Die Villa Eden (No 296)

Die Villa Eden 1839, Zeichnung von Anneliese Reichmann nach E. Heipers 1839.Heute ist sie Teil der inzwischen lückenlosen Bebauung der Mainzer Straße, nämlich Mainzer Straße 57-59.

Noch bis in die 1960er Jahre lag die „Villa Eden“, das repräsentative Haus des Weinguts Espenschied, im Grünen. Mitten in einer wunderschönen Parkanlage mit Skulpturen, Springbrunnen und seitlich angrenzenden Weinbergen nach Osten.

Villa Eden Straßenansicht August 1974. Die Villa Eden mit Anbau „Werkhalle“, August 1974.Kommerzienrat Julius August Espenschied (*25.1.1829, †29.08.1909) war Stadtrat und einer der wohlhabendsten Bürger der Stadt. Das Weingut war seit 1790 im Familienbesitz. Sein Sohn Julius Espenschied heiratete am 23.02.1904 die in Wiesloch geborene Ella Heuss (*20.8.1878, †30.12.1963), die in Heidelberg Musik und Englisch studiert hatte. Sie ist eine Cousine des späteren ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik, Theodor Heuss. Die Geschäfte liefen gut. Mit den beiden Kindern Ellen und Julius sah die Familie einer guten Zukunft entgegen, und nichts deutete auf die spätere Tragik hin.

Julius Espenschied zog 1914 als Leutnant in den Ersten Weltkrieg und wurde nach drei Monaten so schwer verwundet, dass er am 12.10.1914 starb. Ella, die ins Lazarett nach Frankreich geeilt war, konnte dem Sterbenden in der Sterbestunde nur noch die Hand halten.

Von nun an ist die Zeit des Weinguts untrennbar mit ihrem Namen verbunden. Mit großem Geschick übernahm sie die Leitung des Weinguts Espenschied und die angeschlossene Weinhandlung Espenschied-Heuss, deren Exportgeschäfte in andere europäische Länder, aber auch nach Übersee, sie kräftig ankurbelte.

Der Sohn studierte Politikwissenschaften. Seine große Leidenschaft waren Autos und Autorennen. Eine verhängnisvolle Passion, denn im März 1927 hatte er auf der Straße zwischen Bingen-Kempten und seinem Elternhaus einen schweren Autounfall und starb.

Nun sollte die Tochter Ellen einmal das Erbe übernehmen. Doch schon drei Jahre später schlug das Schicksal wieder zu. Ellen heiratete ihre große Liebe, Rittmeister Hans Amlinger. Dieser machte in Russland eine Ausbildung zum Piloten und starb bei einem Flugunfall. Ellen verkraftete seinen Tod nicht. Nicht lange nach seinem Tod sprang sie 1930 mit Suizidabsicht aus großer Höhe aus einem Flugzeug.

Trotz der Schicksalsschläge führte Ella Espenschied-Heuss das Weingut erfolgreich weiter durch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Unterstützt wurde sie von ihrem Bruder Otto Heuß und der Adoptivtochter Paula Espenschied.

Nach ihrem Tod am 30.12.1963 kaufte der Weinhändler Hermann Kendermann 1965 den Besitz und ergänzte ihn um eine „Werkhalle“. Er starb überraschend am 16.2.1970. Seine beiden Söhne bauten das exportorientierte Geschäft weiter aus. 1992 übernahm die Kellerei Carl Reh von der Mosel das Unternehmen und firmierte nun als Reh-Kendermann. Nach dem Umzug des Firmensitzes in das Industriegebiet Bingen-Ost wurde es an eine Binger Immobilienfirma verkauft, die größere seitliche Anbauten mit Büroräumen für diverse Firmen hinzufügte. Im rechten Anbau befand sich zum Beispiel einige Jahre das Binger Arbeitsamt. In die „Villa Eden“ zog das Sekthaus Graeger ein und wurde dann oft als „Graeger-Villa“ bezeichnet. Seit dem Auszug von Graeger gab es unterschiedliche Mieter. Aktuell ist dort eine Senioren-Wohngemeinschaft zu Hause.