Ein Monat im Bann des Hochwassers
„Massen von Schaulustigen“, „Tausende mit Kind und Kegel, mit und ohne Auto“, oder „Autoschlangen im Schneckentempo in den engen Straßen“ waren vor 55 Jahren in Bingen Alltag und die Stadt Ziel vieler neugieriger Menschen. Denn der Februar 1970 stand ganz im Zeichen von gleich zwei Hochwasserperioden und dies nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Vororten an Rhein und Nahe.
Die Lage war so dramatisch, dass die Stadtverwaltung die Bevölkerung bat, den Wasserverbrauch auf das Nötigste zu reduzieren. „Außer Trinkwasser und kleinem Gebrauch für den Haushalt sollte jeder übrige Wasserverbrauch (Waschen, pp.) vermieden werden“, schreibt die AZ. Da die Pumpstationen der Kläranlagen am Rhein-Nahe-Eck, in Kempten und Gaulsheim die Wassermassen nicht mehr schaffen, bestehe die große Gefahr, dass das Kanalisationssystem zusammenbreche.
Der erste Hochwasserscheitel wurde am 13. Februar 1970 (Aschermittwoch) erreicht. „Schiffahrt am Aschermittwoch um 8.15 Uhr eingestellt“, heißt es in den Archivalien. Das galt auch für die Personenfähre, während die Autofähre noch in Betrieb war.
Begonnen hatte alles mit starken Niederschlägen im Januar. Ende des Monats war der Boden gesättigt und in der zweiten Februarwoche erreichte die Flutwelle Bingen.
Zwar brachte ein Kälteeinbruch Mitte des Monats für einige Tage Entspannung, doch gerade als die Straßen wieder alle geräumt waren, setzten heftige Regenfälle und Tauwetter ein und trieben eine neue "extreme Hochflut" rheinabwärts, die schließlich auch Bingen erreichte und alle tiefer gelegenen Gebiete noch höher überflutete als beim ersten Hochwasser.
Das Hochwasser führte entlang der gesamten Rheinfront zu Überschwemmungen. Im Stadtteil Gaulsheim stand die L 419 (Mainzer Straße) sogar 30 bis 40 Zentimeter unter Wasser.
Viele Helfer aus der ganzen Region versuchten mit Sandsäcken und Barrikaden weitere Bereiche zu schützen. Ein "Hilfszug" des Roten Kreuzes baute in der Vorstadt eine Feldküche zur Verpflegung der Einsatzkräfte auf, die auch von Bürgern genutzt werden konnte, die keine Kochmöglichkeit mehr hatten.
Die Fotos zeigen Bahnsteige des Stadtbahnhofs unter Wasser. Die Züge fuhren mit halb im Wasser stehenden Rädern in Schleichfahrt durch die überfluteten Bereiche. Die Entscheidung, zwischen Bingen und Gau-Algesheim "einen Schleppdienst mit Dampfloks aufzunehmen, hänge am seidenen Faden“, heißt es am 27. Februar 1970. Doch dazu kam es nicht mehr, denn an jenem Tag hatte das zweite Hochwasser mit 6,09 Meter am Pegel Bingen seinen Höhepunkt erreicht und mit Beginn des Monats März entspannte sich die Lage von Tag zu Tag mehr.