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Januar 2016

Kahl reckt der baum
Im winterdunst
Sein frierend leben∙
Lass Deinen traum
Auf stiller reise
Vor ihm sich heben!
Er dehnt die arme –
Bedenk ihn oft
Mit dieser gunst
Dass er im harme
Dass er im eise
Noch frühling hofft!

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S.140.


„Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ Keine Frage, ein Ausruf, und die Begründung folgt auf dem Fuße des nächsten Verses: „Wie gut, daß sie am Sterben teilhaben!“ ‚Ende eines Sommers‘ lautet der Titel des Gedichts, das mit diesen Versen beginnt und, nein, es ist nicht von Stefan George, es ist ein Gedicht von Günter Eich. Erschienen 1955, setzt es ein vielstimmiges „Gespräch über Bäume“ fort, welches zuvor ein heute noch recht bekanntes Gedicht infrage gestellt hatte, Bertolt Brechts ‚An die Nachgeborenen‘, 1939 veröffentlicht mit den verstörenden Versen „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“. Es waren die Zeiten der Diktatur der Nationalsozialisten, Zeiten von Vertreibung, Mord und Exil. Und ein anderer, ein deutscher jüdischer Dichter nach Auschwitz, antwortete ebenfalls mit verzweifelten Versen darauf:

Ein Blatt, baumlos,
für Bertolt Brecht:
Was sind das für Zeiten,
wo ein Gespräch
beinah ein Verbrechen ist,
weil es so viel Gesagtes
mit einschließt? (‚Schneepart‘, 1971)

Stefan Georges Baumgedicht aber, zwei Weltkriege vor jenem Paul Celans geschrieben, stellt uns Lesern ein bekanntes Bild vor Augen: einen winterkahlen Baum. Trotz winterlicher Starre der Natur ist es ein erstaunlich lebendiges Bild: der Baum „reckt“ (Vers 1) seine „arme“ (Vers 7), er friert, aber er lebt (Vers 3). Hier ist von einem ganz anderen „Trost“ die Rede als bei Eich, der Baum teilt nicht menschliches Sterben, sondern wir Menschen wissen um den Kreislauf der Natur, wir, als Schauende, wissen, dass er lebt, das mag uns Hoffnung geben auf eigene Erneuerung, auf eigenen „frühling“. So endet ja Georges Gedicht: „Dass er im eise / Noch frühling hofft!“ Aber solche Hoffnung für den Betrachter findet sich nicht in diesem kleinen, durch wunderbare Reime eng verwobenen Kunstwerk: der Schauende, der Sprechende ist es, der seinen „traum“ dem „baum“ als „gunst“ gewährt, vielfach, denn, so ist zu schließen, der Baum ist ohne Wissen um seine Frühlingsauferstehung, und deswegen ist er „im harme“. Eine erstaunliche Umkehrung Stefan Georges, gegen jede Tradition!

Das kleine titellose Gedicht gehört in die Reihe jener zugleich höchst kunstvollen und schlichten ‚Lieder I-VI‘, die 1907 als Teil des ‚Siebenten Rings’ erschienen, über deren Entstehung wir nichts wissen, da keine Handschriften überliefert sind, auch kein früherer Druck.

Ute Oelmann