Ende der Rheinland-Besetzung in Bingen
In der kommenden Nacht war vor 95 Jahren bis in den Morgen hinein ganz Bingen auf den Beinen, denn am 21. Mai 1930 endete in unserer Stadt die Rheinlandbesetzung und die französische Fahne über der Marne-Kaserne am Rheinufer wurde eingezogen. Lediglich ca. zwei Dutzend Personen französischer Gendarmerie bliebe noch bis Ende Juni vor Ort, um den Rücktransport von Material und Personen zu sichern.
„Die Straßen der Stadt waren geschmückt und „festlich gekleidete und gestimmte Menschen bevölkerten die Straßen. Musikkapellen musizierten … […] In Bingen versammelte sich kurz vor Mitternacht eine große Menschenmenge vor der Binger Festhalle (heutige alte Stadthalle). Die vereinigten Gesangvereine trugen Massenchöre vor, die dem festlichen Inhalt der Stunde gerecht wurden. Überstandenes Leid, echte Freude und gottverbundene Dankbarkeit rangen sich durch, als das ganze Volk in tiefem Ernst und entblößten Hauptes ein ‚Großer Gott wir loben dich‘ zum Himmel sang. […] Schon begannen vom Rheingau herüber die Glocken zu läuten, denn die zwölfte Stunde, die Stunde der Freiheit, war nahe.“ Und weiter zitiert der AZ-Artikel vom 28.6.1980 aus Berichten von 1930, dass um Mitternacht nicht nur die Binger Glocken läuteten, sondern auch die Schiffe auf dem Rhein ihre Sirenen ertönen ließen.
Die Festhalle war bewusst als Veranstaltungsort gewählt worden, denn sie lag direkt neben der Marne-Kaserne, wo bis zum 21. Mai 1930 die französische Fahne wehte. Die „La Marne“ wurde 1923 errichtet. Im freien Gelände bis zum Rhein-Nahe-Eck, wo sich heute unter anderem das NH-Hotel mit dem Kongresszentrum befindet, standen einst Militärfahrzeuge sowie mehrere Baracken.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die US-Armee sowohl die Gebäude als auch das Freigelände. Das Kasernengebäude wurde im Januar 1981 abgerissen, nachdem der Standort von den US-Truppen aufgegeben wurde, die dort eine lettische Kompanie stationiert hatten. Das Areal war so lange eingezäuntes, militärisches Sperrgebiet und das Rhein-Nahe-Ecke daher für Zivilpersonen auch nicht zugänglich. In der NS-Zeit wurde das Gebäude von der deutschen Wehrmacht genutzt.
Die Rheinlandbesetzung durch Frankreich, England und Belgien begann im Januar 1923, da das Deutsche Reich die im Versailler Vertrag festgelegten Reparationszahlungen nicht umfänglich leisten konnte. Allerdings stand Bingen bereits seit Dezember 1918 unter französischer Besetzung, als französische Truppen kurz nach dem Waffenstillstand des 1. Weltkriegs vom 11. November 1918 in Rheinhessen und der Pfalz einmarschierten.
Übrigens zahlte Deutschland die letzte Reparationsrate aus dem Versailler Vertrag von 1919 und dessen Neuordnung durch den Young-Plan 1930 ganze 111 Jahre später am 3. Oktober 2010. Symbolträchtig zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit.