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Oktober 2016

Oktober 2016

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S.111.


Dies ist das letzte Gedicht in Georges letztem Gedichtband "Das Neue Reich" von 1928. Entstanden ist es schon zehn Jahre zuvor. Aber biographische Umstände tun hier gar nichts zur Sache; das Gedicht ist vollständig von ihnen gereinigt. Es lässt sich wie ein poetisches Vermächtnis lesen, weil sich hier viele Eigentümlichkeiten von Georges lyrischem Sprechen konzentrieren. Feierlich, ernst, emphatisch ist es, mit einem Anflug von Melancholie. Wir verstehen diese Sprache leicht, und doch ist sie ganz fern von jeder gewöhnlichen Sprechweise.

Offenkundig handelt es sich bei diesem vierstrophigen, kreuzgereimten, konsequent gebauten Gedicht um ein Liebesgedicht. Aber wer ist das Ich, wer das Du? Nichts lädt dazu ein, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Verse der ersten Strophe wiederholen sich in der letzten; sie werden nur umgestellt. Das Gedicht ist also ein kleiner Zyklus, ein kleiner geschlossener Kreis. Es wirkt dabei aber, dank des Schlussverses, nicht hart und abschließend, sondern behutsam, weich, hell, atmosphärisch: „Du wie der morgen zart und licht.“ Die beiden mittleren Strophen sprechen davon, was das geliebte Du dem poetischen Ich bedeutet: Du und ich und nichts sonst. Alle Verse beginnen mit diesen beiden Pronomina "du" und "ich", nur die zweite Strophe ist davon ausgenommen. Das Ich konstituiert sich ganz aus dem Bezug auf das Du, das für den poetischen Sprecher geradezu lebensnotwendig ist (atmen, trinken, küssen; dritte Strophe). Wir kennen das aus der religiösen Lyrik. In der Tat mutet das Gedicht gebetshaft, liturgisch an, ernst und feierlich.

Immer wieder haben wir früher schon in unseren kurzen Interpretationen betont, wie oft es George gelingt, durch kleine sprachlich-rhythmische Veränderungen, die poetische Sprache vor Starrheit und Mechanik zu bewahren. So ist es auch hier in der zweiten Strophe: Jetzt leiten die Prädikate "begleiten", "umschauern"‚ "erleuchten" (all dies kann man auch vom Heiligen sagen) die Verse ein. "Du" bist für mich alles; du bist, wie Nikolaus von Kues von der unendlichen Ganzheit, Einheit und Größe Gottes gesagt hat, die coincidentia oppositorum. In dir fallen alle Gegensätze in eins zusammen: „Du kühler wind du heißer hauch“. Freilich will das Gedicht keineswegs konsequent religiös gedeutet werden. Von einem Gegenüber, dem sich die religiöse Verehrung zuwendet, würde man wohl kaum sagen: „Du schlank und…“. Es ist, wie gesagt, ein Liebesgedicht. Dass aber das geliebte Du geradezu geheiligt werden kann, das kennen wir aus der Liebesdichtung seit der Antike. In der deutschen Literatur ist Goethes "Werther" dafür ein prominenter Beleg.

Wie sehr dieser Bezug auf das Du das Ich berührt und lebendig macht, spürt man besonders schön im ersten Vers der zweiten Strophe, wo der ansonsten ganz konsequente Wechsel von betonten und unbetonten Silben ein einziges Mal durchbrochen und der Rhythmus selbst lebendig wird: „Begleitest mich auf sonnigen matten“. Es ist nicht zufällig gerade dieses Attribut, das mit dem abschließenden „licht“ korrespondiert. Mit dir, der du so ausgezeichnet bist und unterschieden von allen andern („Du blühend reis von edlem stamme“), so unerschöpflich und unergründbar („Du wie ein quell geheim und schlicht“) und den ich so liebe und verehre, wird alles neu (vgl. Offenb 21,5).

Wolfgang Braungart