Als die Glocken nach Rom flogen (No 282)

Das Foto vom 23. Februar 1942 zeigt den Abtransport der zwangsrequirierten Basilika-Glocken für die Waffen-Einschmelzung.Unser heutiger Zeitzeugenbericht schildert die Erinnerungen eines Kindergartenkindes um 1950 – in der Karwoche vor 75 Jahren. 

Wenn auch in eurer Familie die Geschichte von den Glocken, die nach Rom flogen, erzählt wurde, schreibt es gerne in die Kommentare.

„Es waren unruhige Tage in der Woche vor Ostern. Alles dreht sich um die Begriffe „Karwoche“  und „Osterputz“. Mittags gab es nur einfache, schnell zu kochende Gerichte zu essen. In den Schlafzimmern und im Wohnzimmer war jeder Winkel geputzt worden. Selbst die Deckenlampen wurden abgehängt und peinlichst sauber gereinigt. Die Matratzen waren im Freien ausgeklopft worden, ebenso die Bettvorleger und der Wohnzimmerteppich. Sämtliches Porzellan und alle Gläser im Wohnzimmerschrank waren frisch gespült. Das Gleiche galt für den Küchenschrank, dessen Bretter mit frischem Schrankpapier ausgelegt wurden.

Die Zimmerböden waren mit der Bohnermatte aus Stahlwolle gespänt, anschließend gewachst und dann gebohnert worden. Eine sehr anstrengende Arbeit. Das ganze Haus duftete nach Bohnerwachs. Auch alle Textilien waren frisch gewaschen und gebügelt. Die Betten waren auf Sommerbettwäsche „umgestellt“ worden. Das gute Überhandtuch und die Feiertags-Tischdecke lagen schon bereit. Und im Freien hing die Kleidung für die Feiertage zum Lüften, denn egal wie das Wetter an Ostern war: Ab Ostersonntag wurde zum Kirchgang die Sommerkleidung getragen. Bei den Damen war es der Sommermantel oder das Sommerkostüm.

Spätestens am Gründonnerstag mussten auch die Fenster geputzt sein. Bei regnerischem Wetter polierte man am Samstag noch einmal nach, damit ja an den Feiertagen alles glänzte. Nur in der Küche waren noch Restarbeiten zu erledigen, damit auch diese an Ostern frisch geputzt strahlte und die Hausfrau bei Feiertagsbesuchen „ein gutes Bild abgab“. Schließlich war der Ostermontag ein beliebter Tag, an dem sich nachmittags fast immer auswärtige Verwandtschaft einstellte. Deshalb musste auch ein größerer Kuchenvorrat gebacken werden.

Wir Kinder waren in freudiger Erwartung. Seit Fastnacht hatte es keine Süßigkeiten mehr gegeben und auch keinen Sonntagskuchen. Doch nun nahte das Ende der Fastenzeit und wir hielten im Freien intensiv Ausschau, ob wir vielleicht doch den sehr scheuen Osterhasen sehen würden, der ja in den Tagen vor dem Fest bereits die Stellen für seine Osternester sondierte.

Immer wieder erzählten mir meine Eltern, dass am Gründonnerstagabend die Kirchenglocken zum Milchsuppe-Essen nach Rom fliegen und dann gestärkt und besonders laut läutend am Ostersonntag zurückkehrten.

Deshalb durfte ich am Abend des Gründonnerstags sogar etwas länger aufbleiben. Es war schon dunkel, als schließlich vom Kirchturm her das Geläut der Glocken ertönte. Mein Vater ging mit mir in den Hof und nahm mich auf den Arm. So hatte ich einen freien Blick auf den Kirchturm. „Gleich fliegen sie“, orakelte er. Oder auch „Sie fliegen erst noch einige Runden um den Kirchturm“, hieß es, als ich ungeduldig nachfragte. „Siehst du, da fliegt eine“, meinte er und deutete in südliche Richtung. „Und nun noch eine.“ Mmmh, war da wirklich ein Schatten am dunklen Himmel und dann sogar noch ein zweiter? Nun, es war dunkel. Wirklich sehen konnte ich keine. Und noch etwas war komisch. Wenn die Glocken seitlich wegflogen, wieso schallte es dann immer noch gleich laut vom Kirchturm her? So viel konnte ich als kleines Kind schon wahrnehmen. Nun ja, wenn Papa meint. Und am nächsten Tag erzählten mir andere Kinder stolz, dass sie die fliegenden Glocken gesehen hätten. Dass sie am Karfreitag und Karsamstag nicht läuteten, erhärtete die Geschichte. Rom war schließlich weit und die Milchsuppe für Glocken wohl besonders lecker, weshalb sie sich dort möglichst lange satt daran aßen und erst im letzten Moment wieder zurückflogen.

Als sie am Ostersonntag wieder läuteten, war es aber für uns sowieso viel wichtiger, nicht zu verpassen, wann der Osterhase seine Eier gelegt hatte. Dummerweise verpasste ich ihn jedes Jahr, weil er immer zu uns kam, wenn ich in der Kirche zum Hochamt war.

Als sich ein Jahr später am Gründonnerstag das Wegfliegen der Glocken wiederholte, war ich innerlich schon deutlich skeptischer und mir war klar, dass da etwas nicht stimmte. Aber ich behielt die Zweifel für mich und habe meinen Vater im Glauben gelassen, dass ich ihm die Mär abnehme. Man will ja schließlich seine Eltern nicht enttäuschen.
Foto: Das Foto vom 23. Februar 1942 zeigt den Abtransport der zwangsrequirierten Basilika-Glocken für die Waffen-Einschmelzung.

Quelle: Stadtarchiv Bingen

#ArchivDingsTag, 31. März 2026