Als die Fußgängerzone noch keine Fußgängerzone war

Heute bummeln wir ganz selbstverständlich durch die Fußgängerzone und nutzen die Straßen in voller Breite wo früher Autos am Straßenrand parkten und sich die Fahrzeuge aller Art drängelten. Busse, LKW, Autos Zweiräder oder Straßenbahn ließen den Fußgängern nur den wenigen Platz auf den schmalen Bürgersteigen. Jede freie Fläche, wie zum Beispiel auf dem Speisemarkt und dem Neff-Platz, wurden als Parkplatz genutzt.

1973 bleibt den Fußgängern in der Salzstraße nur der schmale Bürgersteig.1967 begann man in Bingen konkreter über eine Fußgängerzone nachzudenken. Die AZ kommentiert am 7. Oktober 1967 „In alten Städten mir Geschichte und Vergangenheit bilden die Gässchen und idyllische Winkel besondere Reize – doch sie erscheinen nicht mehr zeitgemäß: sie hemmen die Entwicklung insbesondere dann, wenn sie in das Zentrum einer Stadt […] gestellt sind“ und im gleichen Artikel liest man „In diese Reihe zählt auch die Einrichtung von Einkaufszentren, wie sie in modernen Städten […] weiträumig und zweckmäßig angelegt wurden“. Heute sieht man den einen oder anderen dieser damals als Errungenschaft angesehenen „zweckmäßigen“ Bauten sicher mit anderen Augen.

Doch weiter heißt es, dass die für Bingen erst einmal „Zukunftsmusik“ sei. Denn „Vorerst will man sich auf die Einrichtung von Einkaufsstraßen beschränken. […] Vielleicht bringt die neue Stadtplanung bei Veränderung des Altviertels zwischen Gerbhausstraße und Amtsstraße oder im Komplex zwischen Kirchstraße (Anm: heutige Basilikastraße) und Puricelli-Platz eine Neuordnung“.

Fußgänger in der Kapuzinerstraße haben nur wenig Platz (1973).Als Test wurde dann noch gleichen Jahr die Innenstadt erstmals an den Adventswochenenden von Freitag 14 Uhr bis Samstag 18 Uhr für Autos gesperrt.

Nicht überall stieß die Idee der Einrichtung einer Fußgängerzone auf Beifall. Es gab glühende Befürworter einerseits und erbitterte Gegner anderseits, die sich engagierte Argumentationsduelle lieferten. Auch, ob es letztendlich eine große oder die kleine Lösung sein solle, wurde heftig diskutiert.

Im Dezember 1971 wurde die Regelung eingeführt, dass an allen verkaufsoffenen Wochentagen ein Straßenbereich der weitgehend der heutigen Fußgängerzone entspricht, von 15 bis 18 Uhr für den Fahrzeugverkehr gesperrt wird. Zwei Jahre später, wurde 1973 die Zeit bis 19 Uhr ausgedehnt und später dann zusätzlich auch auf den gesamten Samstag.

Nicht nur eine AZ-Leserumfrage ergab 1974 eine klare Mehrheit für eine ständige Fußgängerzone, auch der Stadtrat stellt die Weichen für eine schrittweise Einführung, verbunden mit einer Umgestaltung der Straßen des Bereichs.

Begonnen wurde mit der Kapuzinerstraße, die vor nun 50 Jahren, im Oktober 1975 die erste „Binger Bummelzone“ war. Ihr folgten dann nacheinander die anderen Straßen.  

#ArchivDingsTag, 19. August 2025