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November 2016

November 2016

Fenster wo ich einst mit dir
Abends in die landschaft sah
Sind nun hell mit fremdem licht.

Pfad noch läuft vom tor wo du
Standest ohne umzuschaun
Dann ins tal hinunterbogst.

Bei der kehr warf nochmals auf
Mond dein bleiches angesicht ..
Doch es war zu spät zum ruf.

Dunkel – schweigen – starre luft
Sinkt wie damals um das haus.
Alle freude nahmst du mit.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S.151.


Ein helles „Fenster“ im „Dunkel“, Verheißung von „licht“, Wärme und menschlicher Gemeinschaft, von Angesprochensein für denjenigen, der „fremd“ vorübergeht, Wirklichkeit aber für denjenigen, der dort beheimatet ist, der aus der Geborgenheit des Innenraumes in die Weite einer abendlichen Landschaft schaut. Von beiden Erfahrungen spricht dieses Gedicht aus dem ‚Siebenten Ring‘ im Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit.

Gemeinschaft von „ich“ und „du“ waren „einst“, Verbundenheit, Licht und Sprache, hinter jenem „Fenster“, nicht einmalig, nein, „abends“, immer einmal wieder. Bis zur Mitte des dritten Verses, einem stark betonten „hell“, könnte sich das „einst“ im „nun“ wiederholen, könnte Heimkehr stattfinden, könnten „ich“ und „du“ sich wiederfinden. Doch ein einziges Wort, das Attribut „fremd“, verändert die Erwartung: aus Verheißung wird Abweisung. Schuberts Winterreisenden und vielen Rückkehrenden aller Zeiten erging es so, Gedichte und Lieder sprechen und singen davon.

Nicht alles ist verändert, „pfad“ und „tor“ sind noch vorhanden, rufen „nun“ die Abschiedsszene dem Erinnernden vor Augen: dort stand sie, drehte sich nicht „nochmals“ um, ging hinab, und da der „pfad“ sich „bog“, gab es eine „kehr“, letzte Möglichkeit einer Richtungsänderung vor dem endgültigen Verschwinden. „nochmals“, in diesem kurzen Augenblick, wäre Umkehr, wäre Kontakt möglich gewesen, ein anderes Licht , der „Mond“, machte ein „angesicht“ kenntlich. „Doch es war zu spät“, zu spät auch für eine Stimme, Kontakt herzustellen („ruf“). Endgültigkeit evoziert der Vers, mit dem das Schlussterzett einsetzt, bewegungs- da verblos: „Dunkel – schweigen – starre luft“. Das ist nicht das schweigende „Dunkel“ einer alles umhüllenden, bergenden Nacht. Schwer, von materieller Dichte und Undurchdringlichkeit sinkt es herab im Heute des Rückgekehrten „wie damals“, am Abend der Trennung.

Das wäre ein mögliches Gedichtende, die Reihe der au-Laute in Reimstellung „schaun“, „auf“ mit „haus“ abschließend. Aber George vervollständigt das vierte Terzett und zwar mit einem so einfachen, gar einfältig wirkenden Vers, der in seiner Lakonie den ganzen Schmerz und die Endgültigkeit der Trennung ausdrückt: „Alle freude nahmst du mit“.

Ist das große Poesie? Ein alltäglicher, ein banaler Satz? Diese einsilbigen Wörter wie „hell, licht, pfad, tor, kehr“, letzteres noch um das übliche Endungs-e verkürzt und maskulin gebraucht? Substantive ohne Artikel wie „Mond“, die schwer den Versanfang belasten? Und nicht zuletzt ein grammatikalisch falscher, wenn auch häufig umgangssprachlich verwendeter syntaktischer Anschluss: „Fenster wo“? Eben diese radikale Einfachheit und Knappheit, die schwere der Einsilber, sie erzeugen Unausweichlichkeit und – Poesie.

Das Erlebnis, die Erfahrung, von der das Gedicht spricht, teilen wir wohl alle, in diesem Gedicht können wir sie kathartisch, das heißt läuternd, wiedererleben und uns zugleich am gelungenen Kunstwerk freuen.

Ute Oelmann