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Februar 2016

Februar 2016

TIMON
(vor seiner Hütte)

Wie lieblich liegt ihr da im morgenlicht
Ihr glücklichen gefilde die die woge
Des heiligen stroms bewässert. Goldne Sonne
Du lächelst in dem heitren himmelsblau
Du öffnest aller blumen duftige kelche ..
O könntest du Natur den frieden
Den du den dingen gibst - auch mir verleihn!
Den kleinen gram vermagst du wol zu scheuchen
Jedoch die brust die grossen kummer birgt
Fühlt umso tiefer ihn und deutlicher
Je zartre süssere lüfte sie umziehn.

Stefan George: Schlussband. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. XVIII, S. 8.


Nur dieser kurze, betrachtende Monolog Timons bildet die „erste Stufe“ des Dramas ‚Manuel‘, das in drei ‚Stufen‘ zwischen 1886 bis 1894 entstanden ist. Es ist ein Jugendwerk noch, wenigstens in den ersten beiden Teilen, das George aber nicht verleugnet hat und selbst für den ‚Schlussband‘ seiner Werkausgabe vorsah.

Man kann diesen Monolog auch als Frühlingsgedicht lesen. „Strom“ und „Sonne“ werden angesprochen und mit diesen elementaren Kräften die ganze „Natur“. Im anbrechenden Frühling wird Natur als ein großer All-Zusammenhang erfahrbar, der das weite „heitre himmelsblau“ genauso wie „aller blumen duftige kelche“ umfasst, also Makrokosmos wie Mikrokosmos. Nur einer fühlt sich ausgeschlossen: der poetische Sprecher selbst. Gerade dann, wenn sich der neue Morgen der wieder erwachenden Natur zeigt, spürt der Sprecher hier seine „exzentrische Positionalität“, wie der Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner die Stellung des Menschen in der Welt wirkungsmächtig charakterisiert hat. Der Sprecher unseres Februargedichtes gehört nicht dazu. Er steht außerhalb des All-Zusammenhangs der Natur. Aber eben deshalb kann er, was er sieht und spürt, beschreiben. Differenz, seit dem 18. Jahrhundert sagt man dafür auch Entfremdung, ist die Bedingung poetischer Wahrnehmung und Reflexion.

Noch klingen diese Verse des jungen George sehr epigonal; an Goethe (‚Mailied‘) oder Hölderlin (‚Abendphantasie‘) mögen sie ein wenig erinnern. Noch sind sie schematisch, hölzern, wenig geschmeidig, gerade im zweiten Teil des Monologs. Aber die Melancholie, die für Georges ganzes Werk einen wichtigen Grundton abgibt und in poetische Produktivität gewendet wird: sie äußert sich schon hier.

Wolfgang Braungart