Tickets online

Online-Ticketshop

Kaufen Sie Ihre Tickets für Binger Veranstaltungen online im Ticketportal "ADticket".

Mehr erfahren
Ticketshop
Pauschalarrangements

Bingen im Paket

Arrangements für Gäste

Mehr erfahren
Pauschalen

Dezember 2016

Dezember 2016

Der Weisheitslehrer

Seit dreissig jahren hast du gepredigt vor scharen
Wer steht nun hinter dir? >kein einzelner – die welt.<
O lehrer dann hieltest du besser die türen geschlossen
Du hast für nichts gewirkt als für ein blosses wort.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982 ff., Bd. IX, 2001, S. 87.


Harsche Worte, das muss man sagen. Harsche Worte – von dem, der „das wort“ so sehr achtet und ihm eine geradezu weltschaffende Kraft zuspricht (s. unsere Interpretation des Gedichtes gleichen Titels, Juni 2015). „Weisheitslehrer“: das ist eine Übersetzung des aus dem Griechischen kommenden Begriffes ‚Philosoph‘ (‚sophia‘ – Weisheit). Aber der Philosoph muss, wie der Begriff sagt, die Weisheit auch lieben, nicht nur lehren wollen. Wörter, die mit ‚Philo-‘ gebildet werden, bezeichnen einen Freund, einen Liebhaber von etwas. Wer die Weisheit nur lehrt, aber nicht liebt, verfehlt sie gerade dadurch und insofern auch sein Amt, seine Aufgabe.

Was aber würde es bedeuten, die Weisheit lehrend zu lieben? Sie muss sich auf den ‚Einzelnen‘ richten, auf das Individuum. Sie muss An-Sprache und Hin-Sprache sein. Sie darf nicht nur vage „die welt“ meinen, also auf Erfolg, Ruhm, Ansehen „vor scharen“ schielen, die dann „hinter“ einem stehen. Was „du“, „o lehrer“, sagst, kann seine verändernde Kraft nur am Einzelnen zeigen. Das ist der Prüfstein für die Wahrheit des Wortes. Das gilt auch und besonders für das poetische Wort.

Das kurze, spruchhafte Gedicht, 1914 geschrieben und in Stefan Georges letztem Gedichtband ‚Das neue Reich‘ veröffentlicht, steht in einer ganzen Reihe spruchhaf-ter und weisheitlicher Gedichte (etwa: ‚Erzieher‘ und ‚Belehrung‘, Sämtliche Werke IX, ebenfalls S. 87), die nun die Jüngeren im Kreis direkt ansprechen (so zum Bei-spiel Berthold von Stauffenberg). Schon in der Antike nimmt sich Lyrik die Freiheit, auch weisheitlich und belehrend zu reden. Goethe ist wohl der größte poetische ‚Weisheitslehrer‘ deutscher Sprache. Georges Gedicht setzt nicht auf poetische Rätselhaftigkeit, auf herausfordernde Metaphern und geheimnisvolle Symbole. Es will deutlich etwas zu sagen haben; es ist aufgebaut aus Rede und Gegenrede; es ist rhetorisch. Aber es deutet doch auch das eigene Recht der poetischen Sprache an; dies vor allem mit dem dritten Vers, der konsequent rhythmisiert ist (ein Auftakt, dann fünf Daktylen – also jeweils eine betonte mit zwei weniger betonten Silben – , der letzte Daktylus um eine Silbe verkürzt). Der Weisheitslehrer muss auch die Sprache selbst lieben, nicht nur die rhetorische Wirkung.

Längst ist George, als er dieses Gedicht schreibt, über Ästhetizismus und Symbolismus hinaus; sein Kreis hat sich gebildet; viel wird über ihn in der Öffentlichkeit gemunkelt. George nimmt nun selbst immer stärker eine erzieherische Haltung ein: vor allem in persönlichen Gesprächen, weniger stark in seinen Briefen. Aber eben auch, wie man sieht, in seinen Gedichten. Fast mag es einem heute vorkommen, als ermahne er sich mit diesen spruchhaften Versen sogar selbst: Zuallererst hast du das Individuum anzusprechen. Und du darfst dabei das Poetische nicht vergessen. So schützt sich die Kunst vor unbestimmter und leerer Allgemeinheit und, aus dem Rückblick auf ein Jahrhundert dürfen wir das wohl sagen, vor rhetorischer Demagogie.

Wolfgang Braungart