Der St. Annaberg

Am 21. Juni 1870 begann die Geschichte des „St. Annaberg“, auf dem Eckgrundstück Gerbhausstraße/Pfarrhofstraße, das einige von Euch mit Ihrer Kindergartenzeit verbinden werden. 

St. Annaberg in den 1920er. Rechts das nach dem 2. Weltkrieg nicht wieder aufgebaute Schwesternhaus.Ein im Mittelalter zur Basilika hin stehendes Häuschen gehörte damals zum Martinsstift und beherbergte die Wohnung des Stiftsklöckners. Nach der Auflösung des Stifts ging es 1672 in den Besitz des Mainzer Priesterseminars über.

In der „Franzosenzeit“ (siehe ArchivDingsTag vom 19.11.2024) wurde es zum Staatseigentum erklärt und verkauft. Katharina Soherr geb. Stahl schenkte es schließlich der katholischen Kirche „zum Zweck der Niederlassung barmherziger Schwestern für die ambulante Krankenpflege“.

St. Annaberg zum Puricelli-Platz, 1970er.Der damalige Pfarrer, Dekan Wagner, konnte erreichen, dass fünf Schwestern des Ordens des Hl. Borromäus aus dem Mutterhaus Trier nach Bingen kamen, nachdem Schwestern von dort bereits seit 1854 im Heilig-Geist-Hospital wirkten. Das Haus war in einem kläglichen Zustand. Das Schlafzimmer war fensterlos und der Speisevorrat für die Schwestern bestand aus einem Körbchen Kartoffeln und einem einzigen Brot „über welches gerade beim Eintritt der Schwestern ein munteres Mäuschen spazierte“ sowie 11 Gulden Bargeld. Dank Spenden aus der Bevölkerung sowie von Binger Bäckern und Metzgern besserte sich die Lage der Annaberg-Schwestern jedoch bald.“

Als am 19. Juli 1870, noch nicht einmal einen Monat später, der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, wurde die gegenüberliegende Mädchenschule zu einem Lazarett umfunktioniert und die Schwestern mit der Pflege der Verwundeten betraut. Dies wiederholte sich zwei Monate später mit der Pflege im „Ruhrlazarett“, das im Haus Weinand eingerichtet, sowie im „Typhuslazarett“ an der Drususbrücke. Dort konnten die Schwestern auch den Winter über schlafen.

Am 23. April 1871 stand den Schwestern ihr Haus wieder zur Verfügung. Im Herbst 1871 wurde eine Nähschule eingerichtet und nach einer Aufstockung im Jahr 1875 stand auch ein geräumiger Schlafsaal zur Verfügung. Im selben Jahr konnte der angrenzende Vorderbau erworben und die Nähschule dorthin verlegt werden.

Doch der nächste Umbruch ließ nicht lange auf sich warten. Knapp 2 Jahre später, am 21. Januar 1877, brannten zwei Stockwerke aus. Wieder zeichneten sich die Binger durch eine große Opferbereitschaft aus und halfen, die Räume in kurzer Zeit sogar größer und schöner herzurichten. 1879 wurde ein Mädchenpensionat angegliedert, sowie eine „Bewahrschule für Kinder“. Der Kindergarten stieß auf großen Zuspruch in der Binger Bevölkerung. Mittlerweile war die Zahl der Schwestern auf acht gestiegen. Im Jahr 1913 konnte das benachbarte Scherersche Haus aufgekauft werden.

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges pflegten die Schwestern Verwundete im Reservelazarett im Technikum (spätere FH/TH) und fanden trotzdem noch die Kraft, 1917 eine Kinderkrippe im Annaberg einzurichten.

Die NS-Zeit seien schwere Jahre gewesen, heißt es im Bericht zum 100-jährigen Jubiläum in der AZ und als 1939 der 2. Weltkrieg begann wurden zuerst die Nähstube und später auch die Räume des Kindergartens von der Wehrmacht für die Versorgung von Verwundeten beansprucht.

Bei dem großen Bombenangriff am 2. Dezember 1944 wurde auch der Annaberg getroffen und zerstört. Nach dem Krieg ging es an den Wiederaufbau, wobei das seitliche Schwesterhaus nicht wieder errichtet wurde. Am 21. Juni 1970 feierte Bingen in großer Dankbarkeit das hundertjährige verdienstvolle Wirken der Ordensschwestern von St. Annaberg. Da das Haus in den Folgejahren den gestiegenen Anforderungen für Kindergärten nicht mehr genügte, entschieden sich Stadt- und Kirchengemeinde für einen Neubau. Im Juli 1981 erfolgte der Abriss.