Die Binger Trümmerbahn

Auf vielen Bingen-Fotos aus den Jahren 1946/1947/1948 sind Gleise zu sehen, die einen engeren Abstand haben als bei Straßenbahnen üblich. Oft führen sie mitten durch die Schuttberge der Bombenschäden. Gelegt wurden sie abschnittsweise für eine Feld-/Grubenbahn mit Kipploren, die für den Abtransport des Bombenschutts eingesetzt wurde und ihn zu den Sammelstellen in den Naheanlagen und dem Fruchtmarkt brachte: die Binger Trümmerbahn.

Die Trümmerbahn im Juni 1946 in der Schmittstraße.Für die steile Salzstraße gab es eine eigene Lösung. Vor dem damaligen Modehaus Sinn (heute Fielmann/Vero Moda) hatte man eine motorbetriebe Seilwinde montiert. Sie seilte die beladenen Loren zum Fruchtmarkt ab und zog die leeren Wagen wieder zum Speisemarkt hoch.

Passanten mussten sich dabei in Acht nehmen, denn diese Aktion war nicht ungefährlich. Zwar wurden sie durch lautes Rufen gewarnt, aber es kam auch vor, dass sich eine Lore selbstständig machte oder aus den Schienen sprang.

An den Aufräumarbeiten beteiligten sich Männer, Frauen und auch Kinder. Männer über 16 Jahre konnten zwangsverpflichtet werden.

Wegen der fehlenden Müllabfuhr nutzten die Binger die Schutthalde am Fruchtmarkt, um ihren Hausmüll zu entsorgen. Da aber alles Brennbare zum Heizen verwendet, die knappen Lebensmittel vollständig verwertet und zudem unverpackt abgegeben wurden, fiel nicht viel Müll an. Hauptsächlich handelte es sich um Asche aus den Öfen. Trotzdem „stank es dort“, heißt es in Aufzeichnungen.

Besonders schlimm war es im heißen Sommer 1947. Ein unerträglicher Fischgeruch habe riesige Mückenschwärme angelockt und einen Aufenthalt unmöglich gemacht. Der Geruch stammte von den mit fischdurchsetzten Abfällen der französischen Besatzungssoldaten, die den Fruchtmarkt ebenfalls als Müllkippe nutzten.

Schmittstraße auf der Höhe heutiger Neff-Platz, Herbst 1945.Auf dem zweiten Foto aus der Schmittstraße und dem heutigen Neff-Platz auf der rechten Seite kann man erkennen, wie Häuser mit einfachen Mitteln wieder bewohnbar gemacht wurden. Auf Häuserresten dienten einfache Holzkonstruktionen als Dach. Immerhin boten diese Provisorien den Menschen wenigstens „ein Dach über dem Kopf“ - nach dem Krieg keine Selbstverständlichkeit in Bingen. Viele „Ausgebombte“ mussten in die umliegenden Ortschaften evakuiert werden.
In der Stadt selbst und in den umliegenden Ortschaften wurden alle Möglichkeiten der Unterbringung genutzt. Da auch Millionen von Vertriebenen eine Unterkunft benötigten, war dies oft nur durch Zwangseinquartierungen möglich.

Mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 besserte sich die Versorgungslage.  Auch wenn der lose Schutt 1948 weitgehend weggeräumt war, gab es doch noch bis zu den 1960er Jahren überall in den Straßen Häuserruinen.

#ArchivDingsTag, 25. Februar 2025