Brand legt Arkaden von Hildegards Klosterkirche frei

Es waren dramatische Stunden am Abend des 8. Februar 1975, dem Samstag vor Fastnacht. Während des damals traditionellen "Bingerbrücker Lumpenabends" brach im „Herter-Haus" auf dem Areal des ehemaligen Kloster Rupertsberg unserer Hildegard von Bingen ein Feuer aus, das sich rasch bis hoch in die beiden Dachgeschosse ausbreitete. Es war eines der ganz wenigen Häuser in Bingerbrück, das 1944/45 von Bombentreffern verschont geblieben war.



Die Fotos zeigen das „Herter-Haus“ sowie die durch den Brand freigelegten Arkaden.Das brennende Treppenhaus versperrte den Bewohnern den Fluchtweg. Ein Ehepaar konnte sich durch einen Sprung aus dem ersten Stock unverletzt retten, ein junger Mann brach sich dabei ein Bein. Eine Frau entkam aus dem zweiten Stock über ein Gerüst an einer der Außenwände. Andere wurden von der Feuerwehr gerettet.




Rund 80 Feuerwehrleute mehrerer Feuerwehren bekämpften aus 10 Rohren und mit der Wasserkanone der Binger Wehr die Flammen. Wegen des starken Funkenfluges galt es, auch die Nachbargebäude ständig unter Wasser zu halten. Für diesen massiven Einsatz mussten zusätzliche Rohre zur Nahe verlegt und das kostbare Nass hochgepumpt werden.




Erst nach mehreren Stunden konnte das Feuer unter Kontrolle gebracht werden. Das Gebäude brannte vollständig aus. Die Archivalien berichten von einem „Totalschaden“. Die Bewohner hatten alles verloren. Zwei Feuerwehrleute und eine Zivilperson wurden verletzt und ärztlich versorgt.




Bei der Besichtigung der Brandstelle zeigte sich eine Sensation. Durch den Brand war eine Mauer mit fünf Rundbögen freigelegt worden, die dann zweifelsfrei als Mauerstück der Klosterkirche aus der Zeit Hildegards von Bingen identifiziert wurde. Im Laufe der Zeit war deren Existenz im Herter-Haus in Vergessenheit geraten.


Die Brandruine wurde von dem Binger Unternehmer Josef Würth erworben und mit veränderter Dachgestaltung wieder aufgebaut. Ab 1976 diente das nun „Villa Würth“ genannte Gebäude als Sitz seiner Büroorganisationsfirma. Die freigelegten Arkaden blieben erhalten und wurden in die Geschäftsräume integriert.

Nach der Aufgabe des Geschäftsbetriebs von Würth in Bingen erhielt das Areal 2020 einen neuen Eigentümer. In den Jahren 2022/23 gestaltete die Stadt das Erdgeschoss neu. Die originalen Arkaden der Hildegard-Klosterkirche wurden für Besucher zugänglich und der „Fahrstuhl in die Vergangenheit“ macht seit Mai 2023 das Hildegard-Kloster digital erlebbar. Außerdem hat das Stadtarchiv mit seinem Lesesaal hier seine neue Adresse gefunden. Seitdem weist das Gebäude mit seinem Namen „Villa am Rupertsberg“ auf den historischen Ort hin.

#ArchivDingsTag, 4. Februar 2025