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Juli 2017

Juli 2017

NACHMITTAG
Sengende strahlen senken sich nieder
Nieder vom wolkenfreien firmamente∙
Sengende strahlen von blitzender kraft.

Die südenklare luft in mittagstille.
Längs den palästen starb der menge wimmeln
Auf der fliesen feuer-bergender fläche.
Mit stummen zinnen und toten balkonen
Die langen mauerwälle starr dastehn
Heisshauchend wie wirkende opferöfen.
In den höfen umragt von säulengängen
Der versiegten brunnen kunst versagt∙
Auf beeten wo der büsche blätter sich krümmen
Halbverdorrter blumen odem lagert.

Sengende strahlen senken sich nieder
Nieder vom wolkenfreien firmamente.

Und dem Einsamen der mit entzücken sie fühlt
Der des gemaches duftender kühle entfloh
Gegenglut für verstörende gluten suchend
Stetig sie auf scheitel und nacken scheinen
Bis er rettender schwäche erliegen darf
Hingleitend bei eines pfeilers fuss.
Sengende strahlen senken sich nieder.

Stefan George: Hymnen Pilgerfahrten Algabal. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. II, S.14.


Millionen Touristen fahren oder fliegen jahrein jahraus nach Spanien, um sich an Stränden zu erholen, Sonne und Meer zu erleben; andere überfallen Städte wie Madrid, Barcelona, Valencia, feiern, trinken, essen und drängen sich durch weltberühmte Museen. Als Stefan George im August 1889 nach Spanien kam, in ein noch weitgehend agrarisch geprägtes Land, war er auf der Suche nach einer ihm noch wenig bekannten Sprache und Kultur, fasziniert von ihrem römischen, gallischen und maurischen Erbe. Eine gewisse Strenge und Herbheit gefielen ihm dort wohl stärker als die schwellende Vegetation und Lieblichkeit der zuvor besuchten südlichen Schweiz und Norditaliens. Damals fuhr man als 21jähriger Student nicht einfach nach Madrid, Toledo, Aranjuez, Murcia und San Sebastian, erst recht nicht, wenn man kein wohlhabender englischer Adliger oder arrivierter Künstler war.

Wir wissen kaum etwas über seine spanische Reise, nicht ob er dort Bekanntschaften machte oder gar Freunde fand, wissen nur, wo er in Madrid wohnte und dass er sich um die spanische Sprache bemühte. Spuren hat dieser frühe Spanienaufenthalt in einigen wenigen seiner Gedichte hinterlassen, in einer geringen Anzahl von Übersetzungen spanischer Dichtung sowie in der von ihm erfundenen Sprache lingua romana.

Eines dieser Gedichte ist „Nachmittag“, die vierte „Hymne“ seiner unter dem Namen Stefan George 1890 veröffentlichten Sammlung „Hymnen“, in nur 100 Exemplaren als Privatdruck erschienen. „Nachmittag“, ein Allerweltstitel für ein Gedicht mit hohem Anspruch, denn eben dieser Anspruch ist mit dem Bandtitel „Hymnen“ gegeben: Anknüpfung an eine große und lange Tradition und Widerspruch, Neubeginn zugleich. Sind diese reimlosen prosanahen Strophen und ihr daktylischer Refrain etwa hymnisch, das Gedicht ein Preislied, anknüpfend an antike oder frühchristliche Hymnik?

Es begegnen uns eine Überfülle an Licht, Hitze, Gerüchen („odem“ „hauch“), ein Handlungsort „palast“ wird aufgerufen durch „fliesen“, „zinnen“, „balkone“, „mauerwälle“, „höfe“, „brunnen“, „säulengänge“, „beete“ sowie – wenn auch nur im Vergleich auftauchende und doch leicht verstörende − „opferöfen“. Die schon damals zu Zeiten „wimmelnde“ „menge“ hat sich an kühlere Orte zurückgezogen, genauer gesagt, ihr “wimmeln“ „starb“, ein radikales, weil normalerweise jedes Leben beendendes Verb, das in den folgenden Versen nachtönt in „stumm“, „tot“, „versiegt“ und „halbverdorrt“. Obwohl wir Leser in diesen Strophen nicht in einem „du“ oder „ihr“ angesprochen sind, meinen wir doch den „odem“ „halbverdorrter blumen“ einzuatmen, so suggestiv wirkt nicht zuletzt die Lautlichkeit des Gedichtes.

Sind bislang (Vers 1-15) die „sengenden strahlen“ Subjekt des Gedichtes, so tritt mit Vers 16 unversehens in diese grelle Stille ein Einzelner, der „Einsame“. In Gegenbewegung zur „menge“ (Vers 5) ist er „des gemaches duftender kühle“ entflohn – man beachte den gelungenen Gegensatz von „heisshauchend“ und „duftender kühle“ − , eine für Südländer auch heute noch unsinnige Aktion. Und unsinnig ist sein weiteres Handeln und dessen Begründung: es gilt Feuer mit Feuer zu bekämpfen, Glut mit „Gegenglut“. Eine Korrespondenz von Innen und Außen wird von diesem Rasenden als Heilmittel gesucht, Gift gegen Vergiftung durch brennende Leidenschaft, durch ein die Einsamkeit überschreitendes Begehren. Erfüllung liegt so im Verlust der Sinne, am Ende stehen eine Bewegung der Unterwerfung und Hingabe und im ab-schließenden Vers die sengende, letztlich tödliche Kraft des Lichts.

Eine andere Ebene des Gedichts, die hier nur angedeutet werden kann, ergibt sich, wenn man mit Katharina Mommsen davon ausgeht, dass der Erlebnisort „palast“ mit dem Königschloss Escorial außerhalb Madrids gleichzusetzen ist. Der auch als Kloster dienende Palast wurde vom mönchisch lebenden, einsamen spanischen König Philipp II erbaut zum Ruhme und Andenken an den heiligen Laurentius und zwar „in Form eines Rostes“, weil dieser Heilige – der Legende nach – auf einem glühenden Rost den Märtyrertod erlitt.1

Eine Erwähnung des Escorials und eines Besuches dort findet sich nicht in den heute bekannten Briefen und Gesprächen Georges.

Ute Oelmann

1 Vgl. Katharina Mommsen: Zur Bedeutung Spaniens für die Dichtung Stefan Georges. In: George-Jahrbuch, Bd. 2 (1998/1999), S. 39f.