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März 2016

März 2016

Lilie der auen!
Herrin im rosenhag!
Gib dass ich mich freue •
Dass ich mich erneue
An deinem gnadenreichen krönungstag.

Mutter du vom licht •
Milde frau der frauen •
Weise deine güte
Kindlichem gemüte
Das mit geäst und moos dein bild umflicht.

Frau vom guten rat!
Wenn ich voll vertrauen
Wenn ich ohne sünde
Deine macht verkünde:
Schenkst du mir worum ich lange bat?

Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. III, S. 67.

Der dieses Lied als 25jähriger verfasste, wuchs nicht nur im Schatten der katholischen St. Martins-Kirche von Bingen auf, als Messdiener war er mit der Liturgie der Marienfeste ebenso vertraut wie mit zahlreichen Marienliedern und -gebeten. Ein Marienlied des Dichters, der mit 18 Jahren seinen Kinderglauben verloren hatte, ist allein schon bemerkenswert; dieses Marienlied fasziniert und befremdet zugleich bei der ersten Lektüre. Dabei ist es ein schönes Gedicht, wie es viele Marienlieder sind, schön in den Zuschreibungen Mariens, schön in seiner Lautgestalt, den verschlungenen Reimen über 15 Verse und 3 Strophen hinweg. Aber ist es überhaupt, was es zu sein scheint?

Überschriftslos konkretisiert vielleicht erst der zweite Vers die Angerufene, lässt vor Augen das Bild ‚Mariens im Rosenhag‘ von Stephan Lochner entstehen, mag auch die Anrede „Herrin“ erst einmal leicht irritieren. Rückwirkend lässt das berühmte Bildmotiv auch die Anrufung des ersten Verses „Lilie der auen“ als Marienpreis vertraut erscheinen: Lieder klingen an, in denen Maria als „Lilie ohnegleichen“ angesprochen wird, als „die Süße, die Lilie auserwählt“. Auch steht die Lilie als Symbol der Reinheit und Jungfräulichkeit im Bildvordergrund vieler Darstellungen der ‚Verkündigung‘. George hatte bei seinen Aufenthalten in Europas Hauptstädten viele Mariengemälde gesehen, darunter auch die berühmte ‚Krönung Mariens‘ von Fra Angelico in Paris. Auf diese Krönung, auf Maria als Königin, spielt nicht nur Vers 5 unseres Liedes an, sondern auch das frühere Gedicht ‚Ein Angelico‘(‚Hymnen‘ 1890). Als „Königin“, „erhabne Frau und Herrscherin“ wird die „Mutter“ Gottes in einem der bekanntesten Marienlieder gegrüßt, sie ist „Leuchte und Trost“, „unsere Hoffnung“ und „der Sünder Zuflucht“. All diese Zuschreibungen kennt und umspielt George, leichte Verschiebungen der Attribute vornehmend, so auch in Vers 11, der wohl am wenigsten bekannten Zuschreibung „Frau vom guten rat“. Und eben sie führt zurück zu Georges Bilderfahrungen (vgl. Vers 10 „dein bild“). Das Gnadenbild der ‚Maria del Buon Consiglio‘ befand sich damals schon seit langem in der Kirche von Genazzano bei Rom, und Tausende Kopien waren verbreitet, auch in deutschen Landen, eine befand sich sicher auch in Niederrad bei Frankfurt. Dort war am 15.8.1873 die Gemeindekirche ‚Maria, Mutter vom guten Rat‘ geweiht worden, die der 25jährige durchaus kennen mochte.

Nicht die Varianz der Zuschreibungen aber irritiert den Leser, es sind die Bitten des sprechenden Ichs (Freude und Erneuerung), vor allem aber die ketzerische Verkehrung: dieses Ich bittet nicht um Sündenvergebung, sondern bezeichnet sich selbst gegen jedes christliche Dogma als „ohne sünde“, maßt sich an, was für den Gläubigen nur auf Maria, die Angerufene zutrifft. Und schließlich ist, ebenso ketzerisch, die menschliche Verkündigung von göttlicher Macht (Vers 14) Voraussetzung für eine Erfüllung jener menschlichen Bitte um Erneuerung. Wer aber spricht hier? Der Sprecher des Gedichts, der Sänger des Liedes, und dieser ist nach Auskunft des Zyklentitels, unter welchem der „Sang“ steht, ein „fahrender Spielmann“, eine mittelalterliche Verkleidung des Dichters. Ist dann die Frage nicht naheliegend, ob diese nie beim Namen genannte “Frau“ nicht auch eine Gestalt der ‚Muse‘ ist?

Ute Oelmann