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Februar 2015

Die ersten wochen nach Erscheinung des Herrn hatten ausser den
fremdländischen gesichten der drei Weisen mit gold weihrauch und
mirren kaum andere erinnerungen als die schlittenfahrten über den
zugefrorenen strom • der mit der ebene eines geworden war. Um
Mariä Lichtmess hörten wir viel von der zunehmenden helligkeit und
der hoffnung auf winters ende. In der frühe gingen wir zur weihe des
wachses und empfingen tags drauf den segen der kerzen. Der
Fasching wo wir mit bunten und seltsamen kleidern einherzogen
brachte uns die schau einer umgekehrten welt • wo sich männer in
weiber und menschen in tiere verwandelten. Morgens noch als
es dunkelte • sagten kinder die auf hohen stangen aufgespiesste brote
trugen singend die Fastnacht an. Am Aschermittwoch traten wir zum
altar und der priester zeichnete unsre stirnen mit dem aschenkreuz.
[…]

Stefan George: Tage und Taten. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. XVII, S. 14.


Nie hat Stefan George einen Zweifel daran gelassen, dass er vom Mittelrhein kommt; auf Bingen bleibt er sein Leben lang bezogen. Sehr genau und von Kindheit an kennt er auch die Welt des Katholizismus mit ihren Bräuchen und Ritualen. Am Kirchenjahr, von dem der ‚Kindliche Kalender‘ in einer sehr einfachen, klaren, eigentümlich zeitlos wirkenden Sprache redet, erfährt er, wie die religiös gegliederte Zeit zum Leben selbst gehört. Das religiöse und das profane Leben bilden eine Ganzheit wie der „zugefrorene […] strom • […] mit der ebene“.

Stefan George war in erster Linie Lyriker; er hat nur wenig, aber äußerst genaue, schöne Prosa geschrieben. Im Band ‚Tage und Taten‘ sind diese Texte versammelt. Der Titel spielt sehr deutlich und selbstbewusst auf das Lehrgedicht ‚Werke und Tage‘ des Hesiod an (um 700 v. Chr.), das ist der erste griechische Dichter, der als individuelle Person begriffen werden kann. In einer solchen ehrwürdigen, archaischen Tradition sieht sich George also. ‚Der Kindliche Kalender‘, dessen Anfang wir hier wiedergeben, ist nicht genau datierbar; George veröffentlichte ihn erstmals 1925.

(Wolfgang Braungart)