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Juli 2016

Südliche Bucht
An Ludwig von Hofmann

An grünen klippen laden selige gärten
Wo blumen sich mit blauen wogen mengen
Und frühe winde zart und glühend sprengen
Um den Gebunden die metallnen härten.

In lila-himmel streuen berge funken –
Hier lockt die dämmerung der saffirgrotte
Dort in verklärte fernen zieht die flotte ..
Ihn hat ein schauer jung geküsst und trunken

Dass er berührt vom spiel gewiegter hüfte
Den einen namen seufze sage singe ..
Und starker odem in dem zauberringe
Wie wein und honig meer und tempelgrüfte

Hat ihm in traumes ruhe-reich verholfen ..
Wo er in lied und segen der zipresse
Sein kaltes land und steiles werk vergesse
Langsam sich lösend vor den purpurgolfen.

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 69.


Gar mancher Lesende wird sich allein schon vom Titel des Gedichts angezogen und „sehnenvoll“ eingestimmt fühlen: ‚Südliche Bucht‘. Nein, wir denken auch 2016 nicht zuerst an von Chemie und Plastikabfällen verseuchte Strände, auch nicht an die zerstörten Schlauchboote von Flüchtlingen in der Ägeis oder gar an angeschwemmte Kinderleichen. Wir sind auch heute noch „Stets-wandrer“ und „seelenvoll des heitren südens preiser“ – so nannte George in einem anderen Gedicht des Jahres 1898 seine Landsleute und den deutschen Dichter Jean Paul (SW V, S. 53) – und als solche treten wir, mit dem ersten Vers beginnend, in eine Landschaft ein aus „klippen“, „gärten“, „wogen“, „himmel“, „berge[n]“, „grotte“, „meer“ und „golfen“, eine Welt intensiver Farben (grün, blau, lila, saphirblau, rot, purpur), von Bewegtheit („winde“) und Genuss („wein“, „honig“). Vielleicht gleichen wir auch jenem „Gebundnen“, dessen „metallne härten“ wie Eisenketten vom „winde zart“ gesprengt werden, vielleicht locken auch uns unterm leuchtenden Himmel die „nahe dämmerung“ einer „grotte“ sowie, die „bucht“ entgrenzend, „verklärte fernen“? Wer kennt nicht den Sehnsuchtsblick, der sich von der rauschhaften Fülle südlicher Vegetation auf das Meer hinaus wendet und den Schiffen bis an den Horizont folgt.

Aber diesem Entbundenen des Gedichts geschieht mehr, ihm geschieht Besonderes: ihn ergreift der Eros („schauer“), der Anblick eines oder einer Tanzenden („gewiegter hüfte“) und sogleich der drängende Wunsch, den einen geliebten „namen“ Laut werden zu lassen. Verjüngung, Trunkenheit, Sehnsucht und Bezauberung geschehen, ja „wein“, „honig“ und „tempel“ sakralisieren, heiligen gar das Erlebnis. Und „ihm“, der aus dem „kalte[n] land“ kam und gefesselt war durch den hohen Anspruch seines „werk[s]“, ihm wird Vergessen und Lösung gewährt. Schon die griechische Dichterin Sappho hatte den „gliederlösenden Eros“ gepriesen.

Nicht nur die Üppigkeit der Farben fällt auf an diesem Gedicht Georges aus dem Jahr 1898, auffällt vor allem auch die Üppigkeit der Sprache, die Vielzahl der Attribute und Adverbien, der Bewegungsverben, der Reihungen wie „seufze sage singe“. Das Gedicht ruft nicht nur eine südliche Landschaft herauf, sondern löst auch einen großen Reichtum von Gefühlen aus, auch beim Lesenden. Folgen wir ihm, Vers um Vers, so kommen auch wir in „traumes ruhereich“ an, jener „südliche[n] bucht“, die George während seines Romaufenthaltes im April 1898 vielleicht − und gerade so − erlebte, oder aber wir sind mit ihm angekommen in einer jener arkadischen Landschaften, einer jener südlichen Buchten, die der Darmstädter Jugendstilmaler Ludwig von Hofmann (1861-1945) häufig malte. Ihm ist das Gedicht gewidmet, mit ihm hatte sich George in Rom angefreundet. Vielleicht hatte er dort auch Bilder wie „Tanzende am Meer“ gesehen?

Ute Oelmann