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Februar 2017

Februar 2017

Die tote Stadt

Die weite bucht erfüllt der neue hafen
Der alles glück des landes saugt · ein mond
Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·
Endlosen strassen drin mit gleicher gier
Die menge tages feilscht und abends tollt.
Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt
Am felsen droben die mit schwarzen mauern
Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht
Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·
Das schweigen ihre weihebilder schüzt
Und auf den grasigen gassen ihren wohnern
Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.
Sie spürt kein leid · sie weiss der tag bricht an:
Da schleppt sich aus den üppigen palästen
Den berg hinan von flehenden ein zug:

›Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
Wenn ihr nicht helft – im überflusse siech.
Vergönnt uns reinen odem eurer höhe
Und klaren quell! wir finden rast in hof
Und stall und jeder höhlung eines tors.
Hier schätze wie ihr nie sie saht – die steine
Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange
Und reif vom werte ganzer länderbreiten!‹

Doch strenge antwort kommt: ›Hier frommt kein kauf.
Das gut was euch vor allem galt ist schutt.
Nur sieben sind gerettet die einst kamen
Und denen unsre kinder zugelächelt.
Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.
Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben
Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss
Ihn übers riff hinab zum meere stösst.‹

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S. 30 f.


Die Stadt ist ein großes, altes und vielschichtiges Motiv der Literatur- und Kulturgeschichte. Das Bedeutungsspektrum reicht schon in der Bibel vom heilsgeschichtlich-utopischen Himmlischen Jerusalem bis zum unübersichtlichen, verworrenen, ja sündigen, verkommenen Babylon, dem nur der Niedergang bestimmt sein kann. Diese Spannung wird auch in Georges kulturkritischem Gedicht von 1903 entfaltet, das in den Zyklus der allesamt sich diagnostisch verstehenden, rhetorisch angelegten ‚Zeitgedichte‘ gehört, mit dem der Gedichtband ‚Der Siebente Ring‘ von 1907 eröffnet wird.

Drunten am „neuen hafen“, dem Symbol moderner, dynamischer sozialer und ökonomischer Kommunikation, liegt auch die neue Stadt, wo „mit gleicher gier / Die menge tages feilscht und abends tollt“. Die wertende Perspektive ist, wie man sieht, von vornherein klar. Das Gedicht lässt keinen Zweifel daran, was von dieser Stadt zu halten ist, deren Bewohner nur höhnisches Pseudo-Mitleid für die „mutterstadt“ übrig haben, die „am Felsen droben […] verarmt daliegt“. Sie scheint ihre beste Zeit also längst hinter sich zu haben und keine Zukunft vor sich.

Aber das täuscht. Denn die „stille veste“ droben kennt eine eigene, innere Stärke, ganz gegen den äußeren Schein der Armseligkeit („Die glieder blühen durch verschlissnes tuch“); und sie zieht daraus Zuversicht. Sie hat ihre heiligen Werte („weihebilder“) nämlich nicht preisgegeben. (Die drunten offenbar schon.) Das Heilige hat seinen Sitz auf dem Berg, in der Höhe; was einen besonderen Rang hat, wird erhöht. Das ist ein grundlegendes kulturelles und religiöses Muster.

Und so lässt der zweite Teil des Gedichtes nun auch tatsächlich die kleine, unbestechliche Schar droben über die von drunten triumphieren, deren große „zahl“ allein schon „frevel“ sein soll. Ein scheinbar nicht näher bestimmtes „ödes weh“ lässt die Bewohner der neuen Stadt „verderben“. Krank („siech“) sind sie in all ihrem „überflusse“. Sie wissen selbst nicht weiter. Hinauf zur „mutterstadt“ ziehen sie deshalb und flehen um Rettung. Auf ihre uralte Herkunft besinnen sie sich jetzt; von ihren neuen, bloß materiellen Werten aber haben sie sich nicht wirklich gelöst. „[S]chätze wie ihr nie sie saht – die steine / Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange / Und reif vom werte ganzer länderbreiten!“ – das bieten sie an. Damit wollen sie sich in die rettende Höhe einkaufen. Größer könnte das Missverständnis jedoch kaum sein: Genau „[d]as gut was euch vor allem galt“, ist nämlich nichts als „schutt“; es macht selbst das „öde weh“ aus. Nur die auserwählten Sieben, die früh schon zur Umkehr bereit waren, sind gerettet. Für die andern jedoch gilt: „Euch all trifft tod.“

Schroffer geht es kaum. Verständigung ist hier nicht möglich. Vier einsilbige Wörter fällen in härtestem Rhythmus das Urteil. Noch drastischer heißt es sogleich: „Schon eure zahl ist frevel.“ Wie kann man allen Ernstes so etwas sagen, selbst im Freiraum eines Gedichtes? Dass die moderne ‚Masse‘ an sich schon fragwürdig, ja womöglich verachtenswert ist, sagen freilich andere Autoren auch. Besser wird es dadurch jedoch nicht. Vorstellungen dieser Art, dass „das richtige Leben im falschen“ (Adorno) nur von der kleinen, auserwählten Gemeinschaft, vom neuen Adel bewahrt wird, auf dem alle Hoffnung für die Zukunft ruhen soll, gibt es um 1900 und bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts vielfach. Auch heute noch kommen sie immer wieder auf. Gewiss, ein Gedicht darf konfrontativ und entschieden reden. Uns Heutige aber befällt bei solchen Versen, die so genau zu wissen scheinen, woher das Heil kommt und woher nicht, mit Recht ein tiefes Unbehagen, so berechtigt uns die Kritik eines billigen Konsumismus sicher oft scheint. Denn so ist es doch: Wir haben nichts als unsere Vernunft, auf die wir setzen müssen; und wir brauchen unsere Bereitschaft zum Gespräch und zum produktiven Streit, in dem wir uns um Verständigung über unsere Werte zu bemühen haben und unsere Zukunft gemeinsam suchen und gestalten wollen zwischen Alt und Neu. Aber so wenig ist das gar nicht. Freilich: Herausfordernd und anstrengend, das ist es schon.

Wolfgang Braungart