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Juni 2015

Das Wort

Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum

Und harrte bis die graue norn
Den namen fand in ihrem born -

Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark...

Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart

Sie suchte lang und gab mir kund:
>So schläft hier nichts auf tiefem grund<

Worauf es meiner hand entrann
Und nie mein land den schatz gewann...

So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S. 107.


Unser Mai-Gedicht hat einen ganz anderen, gar nicht feinsinnigen George gezeigt, einen schroffen, harschen poetischen Kulturkritiker vielmehr. Worauf aber gründet sich seine Kritik? Auf welche Werte? Auf welchen normativen Horizont bezieht sie sich? Seit seinen Anfängen lässt George keinen Zweifel daran: die Sprach-Kunst selbst ist es, die Poesie. Gut, wird man sagen, ein Ästhetizist also. Aber muss uns das heute noch kümmern? Ja, es muss.

Denn hier, in diesem 1919 entstandenen und berühmt gewordenen Gedicht aus dem letzten Gedichtband ‚Das Neue Reich‘ nennt George einen ganz „tiefen grund“ für die Emphase, die der Sprach-Kunst gilt. Dieser „tiefe grund“ sind Rang und Würde der Sprache selbst. Die moderne Evolutionsforschung kann uns darüber belehren, dass die ungeheure Dynamik, die in die Entwicklung der Gattung ‚Mensch‘ vor vielen Tausend Jahren gekommen ist, höchstwahrscheinlich damit zusammenhängt, dass der Mensch zu sprechen begonnen hat, dass er zur Sprache gefunden hat. Jetzt kann er seine Erinnerungen auch ‚kommunizieren‘, also sprachliche Gemeinschaft mit anderen haben; jetzt kann er Zukunft planen; jetzt kann er Arbeit teilen; jetzt wird ihm Welt sprachlich zugänglich und damit ein symbolischer Kosmos.

Dieses Gedicht ‚Das Wort‘, das auch große philosophische Aufmerksamkeit gefunden hat, spricht von einem poetischen Ich, das aus der realen ‚Ferne‘ oder aus dem Reich der Phantasie, der inneren ‚Ferne‘ („traum“), „wunder“ mitbringt, Kostbarkeiten, welcher Art auch immer, die aber nun in Sprache gefasst werden müssen. Erst dann sind sie ‚greifbar‘ und können ihre Wirkung in der sozialen und kulturellen Welt entfalten. Diese Sprachfindung ist aber ein Geschenk des Schicksals, für das man bereit sein und auf das man warten können muss. Die „graue norn“ ist eine germanische Schicksalsgöttin. Sie findet den Namen – die Namengebung ist in allen Kulturen ein kultureller Akt von höchster Bedeutung – für die Dinge „in ihrem born“, im Brunnen also. Man darf hier wohl wohl sagen: im tiefen „Brunnen der Vergangenheit“ (Thomas Mann), der Kultur, in der Poesie selbst. Denn der Brunnen ist ein altes Symbol für die Poesie, das auch George immer wieder nutzt. Eine Kultur, so möchte ich jetzt schon etwas allgemeiner sagen, ist nach diesem ersten Teil des Gedichtes auf ihre ‚poetischen Quellen‘ angewiesen; aus ihnen muss sie schöpfen, sie muss sie wecken, wenn ihre „wunder“ wirksam werden, wenn sie ‘blühen und glänzen‘ sollen in unserer Gegenwart.

Nach dieser ersten Gruppe von drei zweizeiligen Kurzstrophen setzt das Gedicht mit einer weiteren Dreiergruppe neu ein. Wieder kehrt der lyrische Sprecher zurück; wieder bringt er etwas Besonderes mit, ein „kleinod reich und zart“. Doch diesmal misslingt die Sprachfindung. Und damit ‚gewinnt‘ der Gegenstand keinen sprachlichen Ausdruck und verflüchtigt sich. Diesen „schatz“ bekommt „mein land“ nicht; er kann also nicht geteilt werden und kann keine Gemeinschaft (‚communio‘) bilden.

Die Schluss-Strophe zieht dieses ‚traurige‘ Fazit: Wer die Sprache nicht hat, der hat auch keine Welt. Das gilt erst recht für die poetische Sprache, in der eine Kultur das feiert, was uns erst eigentlich hat zu Menschen werden lassen. Der Schlussvers ist jedoch mindestens doppeldeutig: So soll es nämlich auch sein („kein ding sei“): Wer die Sprache nicht hat, wer ihr Geschenk nicht zu würdigen weiß, der hat auch die ‚Kleinode‘ der Welt nicht verdient.

Wolfgang Braungart