Tickets online

Online-Ticketshop

Kaufen Sie Ihre Tickets für Binger Veranstaltungen online im Ticketportal "ADticket".

Mehr erfahren
Ticketshop
Pauschalarrangements

Bingen im Paket

Arrangements für Gäste

Mehr erfahren
Pauschalen

Januar 2017

Januar 2017

Lieder wie ich gern sie sänge
Darf ich freunde! Noch nicht singen
Nur dies flüchtige gedränge
Scheuer reime will gelingen.

Hinter reben oder hinter
Stillen mauern zu kredenzen
Zur erheitrung weisser winter
Und zum trost in fahlen lenzen.

Was ich nach den harten fehden
In den schooss des friedens bette
Und aus reicher jugend eden
In das leben über-rette.

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Ste-fan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IV, S. 49.


Als Bob Dylan im vergangenen Jahr der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, diskutierte das Feuilleton, ob Lieder Gedichte seien und damit als Literatur anzuerkennen. Von alters her besteht jedoch kein Zweifel daran: schon immer haben sich Dichter, wenn auch nicht alle, auch als Sänger verstanden und in eine große Tradition gestellt, sind Lied und Gedicht für einander eingetreten. Auch Stefan George, ja gerade auch er, hat ‚Lieder‘ verfasst. Am Beginn seines Werkes stehen die ‚Hymnen‘ von 1890 (SW II) und es folgen die ebenfalls noch frühen ‚Sänge‘ von 1895 (SWIII).  Lieder, von ihm als solche bezeichnet, gelangen ihm erst viel später, es waren ‚Lieder von Traum und Tod‘. Sie bilden den Abschluss des dreiteiligen Gedichtbandes der Jahrhundertwende, des ‚Teppich des Lebens‘ (SW V).

Die oben abgedruckten 12 überschriftlosen Verse stehen im Mittelteil des ‚Jahr der Seele‘ (SW IV), der seinerseits den Zyklentitel ‚Überschriften und Widmungen‘ trägt. Formal haben wir sogenannte Volksliedstrophen vor uns: vierfüßige Trochäen mit durchgehend klingenden zweisilbigen Reimen, im Gedicht selbst als „flüchtige[s] gedränge / Scheuer reime“ bezeichnet. Zwar steht am Ende des vierten Verses, stark betont, das Wort „gelingen“, aber es wird durch das „Nur“ von Vers 3 eingeschränkt. Der Sprecher, das „ich“ von Vers 1, bekennt den angesprochenen „freunde[n]“, dass er das eigentlich angestrebte, das „Lied“, noch nicht zu singen vermag. In ihm, dem Dichter George, lebt in den Jahren 1892 bis 1896 eine Vorstellung von Dichtung, Gedicht und Gesang, die noch unerreichbar ist, ja unerlaubt („darf“). Es wäre vielleicht ein „lied /Im klaren tone deiner freudentage“ (SW IV, S. 90), es wäre Preisgesang.

Unser kurzes Gedicht wiederum hat durchaus eine Funktion und zwar für den Sprecher selbst und auch für die angesprochenen „freunde“. Sowohl die Erinnerungen reicher Jugend als auch die Kämpfe („harten fehden“) früher Mannesjahre werden durch die jetzt möglichen, die vorliegenden Gedichte, durch Sprüche (‚Überschriften‘) und ‚Widmungen‘ ins „leben“ gerettet, sie bieten in Herbst, Winter und Frühjahr wie kredenzter Wein (den George ein Leben lang trank und liebte) „erheitrung“ und „trost“. Schön, wie es George gelingt, mit den beiden Substantiven „reben“ und „mauern“ sowie dem im Kontext von „reben“ stimmigen Verb „kredenzen“ eine / seine Landschaft anzudeuten, ohne sie festzulegen, Raum lassend der Imagination. Diese knapp angedeuteten Funktionen der ihm jetzt, im Folgenden, möglichen Dichtung sind, auf den nackten Begriff gebracht, wenig erstaunlich: Erheiterung und Trost. Erstaunlich aber ist der zehnte Vers, weist er doch ein in Georges Dichtung außergewöhnliches Bild auf und in und mit ihm die wichtigste Funktion der folgenden Gedichte: Das lange Zeit friedlose Ich „bette[t]“ ein in der Strophe Ungenanntes in den „schooss des friedens“ und „rette[t]“ es damit, durch den Reim unauflöslich verbunden, in „das leben“.

Befriedung und Hinüberrettung werden die im Zyklus folgenden Gedichte leisten, auch wenn sie noch keine “Lieder“ sind: sie schaffen und gewährleisten Gedächtnis bis zum heutigen Tag.

Dr. Ute Oelmann, Leiterin des Stefan-George-Archivs in Stuttgart