Binger Fastnacht 1912 (no. 278)
Ein Wagen des Rosenmontagszuges vom 19. Februar 1912 fotografiert vor dem Haus Hallerbach am Fruchtmarkt. Heute befindet sich dort im Erdgeschoss der Friseursalon Punter und die Pizzeria Primavera. Das Hotel Karpfen wurde 1944/45 durch Bomben zerstört und abgetragen. Dort war über Jahrzehnte eine Freifläche (u.a. mit Imbiss Tuffli) und wurde Anfang unseres Jahrzehnts neu bebaut.
1912 war die Fastnacht in Bingen bereits seit 79 Jahren „dokumentarisch nachweisbar“, denn bereits 1833 hatte in unserer damals rund 4.600 Einwohner zählenden Stadt ein „Narren-Comité“ zu einem Fastnachtsumzug am Fastnachtsdienstag aufgerufen. Der BKV ist der älteste Karnevalverein in Rheinland-Pfalz.
Der Startschuss zu dieser neuen Form der Fastnacht war zehn Jahre zuvor in Köln gefallen. Dort hatte 1823 der Herrenclub „Olympische Gesellschaft“ mit der Organisation eines Fastnachtszuges dem vorfastenzeitlichen Treiben eine neue Form gegeben. Der große Zuspruch führte dazu, dass sich die Idee Jahr für Jahr weiter rheinaufwärts verbreitete und 1833 schließlich auch Bingen erreichte. 1837 zog dann auch ein erster Fastnachtszug durch Mainz.
Der Fastnachts- bzw. Carnevalsbrauch selbst hat seinen Ursprung in der christlichen Tradition. Vor Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch nutzte man die Gelegenheit, noch einmal ausgiebig zu feiern und die weltlichen Genüsse von Essen und Trinken zu zelebrieren. Aus diesem Brauch entwickelten sich auch die heute gebräuchlichen Bezeichnungen: Während „Fastnacht“ wörtlich die Nacht vor dem Fasten bezeichnet, leitet sich „Carneval“ vom lateinischen carnis levamen beziehungsweise dem mlat. carnelevarium ab und steht sinngemäß für den Abschied bzw. Entzug vom Fleisch.
Waren die Anfänge der neuzeitlichen Fastnacht zunächst unpolitisch, so politisierte sie sich insbesondere in Mainz und Rheinhessen in den 1840er Jahren zunehmend. Die 1844 in Mainz neu aufgelegte „Neue Mainzer Narrenzeitung“ entwickelte sich zu einem Sprachrohr demokratischer Ideen und des Wunsches nach einer stärkeren Einheit der deutschen Lande.
Beeinflusst wurde dies maßgeblich durch Ereignisse im westlichen Ausland. Im Jahr 1830 löste sich Belgien vom Königreich der Niederlande. Da sein wallonischer Bevölkerungsteil frankophil eingestellt war, verloren die Niederlande nicht nur an politischem Gewicht, sondern auch an Bedeutung als Pufferstaat an der westlichen Grenze, während sich Frankreich politisch gestärkt sah. Parallel dazu erwachten dort wieder Expansionsgedanken, die den Rhein als natürliche östliche Staatsgrenze von Frankreich betrachteten. Diese Vorstellungen gingen unter den Stichworten „Polignac-Plan“ und „Rheinkrise“ in die Geschichte ein.
Solche Überlegungen weckten bei der rheinhessischen Bevölkerung deutliche Antipathien. Sie fanden ihren Ausdruck unter anderem in der karnevalistischen Verballhornung französischer Elemente, etwa bei den Uniformen der Fastnachtsgarden oder Bezeichnungen.
Ein prägnantes Beispiel ist der Ruf „Rizambo“ im Narhallamarsch, der auf einen napoleonisch-französischen Kommandanten namens „Riçambeau“ zurückgehen soll. Tatsächlich ist ein Kommandant mit diesem Namen aber nicht überliefert. Eine Deutung ist, dass der Namen verwendet wurde, weil er phonetisch gut in den Text und den Reimvers passt.
#ArchivDingsTag, 10. Februar 2026