Binger Gassekehrer im Juni 1930
Das Foto mit der Bezeichnung „Binger Gassekehrer am Werk vor der Festhalle, Juni 1930". Im Hintergrund rechts das alte Badhaus gibt Rätsel auf, denn es erscheint wenig wahrscheinlich, dass Straßenkehrer im Jahr 1930 tatsächlich im Gehrock und mit Zylinder ihrer Arbeit nachgingen.
Da ist es eher vorstellbar, dass ein Teilnehmer einer Festlichkeit kurzerhand zu Besen und Schaufel griff, um noch rasch vielleicht ein paar Pferdeäpfel zu entfernen und in den nahen Müllkarren zu befördern. Vielleicht war es auch einer den echten „Binger Gassekehrer“, der zu den Feiernden gehörte und den der Schmutz störte. Oder der Vermerk des Fotografen ist augenzwinkernd gemeint und es handelt sich bei dem Herrn um einen damals allseits bekannten Binger, der zu „Schipp und Besen“ griff und sich mal eben als „Gassekehrer“ betätigte.
Die beiden weiteren Personen blicken jedenfalls gespannt in eine Richtung – als erwarteten sie jemanden oder etwas. Auch das könnte ein Hinweis auf ein besonderes Ereignis sein.
Allerdings war es in der Weimarer Republik auch nicht ungewöhnlich, dass städtische Aufnahmen oder Pressefotos gezielt inszeniert und die dargestellten Situationen dabei bewusst überzeichnet wurden. Zum Beispiel um ein bestimmtes Bild von Ordnung, Disziplin oder der Würde einfacher Arbeit zu vermitteln. In diesem Zusammenhang könnten Zylinder und gepflegte Kleidung bewusst eingesetzt worden sein – als Zeichen dafür, dass auch körperliche Tätigkeiten Anerkennung und Respekt verdienen.
1930 war der Zylinder nämlich längst kein Alltagskleidungsstück mehr. Er wurde nur noch zu festlichen privaten oder offiziellen Anlässen getragen – etwa bei Hochzeiten. Beamte trugen ihn bei staatlichen und städtischen Zeremonien und bei Bestattern gehörte zu zur Berufstracht.
Die Fotosituation werden wir nicht mehr klären können. Allerdings erscheint uns von den denkbaren Deutungen die spontane, praktische Reaktion eines Beteiligten mit der Schmutzbeseitigung am wahrscheinlichsten.
So oder so zeigt uns das Bild aber eine interessante Momentaufnahme. Hier der einfache, hölzerne Handkarren – dort die glänzenden Limousinen im Hintergrund.
Die Festhalle nennen wir heute alte Stadthalle. Sie ist nicht im Bild. Das “Badhaus“ stand in zweiter Reihe am Rheinufer, direkt hinter dem Bahnübergang Starkenburger Hof auf der Seite zur Nahe hin. Es wurde 1977 abgerissen, nachdem es durch einen Brand schwer beschädigt war. Heute ist dort ein baumbestandener Platz mit Fahrrad-Boxen.