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Mai 2015

Alles habend alles wissend seufzen sie:
>Karges leben! drang und hunger überall!
Fülle fehlt!<
Speicher weiss ich über jedem haus
Voll von korn das fliegt und neu sich häuft -
Keiner nimmt ..
Keller unter jedem hof wo siegt
Und im sand verströmt der edelwein -
Keiner trinkt ..
Tonnen puren golds verstreut im staub:
Volk in lumpen streift es mit dem saum -
Keiner sieht.

Stefan George: Der Stern des Bundes. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VIII, S. 29.


„Einfach liegt was wir teils erstrebten teils verewigten: eine kunst frei von jedem dienst.“ So rechtfertigte Stefan George 1896 sein Tun vor der eingeschränkten Öffentlichkeit einer „Gesellschaft der Blätter für die Kunst“, die keine Mitgliedschaft, nur „natürliche Angliederung“ kannte.

Das obige Gedicht aus dem „Ersten Buch“ des ‚Stern des Bundes‘, dessen Gedichte in der Mehrzahl vor 1910 entstanden, kennt ein solches „wir“ nicht. Hier setzt ein einzelnes Sprecher-Ich sich und sein Wissen mit allergrößtem Nachdruck einer Menge, einer Mehrheit und deren Allwissenheit und Allbesitz gegenüber: „Alles habend alles wissend seufzen sie“; es setzt „sie“, ihr Haben, Wissen und Klagen grundsätzlich durch Widerspruch ins Unrecht. Das Urteil lautet: sie sind alle blind!

Das ist Georges versifizierte Kritik an unsinniger Anhäufung von Reichtum und sozialer Verelendung. Wirksam, mit dem hämmerndem Rhythmus der Trochäen und dem angedeuteten Kehrreim, nimmt er das Gedicht in Dienst, seinerseits ebenfalls einer langen Tradition von Dichtung folgend, die nicht nur das Liebeslied, das Preislied und das Klagelied kannte, sondern auch Kritik, Verwerfung und Anklage.

Ute Oelmann