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Mai 2016

Dies ist ein lied
Für dich allein:
Von kindischem wähnen
Von frommen tränen ..
Durch morgengärten klingt es
Ein leichtbeschwingtes.
Nur dir allein
Möcht es ein lied
Das rühre sein.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Ste-fan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stutt-gart 1982ff., Bd. VI/VII, S.136.


Kann ein Gedicht einfacher daherkommen als dieses? Bedarf es einer Erklärung? Kann nicht jeder von uns ein solches kleines „lied“ schreiben?

Dass es sich um ein Lied handelt, das behauptet der erste Vers, nicht mehr als dies, und erst der folgende zweite Vers präzisiert, indem er den Adressaten nennt: „ein lied für dich allein“. Die letzten drei Verse nehmen dann nicht nur die Reime der Eingangsverse wieder auf, sondern betonen noch einmal die Alleinstellung des angesprochenen Du und benennen die durchs Lied erhoffte Wirkung bei diesem anderen: es möge rühren. Nun ist Rührung heutzutage eine heruntergekommene Emotion, verweist auf Sentimentalität, vielleicht gar auf falsche Tränen. Zwei Attribute im mittleren Teil des Gedichtes, umklammert von den wirkmächtigen identischen Reimen „lied“ / „allein“ und dem Reimendklang „sein“, scheinen diesen Verdacht auch zu bestätigen: „kindisch“ und „fromm“. Ersteres ist schon immer in Absetzung von ‚kindlich‘ negativ verstanden worden, das andere mag für gar manchen heute auch einen fragwürdigen Beiklang haben.

Die Substantive, die mittels der Attribute qualifiziert werden, verstärken das noch. Hier finden sich die zuvor schon vermuteten „tränen“, und das „wähnen“ kommt doch dem Wahn und Wahnsinn recht nahe. Die exakte Parallelität der beiden Verse gibt ihnen zusammen mit dem weiblichen Reim Schwere und Nachdruck, und doch gleitet der syntaktisch noch gänzlich unbestimmte Doppelvers über zum nächsten Verspaar, in dem sich Klang und Bewegtheit, Heiterkeit und Leichtigkeit dem „lied“ mitteilen. Wie anders ist dieser Doppelreim „klingt es“ / „schwingt es“, semantisch und lautlich, beides voneinander untrennbar.

Im Zentrum des kleinen Liedes (4+1+4 Verse) steht das in seiner Zusammensetzung von Zeit und Raum ungewöhnliche Wort „morgengärten“, das ganz allein die Atmosphäre von Helligkeit und Heiterkeit, Schönheit und Beschwingtheit beim Lesenden oder Hörenden aufruft, die letztlich in dem kleinen „lied“ triumphiert. Der leise ironische Unter- oder Oberton aber, häufig Georges Werk abgesprochen, bleibt.

Das kleine Gedicht steht aber nicht nur für sich selbst, es ist das erste Gedicht der ‚Lieder I-VI‘ im Siebenten Ring und als solches setzt es auch den Ton für die folgenden fünf.

Ute Oelmann