Die Nachtigall des Rheins

Nach dem Tod ihres Vaters reiste Adelheid von Stolterfoth (* 1800) mit ihrer Mutter durch Europa. Im Jahr 1815 hinterließ eine Rheinreise einen so tiefen Eindruck, dass beide im Jahr darauf nach Bingen zogen und Adelheid von Stolterfoth dort das fand, was von nun an ihr ganzes Leben bestimmte: die Rheinromantik.

Romantisierter Blick in das Binger Loch um 1819. Kolorierte Aquatinta einer Zeichnung von C. G. Schütz.Bingen stand im Umbruch. Die Region wurde politisch neu geordnet, und die Stadt kam mit der frisch entstandenen Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen mit Sitz in Darmstadt. Die Epoche der Romantik begann, den Rhein für sich zu entdecken.

Für Adelheid war Bingen nicht nur ihr neuer Wohnort – die Region wurde zum Resonanzraum ihrer dichterischen Seele. Die alten Ruinen, ihre Legenden und die verwunschene Flusslandschaft inspirierten sie zu ihren ersten Gedichten. Sie war noch keine zwanzig, als sie begann, die Liebe zur Rheinlandschaft in Worte zu fassen – Worte, die zunehmend Anklang fanden und sie ermutigten, ihren poetischen Weg weiterzugehen.

Ihre Gedichte erzählen von Elfen und Rittern, von Liebe und Treue, von Heimat und Sehnsucht. Doch sie war stets eine Frau mit klarem Verstand und feiner Beobachtungsgabe, die das Gesehene in Poesie verwandelte. Ihre Verse sind kein sentimentales Seufzen, sondern von Frische und Klarheit geprägt und zeugen von einer tiefen Verbundenheit mit der Landschaft.

Sie war keine weltfremde, romantisierende Träumerin – im Gegenteil. In ihren Jugendjahren besaß sie eine fast kämpferische Begeisterung für Freiheit und Nation. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon wollte sie sogar in Männerkleidung in den Krieg ziehen – ein Plan, der vereitelt wurde, jedoch viel über ihre Leidenschaft erzählt.

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter zog sie auf die andere Rheinseite nach Winkel zu ihrem Onkel, dem späteren Parlamentspräsidenten Freiherrn von Zwierlein, den sie später auch heiratete. Sie starb vor genau 150 Jahren, am 17. Dezember 1875, in Wiesbaden.

Ihre Hauptwerke sind der „Rheinische Sagen-Kreis“ sowie die „Rheinischen Lieder und Sagen“ – Sammlungen von Balladen, Romanzen, Liedern und Legenden, die sich um Felsen, Burgen, Klöster und Städte ranken.

In der einschlägigen Literatur wird sie als „Nachtigall des Rheins“ oder auch als „adeliges Urgestein der Rheinlyrik“ bezeichnet. Der Literaturhistoriker Goedeke nannte sie „die echte Dichterin des Rheins“.

Die kolorierte Aquatinta einer Zeichnung von Christian Georg Schütz des Binger Lochs von 1819 zeigt, wie sich die Landschaft damals Adelheid von Stolterfoth in ihren Binger Jahren präsentierte.


#ArchivDingsTag, 16. Dezember 2025