm II. der Name Hindenburg-Brücke verliehen.

Das Bauwerk besaß eine innere Breite von zwölf Metern. Dank der Gehwege auf beiden Seiten konnte man sie auch zu Fuß überqueren – unsere heutigen Archivfunde zeigen das eindrucksvoll.

Am 11. November 1918 endete der 1. Weltkrieg und Bingen wurde von französischen Truppen besetzt. Diese erkannten wie vorteilhaft es wäre, wenn auch Wagen die Brücke nutzen könnten. Durch das Auffüllen der Gleiszwischenräume mit Holzschwellen wurde dies möglich

Ab dem 8. Oktober 1920 war die Hindenburgbrücke tagsüber auch für zivile Fahrzeuge freigegeben – allerdings gegen eine hohe Maut von anfangs 30 Mark pro Auto und 2 Mark für einen Handkarren. Die Gebührenpflicht an sich und deren Höhe sorgten für jahrelange Proteste. Ab 1925 rollte schließlich auch der fahrplanmäßige Personenverkehr der Reichsbahn wieder über die Brücke.

Im August 1930 wurde die Nutzung durch Fahrzeuge untersagt. Als Ersatz stand die neue Autofähre Bingen–Rüdesheim zur Verfügung. Fußgänger und Radfahrer konnten die Brücke aber weiterhin nutzen – etwa für den beliebten Sonntagsausflug.

Fotos: Linkes Foto 1920er Jahre; rechts Foto: ca. 1920; unteres Foto: Datum unbekannt

#ArchivDingsTag, 28. Oktober 2025