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Juni 2016

Paul Verlaine, Romances sans paroles
IV

Il faut, voyez-vous, nous pardonner les choses:
De cette façon nous serons bien heureuses
Et si notre vie a des instants moroses
Du moins nous serons, n'est-ce pas, deux pleureuses.

O que nous mêlions, âmes soeurs que nous sommes,
A nos voeux confus la douceur puérile
De cheminer loin des femmes et des hommes,
Dans le frais oubli de ce qui nous exile !

Soyons deux enfants, soyons deux jeunes filles
Eprises de rien et de tout étonnées
Qui s'en vont pâlir sous les chastes charmilles
Sans même savoir qu'elles sont pardonnées

Vergessene Weisen
IV

Wir müssen – siehst du – uns versöhnlich einen:
So können wir noch beide glücklich werden •
Und trifft auch manches trübe uns auf erden:
Sind wir doch immer – nicht wahr? zwei die weinen.

Vermischen wir mit unsren wirren drängen •
Verschwistert herz • das kindische belieben
Uns fern zu halten von der menschen gängen
Und frisch vergessen was uns weggetrieben.

Wir wollen kindern • jungen mädchen gleichen •
Den herzen die um nichts verwundert pochen •
Die unter keuschem blätterdache bleichen
Und wissen sich nicht einmal losgesprochen.

Stefan George: Zeitgenössische Dichter. Zweiter Teil. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. XVI, S. 20.


Stefan George war nicht nur Lyriker; er war auch ein großartiger Übersetzer europäischer Literatur. Durch seine Übertragungen hat er entscheidend dazu beigetragen, dass sich die deutsche Lyrik der Jahrhundertwende dem europäischen Symbolismus geöffnet hat. Wie intensiv ihn die europäische Lyrik seiner Zeit beschäftigt hat, zeigen die beiden Bände ‚Zeitgenössische Dichter. Übertragungen‘ (SW XV und XVI). Im Kreis um Stephane Mallarmé (1842 – 1899), zu dem er schon 1889 als ganz junger Mann Zugang gefunden hat, lernte er auch Paul Verlaine (1844 – 1896) kennen und mit ihm eine zuweilen liedhafte, melancholisch inszenierte Lyrik, deren Parlando-Ton ihn anzog und beeinflusste. Man sieht das besonders gut im ‚Jahr der Seele‘ oder in den ‚Liedern von Traum und Tod‘.

Das Gedicht, das wir hier vorstellen, stammt aus Verlaines Zyklus ‚Vergessene Weisen‘ (‚Ariette oubliées‘) im Gedichtband ‚Lieder ohne Worte‘ (‚Romances sans Paroles‘) von 1887. George übersetzt es vermutlich in 1892; er folgt dabei nicht sklavisch dem französischen Wortlaut, sondern eignet sich Verlaines Gedicht an und integriert es in seine eigene Sprachwelt. Ein schönes Beispiel ist der Schlussvers, in dem aus ‚pardonner‘ das Partizip ‚losgesprochen‘ wird. In der ersten Strophe wird dasselbe Verb dagegen noch aktiv übertragen: „Wir müssen – sieht du – uns versöhnlich einen“. Daraus wird am Ende ein rituell-sakraler Akt („losgesprochen“).

Das Gedicht lässt sich aber auch auf gesprächshafte, mündliche und durchaus zweifelnde Töne ein; „siehst du“ heißt es in der ersten Strophe und „nicht wahr“ (frz. „voyez-vous”, „n'est-ce pas”).

Ida Dehmel hat das Gedicht später auf ihre Begegnung mit Stefan George bezogen. Aber die Hoffnung, es könnte je wieder ein unschuldiges, kindlich-geschwisterliches Verhältnis zwischen „uns“ beiden möglich sein, „wir“ könnten doch noch einmal „frisch vergessen was uns weggetrieben“, ist in Wahrheit längst verloren. Man vergleiche Georges Übertragung einmal mit Mörikes wunderbarem Gedicht ‚Erinnerung. An C.N.‘: Auch dies ein Gedicht voller Sehnsucht nach Unschuld und Ganzheit der Kinderliebe im Wissen, dass sie unwiederbringlich dahin sind.

Wolfgang Braungart