Rathausstraße

Die Rathausstraße in der Binger InnenstadtDie Rathausstraße hieß im Mittelalter Judengasse (platea judeorum). Ihre erste urkundliche Erwähnung datiert auf 1254 und ist zugleich ein zentraler Beleg für die lange Geschichte jüdischen Lebens in Bingen.

Das jüdische Quartier lag im nördlichen Stadtbereich zwischen der damaligen Mönchsgasse/heutigen Amtsstraße und der Judengasse/heutigen Rathausstraße. Die Straße war somit nicht nur Wohnort, sondern eine zentrale Achse dieses Quartiers.

In der nördlich gelegenen Stadtmauer bestand die Judenpforte, die einen direkten Zugang zur Judengasse ermöglichte. Die Rathausstraße war demnach auch in das mittelalterliche Zugangs- und Befestigungssystem der Stadt eingebunden.

Im Rahmen des Schutzjudentums verfügte der Mainzer Erzbischof im jüdischen Quartier über Häuser und Grundstücke, die jüdischen Familien gegen Mietzahlungen überlassen wurden. Die räumliche Konzentration war daher nicht ausschließlich freiwillig, sondern stand im Zusammenhang mit herrschaftlicher Kontrolle und Abgabenpflichten.

Die Judengasse war nicht nur eine Straßenbezeichnung, sondern ein wichtiger räumlicher Bezugspunkt der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde. Bereits 1368 ist in Bingen erstmals eine Judenschule überliefert.

Die Judengasse war mehrfach von Stadtbränden betroffen. Beim Großbrand von 1403 wurden laut Stadtarchiv rund 75 Prozent der Binger Häuser zerstört; weitere Großbrände 1490 und 1540 trafen ebenfalls die Straße. Diese Ereignisse dürften die Bausubstanz und den historischen Verlauf des Quartiers nachhaltig verändert haben.

Um 1360 soll der Mainzer Erzbischof seine Münzstätte in den oberen Bereich der Judengasse, an die Ecke zur heutigen Rathausstraße, verlegt haben. Dieser Hinweis stammt aus der regionalgeschichtlichen Forschung und verdeutlicht die Bedeutung des Straßenzugs im mittelalterlichen Stadtgefüge. (Vor um 1360 war die erzbischöfliche Münzstätte nicht in Bingen, sondern in Eltville.) Die jüdische Bevölkerung prägte Bingen über Jahrhunderte, auch wirtschaftlich. Für das 19. Jahrhundert werden insbesondere Handels- und Weinhandelsaktivitäten hervorgehoben; bis Ende des 19. Jahrhunderts lag der jüdische Bevölkerungsanteil in Bingen nach der zitierten Forschung bei etwa sieben bis acht Prozent.

Die heutige Bezeichnung „Rathausstraße“ überlagert die ältere Erinnerung an die „Judengasse“. (Genaues Jahr kann ich nicht finden.) Mit der französischen Herrschaft ab 1793 wurde das Schutzjudentum abgeschafft. Nach 1815 konnten jüdische Bürgerinnen und Bürger sich im gesamten Stadtgebiet ansiedeln; die Bindung an das frühere Judenviertel verlor damit ihre rechtliche Grundlage.

Das historische Binger Rathaus befand sich früher an der Kirchgasse 19, heute an der Ecke Rathausstraße/Basilikastraße. Es war Sitz der Bürgermeisterei, zeitweise auch Standort von Polizei und Feuerwehrgerät; später zog die Bürgermeisterei in das Herrenhaus der Burg Klopp um.

Ein Brand in der damaligen Judengasse griff Mitte des 19. Jahrhunderts auf das Rathaus über. 1862 wurden aus Gründen der Bausicherheit dessen Außenflügel abgetragen. Nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung von 1900 erfolgte 1901 ein Umbau: Der Giebel wurde zurückversetzt, im Erdgeschoss entstanden Läden, im Obergeschoss zog das Amtsgericht ein.

Das alte Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombentreffer beschädigt und zunächst nur notdürftig wiederhergestellt. Im Rahmen der Stadtsanierung wurde es 1973 abgebrochen und durch einen Bau der 1970er Jahre ersetzt – ein markanter Verlust historischer Bausubstanz am Übergang von Rathaus- und Basilikastraße.

Im Umfeld der Rathausstraße wurde der Verkehr in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über Einbahnregelungen organisiert; während die Salzstraße 1976 Fußgängerzone wurde, diente die Rathausstraße zeitweise als stadtauswärtige Einbahnstraße.