Geschichte mit Humor

26.08.2026

Der Binger Seniorenbeirat hat unter fachkundiger Führung die Stadt erkundet.

Seniorenbeirat erkundet Bingen

Dass Stadtgeschichte alles andere als eine trockene Aneinanderreihung von Jahreszahlen und verstaubten Fakten sein muss, bewies der bekannte Binger Gästeführer Karl-Josef Jungerts bei einer exklusiven Führung des Seniorenbeirats. Mit einer perfekten Mischung aus rheinhessischem Humor, fundiertem Fachwissen und überraschend pikanten Details begeisterte er knapp 50 Seniorinnen und Senioren. Die ohnehin hohen Erwartungen des Seniorenbeirats wurden dabei weit übertroffen – der unterhaltsame Rundgang entwickelte sich zu einer lebendigen Zeitreise.

Vom Rhein-Nahe-Eck zu den weinseligen Römern

Der Startschuss für den historischen Spaziergang fiel am malerischen Rhein-Nahe-Eck. An diesem strategisch wichtigen Punkt spannte Jungerts geschickt einen weiten Bogen von der Antike bis in die Neuzeit. Er erläuterte, wie bereits die Römer die geografischen Vorzüge der Region erkannten und nicht nur militärische Stützpunkte errichteten, sondern auch die Kultur des Weinbaus an den Rhein brachten. Diese weinselige Tradition sollte sich in den darauffolgenden Jahrhunderten noch als echter Segen für die Bevölkerung erweisen.

Mittelalterlicher Überlebenskampf: Wein statt Giftwasser

Besonders intensiv widmete sich die Führung dem mittelalterlichen Bingen, das für die heutigen Bewohner kaum vorstellbare Schattenseiten bereithielt. Jungert berichtete schmunzelnd, aber mit ernstem Kern, von den katastrophalen hygienischen Zuständen der damaligen Zeit. Das Rheinwasser war durch Fäkalien, Abfälle und sogar treibende Leichen massiv verunreinigt und für den menschlichen Verzehr absolut ungenießbar sowie lebensgefährlich.

Die Rettung in dieser unhygienischen Not? Der Wein! Dies galt ganz besonders hinter Klostermauern: Je nach Rang und Position standen den Mönchen im damaligen Kloster stolze vier Liter des edlen Tropfens pro Tag zu – eine Ration, die heute wohl für Dauerschwindel sorgen würde, damals aber schlicht der Gesundheitsvorsorge diente.

Taktische Sakralbauten und das Geheimnis der Badestuben

Weiter führte der Weg die Gruppe auf die Nahebrücke, wo die geschichtsträchtige Drususbrücke im Mittelpunkt stand. Jungerts lüftete das Geheimnis um die dortige Kapelle, die einen rein pragmatischen und taktischen Zweck erfüllte: Im Falle eines Angriffs diente das sakrale Bauwerk als göttlicher Schutzschild. Da es Feinden aus religiöser Ehrfurcht verboten war, geweihte Kirchen oder Kapellen zu zerstören, blieb durch diesen architektonischen Kniff auch die strategisch wichtige Brücke vor der Vernichtung bewahrt.

Für das lauteste Gelächter und staunende Gesichter sorgte die Station rund um den historischen Löhrturm. Bei der exklusiven Innenbesichtigung öffnete der Gästeführer die imaginäre Tür zur berüchtigten Badergasse. Die mittelalterlichen Badestuben, die dort florierten, dienten nämlich keineswegs nur der körperlichen Reinigung. Jungert beschrieb sie als urige, historische Vorläufer heutiger Swingerclubs. Inmitten von warmem Wasser, fließendem Wein, Live-Musik und einer äußerst freizügigen Gesellschaft nahm man es mit der Moral damals im Schutze der Dämpfe nicht allzu genau.

Handelsgeschichte und der „ewige“ Abschied

Etwas ernster, aber nicht minder spannend, wurde es am Haferkasten, dem ältesten erhaltenen Haus der Stadt Bingen. Hier tauchte die Gruppe tief in den mittelalterlichen Handelsalltag ein. Die Teilnehmer erfuhren, dass die namensgebende, riesige Haferkiste im Grunde die „Tankstelle“ des Mittelalters war. Sie sicherte die Versorgung der Händler-Pferde, die als wichtigste Transportmittel die Waren in die Stadt brachten und in der anliegenden Kaufhausgasse anboten.

Das große Finale der Führung fand in der ehrwürdigen Basilika St. Martin statt. Hier zeigte Karl-Josef Jungerts den Gästen versteckte Details, die dem normalen Auge verborgen bleiben: alte Steinmetz-Zeichnungen, die direkt in das historische Mauerwerk geritzt wurden und als frühe Abrechnungssysteme dienten. Zum Abschluss führte er die Gruppe zur symbolträchtigen „Treppe zum ewigen Licht“.

Nach zwei Stunden voller Anekdoten verabschiedete die begeisterte Gruppe ihren Gästeführer mit donnerndem Applaus in der Basilika. Angesichts des großen Erfolgs wurde noch vor Ort das Versprechen für eine Fortsetzung im nächsten Jahr gegeben.

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