1907 – Letzte Fahrt der Postkutsche

Vor 70 Jahren, am 22. Oktober 1955, fuhr die letzte Straßenbahn durch Bingen. Die Ablösung durch die Stadtbusse beendete die Elektrisch-Ära.

1907: Wechsel von Postkutsche auf StraßenbahnUnser heutiger Archivfund geht noch eine weitere Epoche zurück. Denn 1907, fast weitere 50 Jahre früher, wurde die Beförderung per Postkutsche von Bingen nach Dietersheim und Sponsheim eingestellt. Von nun ab fuhr die Straßenbahn über den bisherigen Endpunkt hinaus – bis zum eingangs erwähnten Jahr 1955.  

Die Postkarte trägt den Text „Gruß aus Büdesheim. Übergabe der alten Postverbindung Bingen-Büdesheim-Dietersheim-Sponsheim an die elektrische Bahn“. Womit die Binger Straßenbahn gemeint ist, die auch „Elektrisch“ oder „Schockelexpress“ genannt wurde, weil es auf den Gleisen nicht gar so komfortabel zuging als wir es heute kennen und es während der Fahrt deutlich rumpelte.

Es zeigt den Moment, als sich das alte Verkehrsmittel Postkutsche und die nun bis in die Nachbargemeinden verkehrende Straßenbahn zum Fototermin einfanden, der am 2. November 1907 stattgefunden haben soll.

Aufgenommen ist das Foto vor der Kaiserlichen Postagentur Büdesheim in der Römerstraße 8, heute Saarlandstraße 184. Gut erkennbar an dem Wappenschild an der Hausfassade.

Das Schild mit der Beschriftung „Letzte Fahrt“ dokumentiert den Anlass  und ein Schild „Lohn Fuhrmann Lenz“ (nur sehr stark vergrößert erkennbar) am Kutschenaufbau ist der Hinweis, dass Fuhrmann Lenz im Auftrag der Reichspost mit der Beförderung beauftragt war.  

Der Herr mit der großen Tasche nahe dem rechten Rand ist wohl der damalige Büdesheimer Briefträger und bei dem Herrn der rechts vor der Straßenbahn steht, handelt es sich um Posthalter Johann Kunz.

Die Mädchen auf dem Foto tragen ihre „guten“ weißen Schürzen, was darauf schließen lässt, dass sie sich für das Foto extra „gut angezogen“ haben, wie man es damals formulierte, denn im Alltag der Wochentage waren Schürzen in gedeckteren Farben üblich. Das Anlegen des „Sonntagsstaats“ (sonntägliche Kleidung) bestätigt sich auch dadurch, dass die Herren Anzüge und „Sonntagshüte“ tragen.  

Allerdings ist der 2. November der Allerseelen-Tag. Ein früher wichtiger kirchlicher Feiertag in der katholischen Bevölkerung, die damals in den Stadtteilen überwiegend von der Landwirtschaft lebte. Man versammelte sich ein weiteres Mal mit der Familie zu einer gemeinsamen kirchlichen Zeremonie des ganzen Ortes an den Gräbern der Verstorbenen und das Tragen einer „besseren Kleidung“ war dabei üblich. Auch dies könnte ein Grund sein, warum sich die Passanten herausgeputzt hatten. Ein Punkt, den wir aber wohl nicht mehr klären können.

#ArchivDingsTag, 11. November 2025