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September 2015

Worte trügen • worte fliehen •
Nur das lied ergreift die seele •
Wenn ich dennoch dich verfehle
Sei mein mangel mir verziehen.

Lass mich wie das kind der wiesen
Wie das kind der dörfer singen •
Aus den sälen will ich dringen
Aus dem fabelreich der riesen.

Höhne meine sanfte plage!
Einmal muss ich doch gestehen
Dass ich dich im traum gesehen
Und seit dem im busen trage.

Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. III, S. 58.


Werden Gedichte nicht aus Worten gemacht? Sind Gedichte nicht wahr und ewig? Was ist das für ein Gedicht, das mit der allgemeingültigen Anspruch erhebenden Behauptung beginnt:  „Worte trügen ∙ worte fliehen“? Hebt das Gedicht sich nicht damit selbst auf, jeglichen Anspruch auf Wahrheit, Wirkung, Dauer?

Nein, denn dieses Gedicht ist ein „lied“, dieser Dichter ist ein Sänger, denn nur das „lied ergreift die seele“. Darum aber geht es diesem ganz bestimmten Lied und ganz bestimmten Sänger: Er will nicht Mond und Sterne, nicht Gott oder Natur besingen, sondern die „seele“ eines Duʼs ergreifen (Vers 3). Ist es bislang nicht gelungen –davon spricht die zweite Strophe – so muss das Lied noch schlichter, kindlicher, prunk- und fabelloser werden. Dieses gelungene Lied wird dann in nur vier Versen zum Zeugnis einer Einverleibung („busen“), einer selbst den Widerstand des angesprochenen Duʼs überwindenden Inkorporierung. Was bislang nur Traumgesicht war („traum gesehen“, Vers 11), ist nun mittels des Lieds ergriffen, die in Vers 3 durch ein „dennoch“ Getrennten („ich“ und „dich“) sind in Vers 11/12 trotz vorangegangener Ablehnung („höhne“) zusammengeführt: „ich dich“ / „im busen“.

Stefan George bedient sich hier 1893 im ersten Gedicht des Zyklusʼ „Sänge eines Fahrenden Spielmanns“ einer mittelalterlichen Einkleidung, der des Minnesängers, genauer seines volkstümlichen Nachfahren, ohne störende Historisierung. Er ruft mit der Reihe Dichter-Spielmann-Sänger eine tausende Jahre alte Tradition auf und bleibt doch ganz schlicht und gegenwärtig.

Dieses Lied kann allein stehen, kann allein verstanden werden und weist doch subtil im Zyklus voraus, ist Teil eines Ganzen. Ja, es steht gar in geheimem Zusammenhang mit Georges „Das Lied“ betiteltem Gedicht im ‚Neuen Reich‘ (1928), mit jenem Sänger, dem nur noch die Kinder lauschen (SW IX, S.100f.).

Ute Oelmann